Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1886)
- Date
- 1886-04-27
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
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*76 unserer Propheten vertrauen, welche schließlich doch alle Völker zu einer großen Familie, zu Friede und Recht sich vereinigen lassen. Pest, den 14. April 1886. Äus dem ungarischen Abgeor-netenhause. Victor Jstoczy, der Führer der ungarischen Antisemiten' hatte heute seinen großen Tag: er entwickelte seinen Antrag auf Einführung der Börsensteuer und gab der Freude Ausdruck, daß er heute mit seinem Antisemitismus nicht mehr allein stehe, sondern auf eine Partei Hinweisen könne. Jstoczy, der die Judenhetze sich zur Lebensaufgabe gestellt, bezeichnet alle Börsen der Welt als Fndenbörsen und als die wirksamsten Mittel der Juden, um ihre Superiorität über die Christen in volkswirthschaftlicher Beziehung zu erhalten daher erfordere das Interesse aller Staatsbürger die Vernichtung dieser Auswüchse. Er beruft sich in seiner Motivirung u. A. auf „ den ausgezeichneten Juden Eduard Lasker, welcher zu einem deutschen Disraeli oder Gambetta herausgewachsen sein würde, wenn Deutschland keinen Bismarck gehabt hätte, der ihm die Flügel gelähmt." Interessanter als die Jeremiade des incarnirten Judenfeindes war die Antwort, welche ihm der Finanzminister Graf Szapary ertheilte. Er sprach: „Vor Allem fühle ich mich verpflichtet, offen und entschieden zu erklären, daß ich durchaus nicht die Absicht habe, auf Dasjenige einzugehen, was in der Motivirung des Gesetzentwurfes des Herrn Abgeordneten Jstoczy enthalten ist und was er soeben wieder vorgebracht hat. Ich habe nicht die Absicht darauf einzugehen, weil meiner Auffassung nach die Principien, zu welchen der Herr Abgeordnete und seine Gesinnungsgenossen in Betreff des Antisemitismus sich bekennen, in vollem Widerspruche mit der Rechtsgleichheit stehen (Zustimmung rechts; Widerspruch unter den Antisemiten), sie stehen in vollem Widerspruch mit allen Principien, auf welchen die ungarische Verfassung ruht; somit will ich auf Dasjenige, was er vorgebracht hat, umsoweniger eingehen, als ich nicht glaube, ihn und seine wenigen Genossen capacitiren zu können, und als diese Principien von der riesigen Majorität des Hauses und des Landes entschieden verurtheilt werden. (So ist's! rechts.) Der Herr Abgeordnete wollte auf die Verbreitung des Antisemitismus aus dem Umstande einen Schluß ziehen, daß — wie er sagte — nicht bloß der Antisemitismus selbst, sondern auch ein solcher Entwurf, wie der Börsensteuergesetz- Entwurs, Anhänger findet. Darauf muß ich erklären, daß die Börsensteuer meiner Auffassung nach mit dem Antisemitismus in keinerlei Zusammenhang steht. Die Börsensteuer kann eingeführt und von jedem Abgeordneten angenommen werden, ohne daß man ihn deshalb zum Antisemiten stempeln müßte. (Zustimmung.) Auch der Präsident des Hauses hält es für geboten, im Interesse der Hausordnung zu bemerken, daß nämlich der Gesetzentwurf auch von Abgeordneten unterfertigt wurde, die sich nicht zum Antisemitismus bekennen, ferner, daß auch der Herr Abgeordnete anläßlich der Motivirung dieser Vorlage das Judenthum in einem gewissen gehässigen Lichte erscheinen lassen will. Er bittet in Betracht zu ziehen, daß die größten Börsenumtriebe in Amerika in Schwang sind und daß dort die Börse in keinerlei Verbindung mit dem Judenthum steht. Indem der Herr Abgeordnete die Börse mit dem Judenthum in Verbindung bringt, versetzt er das Haus in die Lage, in Verbindung hiermit eine Frage zu behandeln, welche sich in keinem wahren Zusammenhänge damit befindet. Das Haus beschließt auf Antrag des Finanzministers, den eingereichten Gesetzentwurf an den Finanz- und an den volkswirthschaftlichen Ausschuß zu leiten. Wohlthätige Werke. VI. Ein Freund unseres Blattes bezeichnete es als einen glücklichen Gedanken, daß wir unter obiger Rubrik die sonst vereinzelten und zerstreuten Berichte über wohlthätige Anstalten, Vereine und Pläne zusammenstellen. Es ergäbe sich mit der Zeit daraus eine Statistik der jüdischen Wohlthätigkeit, so weit diese sich auf gemeinsame Zwecke bezieht, zwar nicht der Zahl, wohl aber ihrer Bedeutung und ihren Tendenzen nach. Man erkenne, worin wir noch mangelhaft bestellt seien und wonach wir auch besonders zu streben hätten. Aus dieser Ansicht ging allerdings diese Rubrik hervor, und wir werden sie fleißig fortsetzen. Daß das Material dazu nicht fehlt, erkennen unsre Leser aus der häufigen Wiederkehr dieser Artikel. — Das israelitische Waisenhaus zu Paderborn hat seinen 26. Jahresbericht ausgegeben, welcher von der fortdauernden Blüthe dieser Anstalt, von der Gunst, die ihr das Publikum zugewendet, Zeugniß giebt, obschon ihr vor Kurzem eine Conkurrenz drohte. Im abgelaufenen Jahre faßte das Waisenhaus 59 Waisen, 30 aus der Rheinprovinz und 29 aus Westfalen, woraus zur Genüge die Unrichtigkeit des der Anstalt gemachten Vorwurfes hervorgeht, sie nehme in verhältnißmäßig viel größerer Zahl Waisen aus Westfalen als aus der Rheinprovinz auf. Entlassen wurden 9 Zöglinge, ausgenommen 11. Die ersten wurden vollständig mit neuer Kleidung versehen und in die Lehre gebracht. Der Bericht besagt dies Mal nicht, wie viele davon sich dem Handwerke, wie viele dem Kaufmannsstande gewidmet haben. Auch ist unser Vorschlag, Handarbeitsunterricht in den Erziehungsplan