Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1886)
- Date
- 1886-04-27
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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277 der Anstalten aufzunehmen, bis jetzt noch unberücksichtigt geblieben. Vier Zöglinge besuchen das Gymnasium und erhielten am Schlüsse des Schuljahres Prämien. Die anderen werden in der Anstalt selbst unterrichtet. Die religiöse Erziehung und der Unterricht in Religion und im Hebräischen wird mit Sorgfalt behandelt. Vielleicht das richtigste Existenzmittel der Anstalt besteht in der Abhaltung von Jahrzeiten, deren sie bereits 678 zählt. Im verstossenen Jahre erhielt das Waisenhaus an besonderen Gaben M. 4812, an Legaten und Jahrzeitstiftungen M. 18 050; Beiträge 6 500. Die Einnahmen beliefen sich auf M. 46 326. Davon wurden M. 12000 für verzinsliche Anlagen verwendet und Kassenbestand blieb M. 3162, so daß verausgabt wurden für die Anstalt selbst M. 31163. Die Werthpapiere im Besitze des Waisenhauses belaufen sich auf M. 157 853. Bekanntlich besitzt dasselbe auch ein sehr schönes und ausgedehntes Grundstück. — Neben der Waisenerziehung liegen uns, wir gestehen es offen, am meisten die Bildung von Handwerkern und die Stipendienstiftungen für Studirende auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Kunst und Polytechnik am Herzen. In Beziehung auf die elftere liegt uns heute folgende Correspondenz vor. Unter den wenigen Vereinen und Stiftungen zu Stipendien für Studirende bemerken wir die „Gabriel Rieffersche Stipendienstiftung in Fürth." Sie wurde im Jahre 1866 zum Andenken an Gabriel Riesser gegründet und zwar besonders in Fürth, weil daselbst die Mutter Riesters beerdigt liegt und zwei Schwestern desselben wohnen. Sie begann mit sehr kleinen Mitteln, mit 806 Gulden Gründungskapital und 100 Gulden Jahresbeiträgen. Dennoch fand schon am 22. April 1867 die erste Vertheilung von Stipendien statt. Wie weit sich seitdem die Stiftung vergrößert hat, ersieht man aus der Rechnung pro 1883, wo die Einnahmen sich auf M. 6920 beliefen, die allerdings 1884 sich zu M. 5693 minderten, was einen Grund darin hat, daß 1863 an Zuschlüssen und Legaten zum Fond M. 4836 einliefen, 1884 hingegen nur M. 1440, wogegen aber sich die Beiträge von M. 1356 auf M. 3647 steigerten. Es wurden 1883 an Stipendien M. 2050, 1884 M. 3120 vertheilt. An Kapitalien besitzt die Stiftung gegenwärtig M. 17381. Im letzten Jahre waren 27 Bewerbungen eingelaufen, von welchen 6 nicht berücksichtigt werden konnten. Es wurden bis jetzt unterstützt ein Theologe mit M. 120, 60 Juristen mit M. 8355, 46 Mediziner mit M. 6200, 7 Philologen mit 1115, 19 Polytechniker mit M. 3165, und 51 Seminaristen mit M. 3015, in Summa M. 21,970. Die größte Portion betrug M. 350, die kleinste M. 30. In der That zeigt dieses Resultat, wie weit aus kleinem Anfang fortgesetzter Eifer zu führen vermag. Man darf sich deshalb niemals abschrecken lassen, ist man von der Güte seines Zweckes überzeugt und hat darin Zustimmung einiger bewährter Männer gefunden, wenn auch der Erfolg Anfangs ein geringer erscheint. — Der israelitische Unterstützungsverein in Worms, der vor Kurzem seinen 25 jährigen Bestand gefeiert, gab im verflossenen Jahre an Spenden für 1281 Personen M. 2714 aus und hat seinen eisernen Fond auf M. 10700 gebracht. In dem Berichte wird hervorgehoben, daß sich die Zahl der Gewohnheitsbettler, namentlich aus dem Auslande, bedeutend verringert, dagegen bei der Ungunst der Zeit die Zahl der verschämten Armen bedeutend vermehrt hat. Die Organisation des Vereins ist sehr löblich. Täglich 11—12 sind 2 Comitsmitglieder im Geschäftszimmer des Vereins anwesend, um Gesuche zu empfangen und abzufertigen. — Auch in Oran (Algerien) hat sich nach Mittheilung der Arch. isr. ein Verein gebildet zur Bekämpfung der Bettelei. Der Verein erhielt in 6 Monaten an 7000 Frcs. durch 110 Mitglieder und seine Wirksamkeit bethätigt sich bereits in erfreulichem Maße. Wir haben schon wiederholt auf eine Stiftung in Frankfurt a. M. aufmerksam gemacht, welche in allen größeren Gemeindennachgeahmt werden müßte. Unseres Wissens existirt eine gleiche nur noch in Paris. Wie nothwendig wäre sie aber nach mehrfachen Richtungen hin in Städten wie Berlin, Hamburg, Wien, Pest u. a. Wir meinen das „Mädchenstift zu Frankfurt a. M.", von welchem der 9. Jahresbericht vorliegt. Was zu beklagen, ist, daß dieses Stift bis jetzt an Räumlichkeiten und Mitteln noch zu beschränkt ist, um den vielen Bewerbungen, die an dasselbe gelangen, auch nur verhältnißmäßig genügen zu können. Dasselbe verfolgt ja das segensreiche Streben, jungen Mädchen während ihrer Ausbildungszeit zu einer selbständigen Gewerbthätigkeit Verhältnisse zu gewähren, in welchen sie ebenso ihre Ausbildung beenden als auch vor jeder Unbill geschützt werden. Am Schluffe des Jahres befanden sich 23 Pfleglinge in dem Stift, von denen einige das Seminar, andere das Conservatorium besuchen, während die übrigen in Confections- und anderen kaufmännischen Geschäften thätig sind. Bier verließen die Anstalt, die nunmehr selbständig für ihr weiteres Fortkommen Sorge zu tragen befähigt sind. Unter Leitung einer ausgezeichneten Hausmutter bietet die Anstalt das Gesammtbild eines fröhlichen und einträchtigen Familienlebens. Im Laufe des Jahres 1885 erhielt das Stift Geschenke zum Kapitalfond M. 2020, für den Betrieb M. 3318, an Mitgliederbeiträgen M. 4044 und an Pensionsgeldern M. 4755, während die Zinsen des Fonds bereits M. 2580 betragen. Es blieb ein Saldovortrag von M. 883 zurück. Wir unterlassen es nicht, unsre Leser auf diesen Zweig der Wohlthätigkeit besonders aufmerksam zu machen.