Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 17 (20.4.1886)
- Date
- 1886-04-20
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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263 wir heimgesucht werden, ebenso wenig als dies zu den Zeiten Esther's die Folge des physischen Todes Haman's war; aber wir geben die Hoffnung nicht auf, daß dieser ganze Hexensabbath in nicht ferner Zeit sein Ende erreicht haben wird. Wir werden in dieser Anschauung dadurch bestärkt, daß die Antisemiten sich gegenseitig befehden. Auf unserem Gebiete macht jetzt der jüdische Wählerverein, der sich in der letzten Zeit hier gebildet hat, viel von sich reden. Wir zweifeln nicht daran, daß die Gründer desselben die besten Intentionen haben; wir können uns jedoch mit demselben nicht befreunden, und zwar aus folgenden Gründen: Mit Ausnahme der antisemitischen oder der ausschließlich confessionellen Vereine werden die Juden als solche gerne von allen Vereinen ausgenommen, wie das auch in der Natur der Sache liegt. Ein Verein wird eben bedeutender, je größer die Zahl seiner Mitglieder ist, und durch dieselben ist er auch in der Lage, über mehr Mittel zu verfügen. Es ist daher nicht einzusehen, warum die Juden ohne allen Grund sich selbst ein Ghetto errichten sollen. Mit welchem Recht können wir Juden über Separatismus klagen, wenn wir uns selbst ohne allen Grund von den andern Bürgern trennen und absondern? Dieser Verein verquickt überdies Politik und Religion, ein Moment, gegen das wir stets angekämpft haben. Der Verein schwächt schließlich dadurch seine Kraft, weil er das confessionelle Moment in den Vordergrund stellt und alle Enunciationen, die von demselben ausgehen, werden dadurch bei weitem schwächer, als wenn sie von einem gewöhnlichen Vereine ausgingen. Wien, 6. April. (Privatmitth.) Es ist immerhin eine eigenthümliche Erscheinung, daß zu gleicher Zeit antisemitsche Führer, nämlich Türk und Jstoczy, in das österreichische und das ungarische Abgeordnetenhaus Gesetzentwürfe über eine einzuführende Börsensteuer eingebracht haben. Es läßt dies voraussetzen, daß sie sich darüber verständigt hatten und daß sie diesen Antrag als einen antisemitischen Schachzug gegen die Juden ansahen. Daß sie ihn nur deshalb eingebracht, um Gelegenheit zu haben, ihrem Judenhasse wieder einmal Luft zu schaffen, ist nicht anzunehmen; denn diese Leute finden immer dazu Gelegenheit und läge diese noch so fern; sie wissen sie vom Zaun zu brechen. Also sie glauben wirklich oder geben sich den Anschein zu glauben, daß sie hiermit gegen „den Kapitalismus" ankämpfen, d. h. in ihrem Sinne die Juden schädigen. Nichts ist thörichter. Wir sehen nicht ei», warum, wo alles Gewerbe und aller Handel mit Steuern belegt wird, die Börsengeschäfte frei ausgehen sollten. Daß die Juden an der Börse sehr stark vertreten sind, geht die ungeheure Menge der anderen Juden garnichts an, und stellen doch auch die Christen ein genügendes Contingent. Die Hauptsache aber ist, daß schließlich nicht die Banquiers, sondern das Publikum die Steuer zahlt, für welches die Geschäfte gemacht werden. Dieser Schachzug der Antisemiten ist also gänzlich als solcher gegenstandslos und kann von uns mit größter Ruhe betrachtet werden. Wien, 6. April. Der österreichische Reichsrathsabgeordnete vr. Josef Kopp, der treffliche Vertheidiger des Rechts und der Wahrheit, veröffentlicht in Wiener Blättern die nachfolgende Erklärung: Bon persönlichen Freunden und wohlwollenden Parteigenossen wurde ich wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß verschiedene Blätter, die ich nicht lese oder gar nicht kenne, aus Anlaß meines Buches „Zur Judenfrage" eine abenteuerliche Geschichte erzählen, die, von kleinen Varianten abgesehen, darauf hinausläuft, ich hätte dieses Buch im Aufträge der AJüance Israelite geschrieben und sei von ihr mit einer ganz exorbitanten Summe entlohnt worden. Im politischen Kampfe alt geworden, bin ich gegen Angriffe aller Art ziemlich abgestumpft und huldige mit Vorliebe dem guten deutschen Sprichwort, „wer sein Haus baut an der Straßen, muß die Leute reden lassen." Ich verhielt mich daher ablehnend gegen freundliche Aufforderungen, die erwähnte Fabel zu berichtigen, umso mehr, als ich es für eine Anmaßlichkeit und eine moderne Unart halte, eine persönliche Angelegenheit vor dem großen Publikum zu erörtern. Wenn ich diesem Grundsatz endlich doch untreu werde, so bewegt mich hiezu ein besonderer Grund. Es ist ganz in der Ordnung, daß der Advokat für seine rechtsfreundliche Vertretung bezahlt wird, so wie jeder Andere, der in seinem Berufe arbeitet. Die Höhe der Entlohnung wird durch Uebereinkommen oder Richterspruch bestimmt und selbst eine glänzende Honorirung könnte nur gemeiner Neid bemängeln. Anders ist es, wenn der Advokat als Schriftsteller austritt, und wie ich es in dem Vorworte gethan habe, dem Publikum erklärt, er habe mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, mit redlichem Eifer nach Wahrheit gesucht und lege nun dem Publikum das Resultat dieser Mühen vor. Wer öffentlich so spricht und insgeheim doch nur der bestellte und bezahlte >Schristenversasser einer Partei ist, der belügt und betrügt das Publikum, der entweiht seine Feder in schmachvollster Weise und verdient weder Achtung noch Glauben. In dieser Erwägung also, um Zeugniß abzulegen für die Glaubwürdigkeit meines Buches, welches keine Zeile enthält, von deren Wahrheit ich nicht durchdrungen wäre, trete ich jener albernen Fabel entgegen. Schon im Verlaufe dieses Prozesses sprachen allerlei Anzeichen dafür, daß Rohling es auf die gerichtliche Entscheidung nicht werde ankommen lassen, um nicht in öffentlicher Verhandlung entlarvt zu werden. Ich trug mich daher schon im Laufe des Prozesses mit j bem Gedanken, im Falle der Einstellung des Verfahrens die! Ergebnisse der Untersuchung zu publiciren. Kurz vor der