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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-27 · Heft 18 (27.4.1886) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 18 (27.4.1886)
Date
1886-04-27
Page
Seite 278 (sequence 6)
Language
German
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Deutschland. Berlin, 12. April. Unter diesem Datum erhalten wir eine Zuschrift, nach dem Eingang, folgenden Inhalts: „Seitdem sich die antisemitische Strömung hier in Berlin so ziemlich verlaufen hat, habe ich mehr und mehr die traurige Wahrnehmung gemacht, daß die meisten jüdischen jungen Kaufleute sowohl unter sich als auch besonders den Christen gegenüber, sich in religiösen Fragen theilweise vollständig gleichgültig verhalten, theilweise — und zwar letzteres mit Vorliebe — über ihre Religion spötteln. Ich halte das für das Judenthum für schlimmer als den ganzen Antisemitismus. Wie kann man denn von den Christen Achtung vor einer Religion verlangen, deren Mitglieder selbst ihnen eine derartige Meinung davon beibringen! Ich verlange von den jungen Leuten fürwahr keine Heuchelei religiöser Gefühle, aber das könnte man doch von ihnen verlangen, daß sie der Religion, für die ihre Väter und Großväter geduldet haben, aus Pietät Achtung entgegenbringen. Ich kann nicht umhin daraus für das Judenthum ein ungünstiges Prognostikon zu stellen. Es thäte wahrlich Noth, daß von irgend einer Seite Schritte dagegen gethan würden." — H. P. Wir müssen diese Wahrnehmung leider! als richtig annehmen, wenigstens für Berlin und wohl auch andere große Städte. Die Ursache liegt jedenfalls in der vernachlässigten religiösen Erziehung und dem mangelhaften Religionsunterrichte. Was die religiöse Erziehung betrifft, so haben wir unsererseits oft bemerkt, daß gerade die jungen, aus streng orthodoxen Familien hervorgegangenen Leute jede Achtung vor der väterlichen Religion und ihren Gebräuchen abwerfen. Gegen den Mangel an gutem Religionsunterrichte wird mit aller Anstrengung gekämpft — aber die auszufüllende Lücke ist noch gar zu ausgedehnt. Man übersehe nicht, daß die staatlichen Einrichtungen den jüdischen Religionsunterricht gänzlich ignoriren und derselbe in der ganzen Volksschule und in der Mehrzahl der höheren Lehranstalten noch fehlt. Würde ein solcher Zustand für die christlichen Kreise bestehen, so wäre der Erfolg gewiß kein anderer. Für uns resultirt hieraus nur die dringende Aufforderung an Lehrer, Vorstände und Eltern, immer mehr und besser für den Religionsunterricht zu sorgen. Dazu haben wir 1837 aufgefordert und dazu fordern wir noch heute auf! Redaktion. — In einer Versammlung von Nähterinnen, die jetzt die Fühlung mit den „Christlich-Sozialen" suchen, erzählte ein gewisser Krankemann, durch eine Karte sei er zu Hrn. Stöcker beschieden worden. Derselbe habe ihn gefragt, ob er fortan in konservativem Fahrwasser segeln wolle? Jawohl! habe er geantwortet. Darauf habe ihm Hr. Stöcker 50 Mk. gegeben, die er „anständig durchgebracht" habe. Wer ein warmes Herz für die Arbeiterinnen habe, der müsse auf sozialdemokratischem Standpunkte stehen . . . kaum hatte er das Wort gesprochen, so löste der Polizeilieutenant die Versammlung auf. Kassel, 1. April. Man schreibt der „Frkf. Ztg.": Der Versuch der vereinigten Antisemiten und Konservativen, die „Kasseler Zeitung", welche entschieden die freisinnigen Grundsätze vertritt, durch ein Konkurrenzunternehmen zu schädigen, ist nicht geglückt, im Gegentheil sie haben nur bewirkt, daß die „K. Z." eine festere Grundlage gewonnen hat. Es sind nämlich freisinnige Männer zusammengetreten, um eine eigene Druckerei zu begründen; während die „K. Z." seither von dem jeweiligen Drucker abhängig war, und dadurch wiederholt in Verlegenheit kam, ist sie nun völlig sichergestellt. Die von den Antisemiten angekündigte: „Neue Kasseler Zeitung" ist nach Erscheinen der ersten Probenummer bereits verendet. Uebrigens erfreut sich die von (der auf dem Gebiete der hessischen Literatur rühmlichst bekannten) F. Zwenger geleitete „Kasseler Zeitung" infolge ihrer entschiedenen und doch maßvollen Haltung eines wohlverdienten Ansehens und einer großen Verbreitung. Aus Württemberg, im April. (Privatmitth.) Nach der neuesten Schulstatistik zählt Württemberg nur 27 israel. Elementarschulen u. ca. 20 Religionsschulen. Unter der Aufsicht der evangelischen Oberschulbehörde sind 17 Schulen, welche von 10 definitiven Lehrern und 7 Schulamtsverwesern versehen werden und 183 Knaben und 300 Mädchen zählen. An den 10 Schulen unter der Aufsicht der K. katholischen Oberschulbehörde unterrichten 10 definitive Lehrer und 1 Unterlehrer 156 Knaben und 206 Mädchen. Diese 27 Schulen zählen also 841 Schüler, also nur durchschnittlich 31 Kinder, während bei den christlichen Schulen auf 1 Claffe ca. 73 Schüler kommen. — Dem Hilfsgeistlichen der Stuttgarter israel. Gemeide vr. Stößel ist durch die Entschließung des K. Staatsmini' steriums vom 7. April der Titel und Rang eines Rabbiners verliehen worden. München, 9. April. (Verwaltungsgerichtshof.) Die Beschwerde der Cultusgemeindemitglieder Nathan Forchheimer und Meyer Blecher zu Regensburg gegen den Beschluß des dortigen Stadtmagistrates wegen Entrichtung eines Eintrittsgeldes von 120 M. zur israelitischen Cultusgemeinde Regensburg wurde kostenfällig verworfen. Nach Inhalt der vom Synagogenausschuß verfaßten und von den

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