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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-13 · Heft 16 (13.4.1886) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 16 (13.4.1886)
Date
1886-04-13
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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251 Stöcker hat heute durch sein Auftreten, an das man nicht Iglieder des antisemitischen Reformvereins diesmal getrennt mehr gewöhnt war, Ausbrüche des Unwillens gegen sich entj von den Conservativen aufmarschiren und ihren eigenen Canfesselt, wie wir sie im Reichstage noch nie gehört haben.! didaten haben wollen. Es ist dies lediglich eine Demon- Das „Brandmal der Lüge" ist ihm öffentlich auf die Stirne fftration gegen die Conservativen, welche von einem antisemigedrückt worden. Und da leistete Herr Stöcker das Unglaubtischen Candidaten nichts wissen wollen; haben doch diese lichste. Im Tone der gekränkten Unschuld erklärte er, er Antisemiten auch nicht die geringste Aussicht auf Erfolg, habe als konservativer Mann und gewissermaßen aus Schonung Bückeburg, 2. April. Hier spielte sich ein Prozeß ab, für seine Richter über die „unliebsamen" Prozesse, aus denen; der so recht zeigt, was von sogenannten Gegnern des Antier mit dem Makel der Unwahrhaftigkeit hervorgegangen ist,isemitsmus zu halten ist. Prof. Strack, der für Kol-Nidre nicht gesprochen; er habe aber — so kann man seine Worte!gegen Stöcker so entschieden aufgetreten, hat sich jetzt in nur deuten — Enthüllungen darüber zu machen, die ihn einem gerichtlichen Gutachten, so viel daraus bekannt worden, wieder als wahrheitsliebenden Menschen erscheinen lassen! recht zweideutig ausgesprochen, und darauf hin ist die Freiwürden. Es ist tief bedauerlich, daß der Präsident, Herr! sprechung des Angeklagten erfolgt. Wir bemerken noch, daß, von Wedell, den Abg. Stöcker an dieser Stelle unterbrochen! nicht wegen einer unmoralischen Wirkung des Kol-Nidre auf hat. Es besteht ei» öffentliches Interesse, zu erfahren, welcher Justizmord an Herrn Stöcker begangen worden ist. Da die Richterseine heutigeRede wohl lesen werden,so erhält er vielleicht Gelegenheit, seine Enthüllungen an anderer Stelle zu machen. die Juden, sondern weil die Judenfeinde eine Waffe daraus schmieden, schon die erste Rabbiuerversammlung zu Braunschweig 1844 die Abschaffung des Kol-Nidre-Gebetes einstimmig beschloß; wenige Gemeinden führten es damals aus. Und an einer andern Stelle: „Weit mehr aber hat zur seitdem ist aber jenes aramäische Gebet aus allen Synagogen Verschärfung der Gegensätze und zu den Ausbrüchen einer j auf reformirtem Ritus abgeschafft worden, gewissen Erbitterung das Auftreten der Herrn Stöcker Ver-! Der folgende Bericht ist der „Krcuzztg." entnommell: anlaffung gegeben, das noch niemals so komödiantenhaft, Vor der Strafkammer wurde gestern eine Anklage verdreist und hetzerisch war, wie gestern. Man war gewisser-! handelt gegen den Redakteur der conservativen „Schaumb.- maßen übereingekommen auf der Linken, den Mann zu schonen,!LipP. Landesztg.", Hans Leuß, wegen Beschimpfung derweil man ihn für moralisch todt hielt. Um so empörter! jüdischen Religiousgesellschaft. Im Mai 1885 erschien in war man über die Kühnheit, mit der er wieder öffentlich! der in Stadthagen erscheinenden „Schaumb.-Lipp. Landesz." auszutreten wagte. Und so kam es, daß die Verachtung und!ein Artikel „Justizreform" überschrieben, in welchem einzelne Erbitterung gegen diesen Mann sich in direkten Insulten und | Ucbelstände unserer heutigen Strafprozeßordnung erörtert Zwischenrufen Luft machte, die, wenn sie auch Herrn Stöcker wurden. U. a. wurde es für bedenklich erklärt, daß der nicht Unrecht thaten, im Interesse der Würde des Reichstags doch immerhin bedauerlich sind. Dabei verzeichnen die Berichte noch nicht Alles; sie geben keinen Eindruck von den höhnischen Zwischenrufen, die Herr Stöcker hören mußte, als er von ehrlichen Leuten sprach, und von dem Ton, in welchem ihm, als er eine Reihe Antithesen aussprach, „Lüge und Wahrheit" dazwischen gerufen wurde. An der Haltung des Hauses zeigte sich übrigens bei diesen Scene», daß die Eid seines christlichen Charakters entkleidet sei und daß bei der Eidesleistung der Juden der Rabbiner nicht mehr zugezogen werde, „obtvohl der begründete Verdacht vorliegt, daß die Juden sich für falsche Eide religiösen Dispens erholen zu können glauben." In den letzten Worten fand der Synagogenvorstand von Obernkirchen eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft und denunzirte den Verfasser des Artikels, Herrn Leuß, bei der Staatsanwaltschaft. Die Werthschätzung des Herrn Stöcker bei allen Parteien mit! Staatsanwaltschaft lehnte zunächst die Verfolgung der Sache Ausnahme seiner engeren konservativen Freunde dieselbe ist.! ab; aber schließlich auf erfolgte Beschwerde bei der Ober- Wie groß die Erbitterung war, geht daraus hervor, daß die staatsanwaltschaft ivnrde die Anklage erhöbe». Der Angeklagte schärfsten Beleidigungen des Herrn Stöcker selbst in dem Augenblick, tvo sie der Präsident rügte, mit demonstrativem Beifall begleitet tvaren. Kassel, 30. März. (Privatmitth.) Daß hier eine ziemliche Anzahl Antisemiten ihr Wesen treiben und einen „Deutschen Reformverein" gebildet haben, ist hinlänglich bekannt. Da gegenwärtig die Neuwahl eines Mitgliedes des Reichstages bevorsteht, weil die Wahl des Dr. Lotz, Regierungsrathes a. D. für ungültig erklärt worden, so stellen die Concrbot sich, den Beweis zu liefern aus den Urtheilen verschiedener Sachverständiger, das der Inhalt des Kol-Niedre- Gcbetes, wie des Talmud überhaupt, den geäußerten Verdacht gegen die Juden für voll begründet erscheinen lasse. Der Beweisantrag als solcher wurde abgelehut, aber wohl ein Gutachten des Professors Di'. Herm. Strack in Berlin eingeholt. Dieses Gutachten ist schriftlich abgegeben und vor dem Amtsgericht zu Berlin beschworen. Das Gutachten wurde bei der gestrigen Verhandlung nicht verlesen, weil bei der servativen, die Nationalliberalen und die Sozialisten bereits; Abnahme desselben einige Formfehler gemacht, namentlich ihre Candidaten auf. Bemerkenswerth ist nun, daß die Mit-1 Staatsanwalt und Angeklagter nicht zu dem betreffenden 16.

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