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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-13 · Heft 16 (13.4.1886) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 16 (13.4.1886)
Date
1886-04-13
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 links), der die Methode der Polemik, welche man gerade der Sozialdemokratie vorwirft, überall seinen Zwecken nutzbar zu machen weiß. (Sehr wahr! links.) Man kann geradezu sagen: er ist der Bebel der religiösen Intoleranz und des Staatssozialismns. (Lebhafter Beifall und stürmische Heiterkeit links; Unruhe rechts.) Wie kommt er dazu, außerordentliche Maßregeln gegen die sozialistische Agitation zu befürworten? (Sehr wahr! links.) Allerdings ist dies ein Widerspruch seines eigensten Wesens, und doch hat er wieder in einergewissen Konsequenz gehandelt. Bei einer hohen Meinung, die er von seiner eigenen Gottähnlichkeit hat (Gelächter links, Unruhe rechts) muß er nothwendig jedem Ausnahmegesetz zustimmen. (Sehr richtig! links.) Er ist ja auch für Ausnahmegesetze gegen die Juden, und in seiner Stellung in der Kirche ruft er überall nach dem starken Arm des Staates, um seine kirchlichen Gegner, die liberale Strömung in derselben zu unterdrücken. (Hört! hört! links.) Nach dem Schlüsse der Diskussion bemerkt Abg. Bebel persönlich: Den Vergleich des Abg. Häncl zwischen mir und Herrn Stöcker weise ich auf das Entschiedenste zurück (Lachen rechts). Es ist dies ein Mann, von dem gerichtlich konstatirt ist, daß er eidlich objektiv die Unwahrheit gesagt hat. Abg. Stöcker: Herr Abg. Hänel hat mich den Bebel der Intoleranz genannt. Ich danke ihm für das Kompliment und gebe es ihm bei seiner tragischen Natur so zurück, daß ich ihn für den Sabor des Fortschrittes erkläre (Große Heiterkeit und Beifall rechts). Abg. Sabor: Der Abg. Stöcker hat die Gelegenheit ergriffen, um in ganz ungerechtfertigter Weise meinen Namen hier in die Debatte zu ziehen (Heiterkeit). Ich begreife dies sehr wohl bei der christlichen Gesinnung, die den Herrn Hofprediger und Abg. Stöcker erfüllt (Heiterkeit). Ich meinerseits erkläre dem Herrn Hofprediger und Abgdordneten Stöcker, daß ich keine unchristlichere Erscheinung je im öffentlichen Leben kennen gelernt habe als ihn, er ist eine der verächtlichsten Erscheinungen. Präsident: Der Herr Abg. Sabor hat soeben Herrn Stöcker eine verächtliche Erscheinung genannt (sehr gut! Bravo! links). Ich rufe ihn deshalb zur Ordnung. Abg. Hänel: Herr Bebel scheint den Vergleich mit Herrn Stöcker als eine Beleidigung aufznfassen. Ich fasse den Vergleich mit Herrn Sabor nicht als eine Beleidigung auf. (Abg. Stöcker: Ich auch nicht!) Wenn Herr Stöcker nur mit einer Retourkutsche zu antworten wußte und wenn dazu von der Rechten Beifall gezollt wird, so beneide ich die Herren nicht um den Reichthum ihres Geistes. (Heiterkeit.) In der Spezialdiskussion nahm Bebel noch einmal das Wort. Er sagt u. A. Ich komme nun zu Herrn Stöcker, der sich auch in seiner gestrigen Rede als einen haßerfüllten .Zeloten gezeigt hat. (Der Präsident rust den Redner zur l Ordnung.) Wenn es einen Mann giebt, der zum Klassenhaß aufzureizen fähig war und der dazu aufgereizt hat, so ist es Stöcker, und die Eigenschaften, die er den Juden vorwirft, i haben auch viele Deutsche. Unter Herrn Stöckers eigener 'Partei sind viele Millionäre und Milliardäre. Ich erinnere an die vielen Großgrundbesitzer, die auf der rechten sitzen! Ein Blatt des Herrn Stöcker, „der Staatssozialist", ist ebenfalls dem gegenwärtigen kapitalistischen System zu Leibe gegangen, und manches Organ meiner Partei hat das Sozialistengesetz mit Argumenten angegriffen, die es dem „Staatssozialisten" entnommen hatte. Ohne das Sozialistengesetz wäre die Agitation Stöckers in Berlin garnicht möglich gewesen. (Sehr richtig! links.) Allerdings hat ja Herr Stöcker einzelne Leute unserer Partei abwendig gemacht; aber was für Leute 'waren das? Ich erinnere an die Attentäter Hödel und Nobeling, die beide Herrn Stöckers christlich-sozialem Verein angehört haben. (Unruhe rechts.) Wenn bei der letzten Wahl noch Sozialdemokraten ihre Stimme Stöcker gaben, so wird es nach seiner gestrigen Rede zum letzten Male gewesen sein. Herrn Stöcker's Stern ist in Berlin im Niedergange. (Oho! rechts.) Es versteht sich, daß diese Vorgänge im Reichstage vielfach in der Presse besprochen worden sind. Diese, mit Ausnahme seiner eigenen Blätter und des conservativen Hauptorgans, ist einig in der Berurtheilung Stöckers, der auf seine Weise für die Sache, die er vorgeblich vertreten wollte, nicht das Geringste vorgebracht, sondern nur seiner persönlichen Gesinnung gegen Juden und Katholiken Ausdruck gab und dabei ins Persönliche umwandte. Wir führen als Beispiel folgende Aeußerung der „Franks. Ztg." an: „Eine sehr unangenehme Färbung nahm die Diskussion durch das Eingreifen des Abg. Stöcker an. Herr Stöcker hat unter dem Eindruck des sittlichen Makels, niit dem behaftet er aus den bekannten Prozessen hervorgegangen ist, kluger Weise im Reichstage lange geschwiegen. Als es hieß, er wolle heute sprechen, und die Frage auftauchte, wer ihm antworten werde, meinten Mitglieder der Linken, das sei gleichgiltig, der Mann sei ja doch todt. Herr Stöcker hat heute bewiesen, daß er, auf das kurze Gedächtniß der Menge speknlirend, sich noch nicht für verloren hält. Der Mann mit der eisernen Stirn und der gewandten Zunge hat heute versucht, ob er parlamentarisch wieder möglich sei, und die Conservativen scheinen ihn, nach ihrem Beifall zu schließen, dafür zu hallen. Herr Stöcker wagte gleich einen kühnen Wurf, eine demagogische Hetzrede gröbster Art, in die er nicht nur den Antisemitismus in schlimmster Form, sondern persönliche Verläumdungen gegen einen Abgeordneten verflocht, wie sie noch nie ein Präsident hat passiren lassen. Daneben biß er durch Angriffe auf die katholische Kirche den überzeugungstreuen Protestanten heraus. Herr

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