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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-20 · Heft 17 (20.4.1886) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 17 (20.4.1886)
Date
1886-04-20
Page
Seite 259 (sequence 3)
Language
German
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259 Wendung wir Nutzen und Heil erwarten. Wir fürchten einen mächtigen Feind, Raubthiere, einen tollen Hund und andere uns schädliche Mächte. Wir ehrfürchten Eltern, Lehrer, Gelehrte, mit großen Vorzügen ausgerüstete Menschen. Können wir nun zweifelhaft sein, daß Gottesfurcht nur der kürzere Ausdruck für Ehrfurcht vor Gott bedeutet? Es mag sein, daß der Perser vor seinem Ariman, daß die Hellenen vor ihren launigen, leidenschaftlichen und zornigen Göttern Furcht empfanden. Für den aber, welcher Gott als allgütig, allweise, allgerecht und allbarmherzig erkennt und anbetet, dessen Züchtigungen selbst nur zu unserem Heile, zur Besserung und Läuterung, zur Umkehr und Erziehung gereichen, dem kann die Gottesfurcht nur die innigste Ehrfurcht vor Gott bedeuten, vor dem Gotte, aus dessen Hand alle Wohlthaten für den; Menschen erfließen. — Dennoch hören wir aus dem Munde j Vieler: Gottesfurcht ist nichts Anderes als Knechtessinn und j beschränkt die Freiheit, die Selbständigkeit, die Unabhängig- > keit des Menschen. Aber wie? ist und bleibt nicht unter allen Umständen die Freiheit, Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Menschen eine durchaus beschränkte? Sie werden beschränkt durch Tag und Nacht, durch Frost und Hitze, durch Sturm und Blitz, durch tausend Schädlichkeiten, die uns aus der Natur entgegenwirken; der Geist, seine Stimmungen und Affekte beschränken den Leib und die Zustände des Leibes beschränken den Geist. So sind wir abhängig von allen Gesetzen der Natur. Ist es nun vorzuziehen, uns abhängig zu wissen von blinden Naturgesetzen, von unerklärlichen Nothwendigkeiten und Gewalten, oder von einer allweisen Gottheit, die uns den Kampf zur Bestimmung gemacht, uns aber auch geistige und leibliche Widerstandskräfte verliehen hat? Liegt in dem ersteren Falle nicht viel mehr Knechtessinn als in dem anderen? Wir sind den äußeren Verhältnissen und dem steten Wechsel derselben unterworfen, bald in die Höhe gehoben, bald in die Tiefe gestürzt; Vieles verschulden wir selbst, aber bei Weitem noch mehr, vom ersten Augenblicke unseres Lebens, dem, was uns gegeben wird, ohne daß wir es abwenden oder nur ändern können. Ist es nun vorzuziehen, sich abhängig zu wissen vom Zufall, vom sinn- und zwecklosen Zufall, oder von einer göttlichen Weltordnung, von einer weisen Vorsehung, welche die Menschheit und den Menschen zu höheren Zielen führt, ihnen Prüfungen zur Entfaltung ihrer Kräfte bringt, um sie, wie Hiob sagt, „zum Lichte des Lebens" zu erziehen? Liegt nicht viel mehr Knechtessinn, eine weit tiefere Demüthigung des Menschen im ersteren Falle? In der That, wenn es darauf ankommt, nicht daß der Mensch sich in eine leere, eiskalte Begriffswelt verliere, sondern ihn zu einem immer höher strebenden sittlichen Wesen zu bilden, was ist dazu kräftiger und sicherer als die! innigste Ehrfurcht vor Gott, als wahre Gottesfurcht? — j Wenn jetzt oft und mit Recht über die allgemeine Unzufriedenheit unter den Menschen der Wegenwart geklagt wird, ist nicht die erste Ursache dessen, daß in zahllosen Köpfen der Begriff von Gott sich in den eines, des Geistes baaren, sich immer gebärenden und immer zerstörenden Naturbaues, der Begriff der nach dein aüweisen Plane Gottes sich auf festen Gründen entwickelnden Gesellschaft in den einer lediglich in blinder Selbstsucht, in zufälligen Ereignissen sich sortbewegenden, des Geistes und der einigenden Grundsätze baaren Gesellschaft verwandelt hat? Wenn seit Jahrzehent anwachsend der Selbstmord epidemisch grassirt, ist es nicht, rechnen wir die Fälle völliger Geistesverwirrung und unerträglicher Schmerzen ab, ist es nicht, weil unsere Zeitgenossen die Schande, die Armuth und die menschliche Strafe mehr fürchten, als das Gericht Gottes? Denn das ist die wesentliche Folge des Mangels an Gottesfurcht, daß die Individuen nur diejenigen Vergehen zu verüben sich scheuen, von denen sie fürchten, daß sie vor den Menschen offenbar würden. Sie frage» sich, steht es im Strafgesetz und welche Pön setzt dieses darauf — aber vor dem Gotte, der „Herz und Nieren prüft", der „den Gedanken des Menschen kennt, bevor er geworden", haben sie die Furcht verloren, und Seinen Willen und Sei» Gebot achten sie nicht. All die heimlichen Sünden, all die Uebelthaten, die das menschliche Gesetz nicht verbietet, der Strafrichter nicht zu treffen vermag, sie erzeugen sich aus dem Verluste der Gottesfurcht, da man die Menschen, nicht aber Gott fürchtet! Was auch die atheistischen Wortführer sagen: ein Geschlecht, das die Gottesfurcht verloren, ja verhöhnt, wird sittlich entarten, wird niedersteigen und fallen. Nein! das Gewissen, das Selbstgefühl des Menschen ersetzt die Gottesfurcht nicht, denn die Selbst-, die Hab-, die Ehr-, die Genußsucht und jegliche Leidenschaft überwuchern das Gewissen, das, um den Menschen zu beherrschen und zu leiten, von der Gottesfurcht erzogen und gestärkt werden muß. — Und ferner. Wer in der Stunde der Gefahr und der Bedrängniß ein inbrünstiges Gebet um Hilfe und Rettung an Gott gerichtet, der weiß, welche Kraft, Ruhe, Besonnenheit ihm daraus zuflossen, wie der Druck der Verzagtheit sich in ihm löste und er zu Kampf und Widerstand sich neu gerüstet fühlte. Wer von schwerem Verluste getroffen, sich aufrichtete und seine Gedanken zu Gott erhob, mit dessen Willen ihn auch dieses Geschick getroffen, der fühlte von oben her seine „Wunden verbunden" und Balsam in dieselben geträufelt. Auch dieses war ihm von der Vorsehung in weiser Absicht bestimmt, und auch dieses „Bittere wird ihm zum Heile werden." Denn aus der Gottesfurcht fließt unmittelbar das Gottvertrauen, und, wie der Prophet sagt, „die des Ewigen harren, erneuen die Kraft, sie heben die Schwingen wie Adler, sie laufen und werden nicht müde, sie wandeln und werden nicht matt." Darum, wer den Weg des Lebens mit Sicherheit, in Gerechtigkeit, ohne zu straucheln und zu fallen, 17*

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