Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1886)
- Date
- 1886-04-27
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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275 gebiete, die unter der Flagge „des Schutzeder nationalen Arbeit" einen Krieg Aller gegen Alle hervorrief, und da zu gleicher Zeit die Finanzen der meisten europäischen Staaten in große Verlegenheiten geriethen und neue Steuern nicht entbehren konnten, wurde das Princip des Freihandels verdrängt und das System der Schutzzölle in immer weiterem Maße eingeführt. So steht jetzt jeder Staat, wie militairisch mit einer Reihe Festungen, so gewerblich mit Protectionszöllen umgeben da, und die Industriellen und Kaufleute jeder Nation werfen eifrig die Blicke aus, wo etwa die Rivalen aus einer anderen Nation einen Vortheil errungen haben, um welchen sie wieder gebracht werden müßten. Wie dies Alles immer wieder zur Verschärfung des Nationalhasses gereicht, ist allzu klar. Nur in einem Punkte gelangen die Nationalzeloten zu keinem Erfolge, nämlich in dem Verlangen, daß die kaufende Welt sich von demselben Fanatismus leiten lassen und die eigene Waare, wenn sie schlecht und theuer, der fremden vorziehen solle. Hiermit sind sie nicht zum Ziele gekommen. So oft auch der Ruf ertönte: „Keine französische Waare!" „Kaust von keinem Juden" oder „von keinem Deutschen" oder „von keinem Polen!" Der Ruf verhallte bald wieder, denn Jeder sucht die Befriedigung seines Bedürfnisses, wo er sie am ehesten und besten findet. — Möge immerhin im vorigen Jahrhundert die kosmopolitische Anschauung die Oberhand gewonnen und die Nationalität sich weit nachgestellt haben — man war eben aus dem früheren engeren Gesichtskreise herausgetreten und wollte nun diesen gründlich beseitigen — man ist in unseren Tagen zu der Einsicht gelangt, daß das Nationalbewußtsein einen großen Inhalt und einen wesentlichen Zweck besitze. Die Entfaltung der Eigenart jeder begabten Nation hat nicht allein für diese, sondern auch für die ganze Menschheit einen unabsehbaren Werth. Schon die Geschichte lehrt uns dies; denn was die Menschheit errungen hat, verdankt sie dieser Entfaltung der nationalen Eigenart. Wir brauchen nur auf die Egypter, Chaldaer, Hebräer, Phönizier, Hellenen und Römer hinzuwcisen, aus deren materiellen und Geisteserzeugnissen das ganze Gut des Menschengeschlechtes hervorgegangen, und dies nur dadurch, daß eine jede dieser Nationen ihren eigenen Weg gegangen, wenn auch die späteren unter ihnen von ihren Vorgängern entlehnten. Und so ist es auch in unserer Zeit trotz der nivellirenden Cultur und des raschen Austausches dessen, was jede Nation erzeugt hat. Niemand, der die Geistesanlagen und Charaktere der verschiedenen Nationen erforscht, wird verkennen, wie sehr auch heute sich dieselben von einander unterscheiden und für sich und für die Gesammtheit werthvolle Produkte aus ihrer Eigenart liefern. Durch die angemessene Stärkung des Nationalbewußtseins wird also einerseits die schöpferische Kraft des Volkes gefördert und entwickelt, andrerseits die Nation befähigt, sich nach Außen hin kräftig zu schützen und ihre Selbständigkeit zu wahren. Bon so unverkennbarem Einfluß und Werthe ist also das Nationalbewußtsein und Nativnalgefühl. Das Nebel liegt aber nun darin, daß theils durch äußere Ereignisse, theils von Innen heraus dieses Gefühl leidenschaftlich erregt, diese Liebe für die eigene Nation zu feindseliger Gesinnung, ja zu Haß gegen andere gesteigert wird. Bald überbietet man sich in diesen Gesinnungen und stachelt sich gegenseitig immer mehr auf. Es liegt in der menschlichen Natur, daß sie in der Schätzung zur Ueberschätzung, in der Neigung zur Uebertreibung kommt. Dann aber gesellt sich der Ehrgeiz und der Eigennutz dazu. Nicht blos prunkt man mit seiner Hingabe an die nationale Sache; man glaubt auch nicht mit Unrecht, durch sein nationales Gebühren im Volke wie in den herrschenden Kreisen vorwärts zu kommen, zum Range von Führern sich aufzuschwingen. So hetzt man das Volk immer mehr aus, intriguirt und lügt, um den Gegenstand seines Hasses immer verhaßter zu machen, verfolgt und mißhandelt, wie die Gelegenheit sich darbietet. Aber man sucht diese auch auf. Wo man innerhalb der Nation ein fremdartiges Element zu finden glaubt oder hofft, richtet man seine Angriffe auf dasselbe. An den friedlichsten und der Nation am engsten sich anschließenden, aber schwächeren und mit Vorurtheilen belasteten Theilen der Bevölkerung, setzt man seine Hebel zuerst an und mit Erfolg. Dies war die Aussaat des Antisemitismus in Deutschland und Ungarn. Hierdurch gestärkt, sucht man andere Massen des Volksganzen auf. Wehe dem Lande, in welchem die gemischte Bevölkerung vorzugsweise vorhanden ist! Diese Staaten werden bis auf den innersten Grund zerrüttet. So naturgesetzlich und unentbehrlich also auch die Nationalität ist und das Bewußtsein und Gefühl fördert: so wird doch eine Zeit, in welcher die Nationalitätssucht zur allgemeinen Richtung und zur Leidenschaft wird, große Rückschritte in der Humanität, Gerechtigkeit, Frieden und in der Wohlfahrt der Völker selbst machen. Wir können deshalb einen solchen Zustand nur als eine Krise betrachten, aus welcher die richtige Schätzung, die Ausgleichung, die Verschmelzung der Humanität mit der Nationalität in richtigem Maße hervorgehen werde. Diese Ueberzeugung halten wir fest. Frägt man uns nach den Mitteln, durch welche der Ausgang dieser Krise herbeigeführt werden könne, so haben wir keine bestimmte Antwort zu geben. Wir stützen uns nur auf die Erfahrung, daß in der Menschenwelt jede übertriebene Action zur Reaction, jede Verdunkelung der Geister zur Erleuchtung führt, daß Alles was zum Extrem gebracht wird, sich wieder abstumpft. Wir wollen hier dem Aristoteles und Maimonides Glauben schenken, welche meinen, daß man von einem Extrem durch das andere zur Mitte, zur Wahrheit und Tugend gelange. Wir wollen auf die Weissagung 18*