Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-13 · Heft 16 (13.4.1886) · p. Seite 249

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 16 (13.4.1886)
Date
1886-04-13
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227626--43451-3263812
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

249 das öffentliche Leben. Aber auch dagegen würde ich nicht' aufgetreten sein; das liegt nicht in meiner Art zu denken,! wenn nicht aus dem Judenthum zugleich alle diese schürenden, aufhetzenden, revolutionären Kräfte kämen, die den Kapitalismus in der einen und den Umsturz in der anderen Hand; haben. Das kann keine Nation vertragen. Das ist eine! Perfidie des öffentlichen Lebens, die gen Himmel schreien! muß. (Sehr richtig rechts.) (Stöcker citirt hier einen Ausspruch Lassalle's.) Bekanntlich ist den Citaten Stöckers wenig Vertrauen zu schenken. Hat das Lassalle gesagt, so würden wir hinzufügen: Lassalle war leider ein Jude, und das bedauern wir herzlich. Nach solchen Aussprüchen eines Mannes, der bei großen Geistesgaben höchst frivol gelebt und höchst frivol gestorben, fragen wir in der Thal sehr wenig. Er war durch und durch despotischer Natur und lies sich dabei das von seinem Vater ererbte Vermögen vortrefflich schmecken. Wenn St. den Juden die paar Millionäre unter ihnen so sehr aufmutzt, so sehe er sich seine Anhänger an, namentlich die Großgrundbesißer, da wird er viel mehr Millionäre finden. Ferner schiebt St. den Juden die Revolutionen in die Schuhe. Nun, er sehe sich die Geschichte der Revolutionen an, auch die der jetzigen Unruhen in Belgien, wo waren Juden die Urheber und Träger? Aber mit diesem Mann ist ja nicht zu rechnen. Er kommt stets auf seine alten Hetzreden zurück. Red.) — Ein solcher Angriff konnte nicht ohne Antwort bleiben. Abg. Singer: Herr Stöcker hat von einem sozialdemokratischen Abgeordneten gesprochen, der zwar die Arbeiterfreundlichkeit auf dem Rücken trage, aber doch zugleich seine eigenen Arbeiterinnen ausbeute. Da diese Schilderung mir auf meine Person gehen kann, so erkläre ich, daß er die ihm vor Gericht attestirte Wahrheitsliebe auch hier wieder bewiesen hat. Was er von mir, von der Behandlung meiner Leute gesagt hat, ist eine verläumderische Behauptung. Präsident: Ich rufe den Redner zu Ordnung. (Rufe bei den Sozialdemokraten: Stöcker nicht?) Singer: Ich konstatire, daß diese Behauptung schon deshalb unwahr ist, weil ich keine direkten Beziehungen zu Mäntelnäherinnen habe. Alle diese Vorwürfe sind mir sonst bekannt geworden aus dem Munde der wüsten Elemente, die Herrn Stöcker in seinen Versammlungen zu umgeben pflege». Ich habe darauf einige Mitglieder der Schneiderinnung Einsicht in meine Geschäftsbücher nehmen lassen und dieselben haben öffentlich erklärt, daß die Behauptung, ich zahle niedrigere Löhne als die anderen Mäntelgeschäfte, lügnerisch sei. Ich weise daher auch die Vorwürfe des Herrn Stöcker, soweit sie meine Person betreffen, zurück. Dabei erinnere ich mich des Wortes eines alten Philosophen. (Rufe rechts: Persönliche Bemerkung.) Derselbe erwiderte auf die Frage, was die Urtheile eines Menschen werth seien: Gerade soviel, wie dieser Mensch selbst. Herr Stöcker trägt gar kein Zeichen der Arbeiterfreundlichkeit auf den« Rücken, aber das Brandmal auf seiner Stirn. (Große Unruhe rechts. Der Präsident ruft den Redner zur Ordnung.) Abg. Stöcker: Herr Singer konnte seine Bemerkungen, die ihm übrigens nicht gut bekommen sind, nur machen, weil er sich mir gegenüber fortwährend Unwahrheiten erlaubt hat. Ich habe nicht gesagt, daß Sie Ihren Arbeiterinnen weniger zahlten, und wenn ich von einer Ausbeutung der Arbeiter sprach, so geschah das, um mich Ihres Jargons zu bedienen und in Erinnerung einer Mittheilung, die seit Jahren unwidersprochen durch die Presse gegangen ist. Herr Singer leugnet, Beziehungen zu den Arbeiterinnen zu haben; im Almanach aber bezeichnet er sich selbst als Besitzer einer Damenmäntelfabrik. Seine Einwendungen sind nur komischer Natur; Sie können nicht den geringsten Eindruck machen. Wenn Herr Singer weiter noch zu dem Mittel böswilliger Leute gegriffen und hier an unliebsame Prozesse (hört, hört! links) erinnert hat, so kann ich nur erklären, daß ich als konservativer Man», um nicht auf die Gerichte einen Schatten zu werfen (Lachen links, Zustimmung rechts), mich bisher gehütet habe, über diese Sache zu sprechen. Wenn das aber so fortgeht, so kann ich nicht länger schweigen. (Abg. Rickert: hört, hört!) Ich kann nur sagen, daß unmittelbar nach dem Prozesse ein offenes Schreiben an den Präsidenten des Gerichtshofes gerichtet wurde, in dem gesagt wurde: „Herr Präsident, Sie sagen die Unwahrheit!" und der Präsident hat darauf nichts erwidert. (Präsident: das ist wohl keine persönliche Bemerkung mehr!) Ich freue mich, daß der Herr Präsident mich daran hindert, jetzt hier näher auf diese Angelegenheit einzugehen. (Große Heiterkeit.) Abg. Singer: Ich habe nur gesagt, daß ich keinen direkten Verkehr mit Arbeiterinnen habe. Herr Stöcker hat mir gezeigt, daß er von der Produktion nichts versteht, sondern nur im Allgemeinen hetzt. Der Präsident erklärt, daß dieser Ausdruck nicht! parlamentarisch sei.! Abg. Stöcker: Nach dem Urtheil des gcsammten Hauses j war die Erwiderung des Herrn Singer derart, daß sie ein! Deutscher wohl schwerlich gemacht haben würde. (Rufe links: i Pfui, pfui!) In der Sitzung vom 31. März hatte die Tragikomödie Stöckers noch einigen Nachhall. In seiner Rede sagte Abg. Hänel u. A. Von Anfang an ein Gegner des Sozialistengesetzes will ich die Grundanschauung, welche uns leitet, nochmals kurz darlegen, nicht in Form einer Polemik gegen den Abg. Stöcker, der in seiner leidenschaftlichen Befürwortung des Gesetzes in einem gewissen Widerspruch mit sich selbst gerathen ist. Ich kenne keinen Mann im deutschen Reiche, der ein gleiches Talent zu Aufreizungen besitzt, (Seht gut! u

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.