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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-27 · Heft 18 (27.4.1886) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 18 (27.4.1886)
Date
1886-04-27
Page
Seite 280 (sequence 8)
Language
German
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280 liebenswürdigsten Weise gratulirt und zwar auch im Namen seiner „Stefanie", der Kronprinzessin. Wien, 15. April. (Privatmitth.) Die kleine, aus nur drei Mitgliedern bestehende Antisemitenfraction im Abgeordnetenhause weiß sehr wohl, daß sie nichts auszurichten vermag und zur Ohnmacht verurtheilt ist. Dies verhindert sie aber nicht, sich überall vorzudrängen. Sie will damit nichts weiter, als immer von Neuem ihr Dasein kundgeben, damit man ihrer nicht vergesse. So stellte sie in der heutigen Sitzung, als das Landsteuergcsetz verhandelt wurde, den Antrag auf einfache Tagesordnung. Sie fiel damit mit allen gegen 6 Stimmen durch. Die Spezialdebatte wurde darauf mit 178 gegen 44 Stimmen beschlossen. Budapest, den 8. April. (Privatmitth.) Angelo de Gubernatis, ein italienischer Gelehrter, der mit den Sprachen der Slaven, Germanen und Romanen vertraut ist und an der Spitze einer literarischen Revue steht, veröffentlichte im vorigen Jahre ein Werk „La Hongrie politique et sociale“, in dem der Judenfrage ein ganzes Eapitel gewidmet ist und sie in ganz antisemitischem Sinne gelöst wird. Der Italiener erblickt eine eminente Gefahr für Ungarn's Bestand und Zukunft in den Juden: sie vermehren sich, so argumentirt er, rascher als die Ungarn; die Kinder der Juden besuchen die öffentlichen Schulen in größerer Anzahl als die der Ungarn und übertreffen ihre christlichen Mitschüler und Mitschülerinnen durch Talent, Eifer und Fleiß; die jüdischen Jünglinge widmen sich in größerer Zahl als die christlichen den Studien und — auch das jagt dem gelehrten Italiener Furcht und Schreck ein — die jüdischen Mädchen in Ungarn fand er im Allgemeinen schön, liebenswürdig, reizend. Ganz besondere Gefahr erblickt er für Ungarns Hauptstadt, die sehr bald ein ungarisches Jerusalem zu werden droht. Er erwartet daher, daß das ungarische Parlament Gesetze gebe, um der Vermehrung der Juden in Ungarn ein Ziel zu setzen. Wer dem Herrn Angelo de Gubernatis, der sich nur kurze Zeit in Budapest aufhielt, das Material zu seinem Buch gegeben hat, das wissen wir nicht; bezeichnend ist, daß der Verfasser dem ungarischen Kultus- und Unterrichtsminister viele Complimente macht und ihn als den „Minister der Renaissance" bezeichnet. Angelo de Gubernatis verwahrt sich dagegen, daß er mit den ungarischen Antisemiten irgendwie sympathisire. Diese zählen ihn jedoch, und dies mit Fug und Recht, zu den ihrigen und er hat die Genugthuung, daß der Antisemit Andreünßky in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses eine ganze Reihe von Aussprüchen des italienischen Gelehrten als Belveis für die Schädlichkeit der ungarischen Juden citirte. Den wahren Angelo de Gubernatis lernen wir aus der Rede des Abgeordneten Dürday kennen. Man könne sich, meint Därday, aus den italienischen Schriftsteller keineswegs als auf eine Autorität berufen; der betreffende Schriftsteller ging mit seiner Waare so zu sagen hausiren, wovon die Mitglieder des Hauses genugsam zu erzählen wissen. Angelo de Gubernatis ein Hausirer! Daß man einen ausländischen Gelehrten — und noch dazu einen Antisemiten — einen Hausirer nenne, dagegen protestirt Andreänßky feierlich; der Präsident des ungarischen Parlaments fand aber nicht, daß das gegen die Würde des Hauses verstoße. Angelo de Gubernatis — ein Hausirer! Das ist der wohlverdiente Lohn.*) K. Frankreich Paris, 16. April. (Privatmitth.) Wir erinnern uns, daß, als der Antisemitismus in Deutschland wüthete, Ihre österreichischen Correspondenten immer wieder versicherten: dergleichen kann in Oesterreich, namentlich in Wien garnicht Vorkommen. Das Gegentheil hat sich erwiesen, und die Oesterreicher haben in dieser Beziehung die Deutschen abgelöst. Ebenso tröstete man sich mit dem Mangel an jeder antisemitischen Gesinnung in Frankreich, und die antisemitischen Skribenten bemühten sich, die Ursache davon in der geringzähligen jüdischen Bevölkerung in Frankreich zu finden. Mit der Zeit hat sich auch hier gezeigt, daß es an judenfeindlichen Leuten durchaus nicht fehlt. In Algerien hat es Judenhetzen genug gegeben und die meisten dortigen Blätter wimmeln von Verleumdungen der Juden. Nun, die eingeborenen Mohamedaner nahmen an diesen Wühlereien keinen Theil und diese werden von dem größtentheils französischen Gesindel betrieben, das sich in Algerien angehäuft hat. Selbst die französische Deputirtenkammer ist nicht frei davon geblieben und der ehemalige Seinepräfekt Andrieux machte sich zum Organ der Antisemiten. Glücklicher Weise steht dieser überaus wandelbare Mann in keinem Ansehen. Man richtet den Angriff, da man die Stellung der Juden in Frankreich auch nicht im Geringsten zu erschüttern vermag, auf das durch Crömieux 1870 von der provisorischen Regierung erlassene Dekret über die Naturalisirung der eingeborenen Juden Algeriens. Doch auch dieses Experiment ist bis jetzt ganz erfolglos geblieben. In den Pariser Blättern findet man oft genug judenfeindliche verläumderische oder entstellende Aeußerungen. Allerdings sind die Versuche, antise- *) Es giebt jetzt eine Sorte Skribenten, die sich in zwei Klaff en theilt: die eine schreibt zu Gunsten der Juden und bettelt bei den Juden; die andere schreibt gegen die Juden und bettelt bei den Feinden der Juden. Man kann beide Klaffen schon deshalb nicht genau unterscheiden, weil, wenn die Umstände es räthlich machen, sie das Geschäft vertauschen und im entgegengesetzten Sinne schreiben. Wo sich ein Profitchen verspricht, da gehen sie hin. Man sieht, daß auch Italiener mit wohlklingendem Namen sich aus dieses Geschäftchen verstehen. Redaktion.

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