Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1886)
- Date
- 1886-04-13
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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247 nahm er die Geschichte des jüdischen Gebetbuches im weitesten Sinne und der in der Synagoge gebräuchlichen Vorträge in Angriff. Anknüpfend an die Psalmen, wies er den allmäligen Aufbau des Gebetbuches nach, der ein Jahrtausend zu seiner Vollendung brauchte. Wann die ersten Gebetslücke entstanden, wie diese, von geringem Umfange, sich im Wandel der Verhältnisse im Ausdruck änderten, neue hinzugefügt wurden, später dann durch die Piutim und Selichoth stark vermehrten und endlich wie sich die verschiedenen Riten in der Synagoge entwickelte», dies machte den einen umfassenden Theil seiner Forschungen aus. Hier gestalteten sich seine Arbeiten zugleich zu einer Geschichte der synagogalen Poesie des Mittelalters. Andrerseits anknüpfend an die Chronik, beleuchtete er das völlig vernachlässigte und verworrene Gebiet des Midrasch, als des Grundstockes der seit uralter Zeit üblichen Vorträge beim Gottesdienste. Durch jenen ersten Theil resultirte er, daß außer den kleinen ursprünglichen Pflichtgebeten die ganze Gebetsammlung einer steten Veränderung unterlegen war, und durch den zweiten, daß die gottesdienstlichen Vorträge bei den Juden stets vorhanden gewesen, und die neuere Predigt nur eine neue Phase derselben bedeutete. Alles dies legte er in den klassischen Werken: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" (Berlin 1832), „Die synagogale Poesie des Mittelalters" (Berlin 1855) und „Die Ritus des synagogalen Gottesdienstes" (Berlin 1859) dar. Daß er hiermit zugleich mit der äußeren Gestaltung den geistigen Inhalt in klares Licht stellte, brauchen wir nur anzudeuten. Nebenbei behandelt er in zahlreichen kleineren Abhandlungen, in verschiedenen Zeitschriften, besonders in der Schrift „Zur Geschichte und Literatur" (Berlin 1845) viele einzelne geschichtliche Erscheinungen und Persönlichkeiten. Zunz war mit jenen beiden Erfordernissen des Geschichtsforschers in hohem Maße begabt, sich unermüdlich in die Details zu versenken und hierbei auch die kleinsten nicht unbeachtet zu lassen, dann aber aus diesen die Folgerungen für das Allgemeine zu ziehen und so den geschichtlichen Zusammenhang im Großen erkennbar zu machen. Dabei besaß er eine tiefe Empfindung für die Leiden seines Volkes und gab seiner sittlichen Entrüstung über die Unbillen und Verfolgungen, die diesem unaufhörlich zugefügt wurde», den beredtesten Ausdruck. Hiermit glauben wir die Stellung näher bezeichnet zu haben, welche Zunz einnimmt, wo er den Hebel angesetzt und wo er stehen geblieben. Dem Geiste des Fortschrittes vorarbeitend und ihm die geschichtliche Begründung verschaffend, hat er doch in die weitere, neuere Bearbeitung des Judenthums nicht eingegriffen, und überließ dies jüngeren Kräften, die sich so schnell an ihn angereiht hatten. Fügen wir nur wenige Worte über ihn als Mensch hinzu. Zunz hat viele und einschneidende Enttäuschungen erfahren. Nachdem er sich zum akademischen Lehramt vorbereitet hatte, hob Friedrich Wilhelm III. den Paragraphen seines Edikts vom II. März 1812, der den Juden die Befähigung zu einem solchen gewährt hatte, wieder auf. Kaum hatte er in der neuen Synagoge zu Berlin sich als trefflicher Prediger bewährt, als diese polizeilich geschlossen und die Predigt verboten wurde. Welche bittere Empfindungen mußte das Scheitern des Vereins für Cultur und Wissenschaft und der Abfall hervorragender Mitglieder desselben ihm bereiten! Auch als Schul- und Seminardirector war er von so ungünstigen Umständen bedrückt, daß er zurücktrat uud erst später wurden diese Anstalten reorganisirt. In den Jahren 1849 und 1861 bewarb er sich um einen parlamentarischen Sitz; aber trotz der Anerkennung, die seine geistvollen Reden fanden, wurde er nicht gewählt. Seine glückliche Ehe blieb kinderlos und nach dem Tode seiner Gattin kam die Vereinsamung über ihn. Trotz alledem blieb er seinen emsigen Studien und seiner humanen Gesinnung treu und in seinem einfachen Lebenswandel prägte sich eine unerschütterliche Consequenz aus. So erscheint er uns auch als Charakter von verehrungswürdiger Seite und sein Andenken wird in der Geschichte des Judenthums und der Wissenschaft ein geheiligtes sein. %cVCuA^<fiwi<xcfaic$)ffevi. Deutschland. Bann« 2. April. (Privatmitth.) Mehrere Zeitungen haben unfern Artikel aus Tilburg in Nr. 11, den Erlaß des) Bischofs von Herzogenbusch enthaltend, mitgetheilt, so die „Voss. Ztg.", der „Berl. Börsen-Courier". Letzterer bringt nun in seiner Nr. vom 29. März Folgendes: „Die „Germania" richtet an uns die Frage, ob wir „es in der That für möglich halten", daß ein katholischer Bischof ein Schreiben verfaßt habe, wie dasjenige, welches jüngst unter anderen auch in unserem Blatte als Zuschrift des Bischofs Gotschalk von Herzogenbusch anläßlich einiger Antisemiten-Excesse, veröffentlicht wurde. Wir haben das Schreiben nicht im Original gesehen und haben die Quelle genannt, der wir es entnommen: die „Allg. Zeitung des Judenthums". Wir haben allen Grund, diese Quelle für zu-