Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1886)
- Date
- 1886-04-13
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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253 der Wahl zurücktraten und einem außerhalb der Parteien stehenden Kandidaten das Feld räumten, wer kann dieses Räthsel lösen? Wir haben weder Zeit noch Lust dazu. Genug daran, daß am Wahltage ein Grundbesitzer des Zalaer Komitates, der Ansehen, Vermögen nnd Familienverbindungen besitzt, einem armen Antisemiten gegenüberstand, der weder Ansehen, noch Vermögen, noch endlich Familienverbindungen besaß. Und unter 2078 Wählern stiminten 1077 für jenen jungen Mann, welcher vor ihnen hintrat und ihnen nichts Anderes sagte und vielleicht auch nichts Anderes zu sagen wußte, als die Worte: „Ich bin ein Antisemit!" Das giebt zu denken und alle seriösen Menschen in Ungarn werden sich wohl hüten, über dieses Wahlresultat mit wohlfeilen Scherzen hinwegzugehen. Das Resultat ist ernst, sehr ernst, und zwar aus vielfachen Gründen. Der Antisemitismus, den man bereits todt und eingesargt glaubte, erhebt wieder sein gespenstig' Haupt, und wenn es auch »vahr ist, daß derselbe im Parlamente keinerlei Erfolge zu erzielen vermochte und dort sogar täglich lächerlicher wird, so kann doch nicht geleugnet werden, daß der Antisemitismus dm großen Massen noch immer imponirt. Wien, 29. März. Die Gemeinderathswahlen bei dem Wahlkörper der dritten Abtheilung fanden unter massenhafter Betheiligung und harten Kämpfen statt, da zum erstenmale die Fünfguldenmänner wählten. Die Deutsch-Liberalen behaupteten ihre Mandate in der inneren Stadt gegen die Demokraten, in der Leopoldstadt gegen die Antisemiten, welche einige Excesse aufführten. Auf der Landstraße siegte wieder der Demokrat Mandl. Eine empfindliche Niederlage erlitten die Deutsch-Liberalen in „Margarethen", wo der Vicebürgermeister Stendel gegen den Demokraten unterlag. In Mariahilf siegte der antisemitische Kandidat und der Vorstand der Fragnergenossenschaft. Ersterer ist ausgesprochen antisemitischer Gemeinderath. Wien, 1. April. Der Antisemit Schönerer hat sich so recht selbst gekennzeichnet, indem er einen Antrag auf Verstaatlichung der Inserate eingebracht hat. — Der Antisemit Türk beschwerte sich bei der Unterrichtsdebatte über die große Anzahl jüdischer Studenten und Universitäts-Professoren, wogegen der Jungczeche Engel erklärt, die Wissenschaft kenne keinen confessionellen Unterschied. Rußland. Aus Westpreußen, im März. Mit Bezugnahme auf die von deutschen Blättern gebrachten Notizen über eine russische Paßmaßregel geht der „Danzigcr Zeitung" von dem russischen Generalkonsul Baron Wrangel in Danzig die Mittheiluug zu, daß nach P. 2 des § 486 des Paßgesetzes vom Jahre 1876 (14. Band der Staatsgesetze) auch ausländischen Unterthanen mosaischen Glaubens, welche nicht Bankiers oder Inhaber notorisch bekannter größerer Handelsfirmen sind, daß Paßvisa ertheilt wird, sobald sie sich zur Reise nach Rußland die spezielle Erlaubniß des Kaiserlich Russischen Ministeriums des Innern, sei es durch Vermittelung des Kaiserlich Deutschen Ministeriums des Auswärtigen oder des betreffenden Kaiserlich deutschen Generalkonsuls, sei es durch! direktes Bittgesuch an das Kaiserlich Russische Ministerium jbe§ Inner,! verschafft haben. Zu bemerken ist noch, daß j alle diejenigen ausländischen Unterthanen, welche in Rußland j auch mit einem reglementsmäßig visirten Paß versehen er-! scheinen und erst dort als der mosaischen Religion angehörig; erkannt werden, sofort, falls sie nicht die obige spezielle Er-! laubniß haben, über die Grenze zurück ausgewiesen werden, j (Uebrigens ist jetzt die, von einigen Seiten bezweifelte | Existenz eines neuerdings erflossenen Ausweisungs-Ukases für! alle, nicht naturalisirten Deutschen in den westlichen Provinzen constatirt.) Warschau. 29. März. Der amtliche „Dnewnick j Warßawski" constatirt, daß im verflossenen Jahre 21150! Juden aus Russisch-Polen nach Amerika ausgewandert sind. Bonn, 4. April. (Notizen.) Man schreibt aus Berlin vom 31. März: Direktor Dr. M. Steinschneider wurde gestern zu seinem siebzigsten Geburtstag durch mannigfache Beweise der Anhänglichkeit und Verehrung ausgezeichnet. Der Vorstand der Berliner Gemeinde übersandte ein Anerkennungsschreiben und später brachte der Vorsitzende Justizrath Meyer dem Jubilar auch noch persönlich Glückwünsche dar. Im Aufträge der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums erschien der Docent I>r. Müller. Der „Deutsche Israelitische Gemeindebund" ließ durch den Sanitätsrath Dr. Kristeller eine Adresse überreichen. Von der Beitel-Heine- Ephraim'schen Lehranstalt, an welcher Dr. Steinschneider seit 27 Jahren Vorlesungen hält, erschien eine Deputation von 3 Zuhörern. Ferner begrüßten den Jubilar persönlich der Historiker Professor Harry Breslau, das Berliner Rabbinat, bestehend aus den Doktoren Ungerleider, Maybaum und Franke, sowie der Prediger der Reform Dr. Immanuel Ritter. Dr. I. Egers widmet „seinem verehrten Lehrer und Freunde" den „Diwan des Abraham ibn Esra". der hier zum ersten Male nach der in der königlichen Bibliothek befindlichen einzigen Handschrift herausgegeben ist. Diese wurde 1881 auf Dr. Steinschneider's Betrieb von Shapira angekauft. Noch Dr. Zunz glaubte, daß von dem Diwün des spanischen Dichters nichts erhalten sei. (Ausführliches über Herrn Dr. Steinschneider in nächster Nr.) — Am 24. März, also an Purim wurde die neue Synagoge zu Nizza feierlichst eingelveiht. Derselben standen der in diesem Winter hier weilende Großrabbiner Frankreichs Herr Isidore, sowie der Großrabbiner von Marseille und der Rabbiner von Nizza