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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-20 · Heft 17 (20.4.1886) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 17 (20.4.1886)
Date
1886-04-20
Page
Seite 260 (sequence 4)
Language
German
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260 in Treue und Frieden wandeln will, dem ist die Gottesfurcht die Helle Leuchte und der starke Stab. Wer von der Gottesfurcht verlassen ist, er schwankt und strauchelt aller Orten, sein Gemüth wird verdüstert, er fühlt sich verlassen und verödet. — „Die Gottesfurcht ist der Weisheit, ist der Erkenntniß Anfang", der Weisheit, welche im wirklichen Leben den Menschen zum gedeihlichsten Ziele leitet, der Erkenntniß, welche dem Geiste in allen ihn bestürmenden Fragen und Problemen das rechte Licht zuführt, um zu wissen, was er als Ueberzeugung in seinem Schoße zu bergen habe, und worüber hinaus dem Menschen der Aufschluß versagt ist. Es ist keine willkürliche Beschränkung, die er sich auferlegt, sondern die Begrenzung der Kräfte, wie sie in jedem erschaffenen Wesen nach seiner Art, also auch im Menschen vorhanden ist. Die Gottesfurcht ist also und muß sein die Grundlage und Grundveste alles Forschens und Erkennens. Denn die Gottesfurcht ist identisch mit dem Gottglauben, und jeder Denkbau, der auf einem anderen Fundament errichtet wird, ist auf losen Sand gebaut. Das ist auch das Natürliche. Tief im menschlichen Wesen liegt der Gottglaube begründet, und all die zahllosen Geschlechter, die über die Erde gewandelt, haben dieses ihrem Geiste eingesenkte Element empfunden und gedacht und das unwiderstehliche Bedürfniß nach eineni Gottesbegriff gefühlt und ihren Kräften gemäß befriedigt. Gegen diese, durch die Geschichte von der untersten bis zur höchsten Stufe der Eultur erwiesene Thatsache sind alle Kämpfe der Atheisten nichtig. Ja, in dem Grunde ihrer Seelen ist auch den Leugnern dieser Gottglanbe gegenwärtig und dringt in den Stunden der Erregung wieder aufwärts, mögen sie sich auch noch so sehr dagegen sträuben und in der Oeffentlichkeit es verneinen. Sie wenden ein, daß der Gottglanbe den Menschen anerzcgen werde. Aber wir fragen, wenn Eltern, die sich selbst der Religion entfremdet habe», sich gedrungen fühlen und es als eine theure Pflicht ansehen, in die zarten Seelen ihrer Kinder den Gottglauben einzusenken, die Gottesfurcht in ihnen zu entwickeln und die weitere Erziehung darauf zu gründen, ist dies nicht Bekenntniß genug, daß sie ihre Kinder auf anderem Wege zu sittlichen und pflichtgetreuen Menschen heranbilden zu können nicht meinen, also die Gotteserkenntniß als den allein richtigen Pfad durch das Leben betrachten? Darum, ihr Eltern, lasset euch nicht durch Jrrthum oder Trägheit veranlassen, rechtzeitig in den euch anvertrauten Seelen die Blüthe der Gottesfurcht zu entfalten und sie durch eigenes Beispiel, durch Wort und Thal zu dereinstigen Früchten fähig zu machen. Ihr öffnet ihnen dadurch „die Quelle des Lebens". Literarischer Wochenbericht. Berlin, 30. März. Die „Voss. Ztg." enthält folgenden schätzenswerten Artikel: Ein verdienstvoller Orientalist, der in Berlin lebende Di'. Moritz Steinschneider, feiert heute, am 30. März, seinen 70. Geburtstag. Geboren zu Prosnitz in Mähren, ward ihm das Glück zu Theil, eine Erziehung zu erhalten, welche schon den Blick des Knaben weit hinaus über den engen Gesichtskreis kleinstädtischen Lebens auf das Allgemeine hinlenkte. Frühzeitig von dem Streben nach Selbständigkeit beseelt, verließ er mit geringen Mitteln die Heimath, um alsbald die Bitterkeiten des Lebens in den verschiedensten Schwierigkeiten kennen zu lernen, welche die Verhältnisse der Zeit jüdischen Studirendeu entgegenstellen. Nach längeren Studien in Wien und Prag erhielt er von der Universität Leipzig die Doktorwürde; die Erlaubniß eines vorübergehenden Aufenthalts in Berlin ward ihm aber erst nach Ueberwindung mancherlei Hindernisse. Während seines zweijährigen Aufenthalts in Oxford, woselbst Steinschneider mit dem berühmten Sprachforscher Max Müller und dem preußischen Gesandten von Bunsen an den allgemeinen Sprachkonferenzen Theil nahm, verfaßte er sein bedeutendstes und umfangreiches Werk, den Bodleianischen Katalog, in welchem tausende von Handschriften erklärt, beschrieben und geordnet zu finden sind. Nach Berlin zurückgekehrt, erhielt er vom König Friedrich Wilhelm IV. in der denkwürtigen Nacht des 18. März 1818 die Unterschrift seines Judenpasses, wahrscheinlich des letzten, welchen der König ausstellte. Hier fungirte Steinschneider als geistlicher Vertreter bei der Abnahme des gerichtlichen Judeneides, ohne dabei seine Lieblingsstudien aus dem Auge zu lassen. Durch begeisterte Hingebung an die damals noch brachliegende Erforschung dessen, was die Juden auf dem Gebiete profaner Wissenschaften seit den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart geleistet, wirkte er anregend auf eine ganze Reihe jüdischer Gelehrter. Die literarischen Verbindungen und Streitigkeiten der Juden mit Muselmännern und Christen hat er mit kritischer und bibliographischer Schärfe in seinem bekannten Werk: „Apologetische und polemische Literatur zwischen Moslimen, Christen und Juden" zusammengestellt. Die „Bolksliteratur" und „Pseudoepigraphische Literatur der Juden", bilden gesonderte Arbeiten Am populärsten ist sein großer Artikel „Jüdische Literatur" in der bekannten Real-Enchklopädie von Ersch und Gruber. An Rudolf Virchow's Archiv, an Pierer's Lexikon und zahlreichen Zeitschriften ist er als gründlicher Forscher und zuverlässiger Kritiker geschätzt. Auch die Deutsche Literaturgeschichte (cf. Heinrich Kurz, Band IV.) ist ihm als trefflicher Uebersetzer orientalischer Dichtungen, die er unter dem Titel „Mannah" herausgegeben, zu Danke verpflichtet. Bon großer Bedeutung sind seine für die Ber-

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