Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1886)
- Date
- 1886-04-13
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 meisten specifisch christlichen Namen dem Judenthume entlehnt sind. Hiermit legte er die polemische Feder nieder. Dahingegen hatte er vor allem diesem bereits sein eigenthümliches Feld gefunden, welches er bis zum Ende seiner literarischen Thätigkeit bearbeitete. Seit Jahrhunderten war den jüdischen Gelehrten die Pflege der Geschichte ihres eigenen Bekenntnisses völlig abhanden gekommen. Einzelne und ungenügende Schriften, wie Zemach David von Gans (gest. 1613) beweisen diesen Mangel erst recht. Aus dieser Un kenntniß der Geschichte, des ganzen Entwickelungsganges des Judenthums und des jüdischen Geistes hatte sich die allgemein herrschende Anschauung herausgebildet, daß das Judenthum wie es eben bestand, also auch in seiner ganze» mittelalterlichen Gestalt so und nicht anders — selbst in seinen Synagogengesängen — von Moses selbst herrühre, in seinem ganzen Aufbau von Anfang an unverändert geblieben. Von dieser Anschauung hatte sich auch Mendelssohn nicht freimachen können und sie auf die nachfolgende Zeit vererbt. Welche traurigen Wirkungen sie nach der Aneignung der allgemeinen Cultur seitens der Juden auf diese machte, haben wir erst vor Kurzem gezeigt. Was also vor Allem Noch that, war eine geschichtliche Beleuchtung des Judenthums, war die Fackel der geschichtlichen Erkenntniß in den Räumen anzuzünden, die ihres für alle menschlichen Dinge unentbehrlichen Lichtes entbehrten. Es galt zu zeigen, daß das Judenthum sich durch seine Jahrtausende lebendig entwickelt und in seiner ganzen Erscheinung und in den es beherrschenden und gestaltenden Tendenzen vielfach umgestaltet habe, und daß also dem Gesetze der Entwickelung zufolge auch hier Veränderungen und Umgestaltungen nothwendig und herstellbar seien. So war es ein Glück, daß zwei junge Männer zu gleicher Zeit diese Einsicht gewannen, sofort ihre ganze geistige Thätigkeit daraus lenkten, wenn auch in verschiedener Richtung. Es waren Leopold Zunz und der anderthalb Jahre ältere I. M. Jost (geb. 22. Februar 1733 zu Bernburg), welche eiu gütiges Geschick in derselben pädagogischen Pflanzschule, in der Samsonschule zu Wolsenbüttel, hatte zusammen erziehen und im gleichen Geiste sich bildeil lassen.') Zunz gab 1818 (Berlin) ein Schriftchen von 50 Seiten heraus, das bereits den Weg bezeichnete, welche» er hernach mit so großem Erfolge beschritt: „Etwas über die rabbinische Literatur." Jost aber veröffentlichte 1820 bis 28 seine „Geschichte der Israeliten seit der Zeit der Maccabäer bis aus unsere Tage, nach den Quellen bearbeitet" (3 Theile, Berlin, Schlesinger). Im Jahre 1821 verband sich Zunz mit einigen hochbegabten Jünglingen, wie Moses Moser, Eduard Gans, Heinrich Heine, I. Wohlwill, Lazarus I) Auch darin begegneten sich diese beiden Männer, daß Jost ebenfalls den Chiarini bekämpfte (Berlin 1830.) Bendavid, Ludwig Markus u. A. zu einem Vereine für Verbreitung der Cultur und Wissenschaft unter den Juden. Unter seiner Redaction gab der Verein eine „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums" heraus. Aber dieser Verein fand nicht den erwarteten Anklang, und löste sich auf und die Zeitschrift endete mit dem 3. Hefte. In derselben hatte Zunz seine klassische Biographie Raschi's veröffentlicht, mit welcher er seine mustergiltige Forschungsmethode uud den wissenschaftlichen Charakcr, den dergleichen Untersuchungen und Darstellungen haben müßten, kennzeichnete und für die Folge einen unabsehbaren Jnipuls gab. Man muß sich bewußt machen, von welcher Befangenheit des Geistes die damaligen gebildeten Juden waren, um die Bedeutung dieser Arbeiten von Jost und Zunz richtig zu würdigen. Bei den damaligen gebildeten Juden war eine Mißachtung des Rab-- binismus, also des bestehenden Jüdenthums und aller Heroen desselben, verbreitet, von welcher man sich jetzt kaum noch einen Begriff machen kann. Die Jeschiboth fingen an, sich aufzulösen, die Synagogen mit Ausnahme der hohen Feste zu veröden, eine Literatur, welche jene ansprechen konnte, gab es nicht, der Religionsunterricht hatte aufgehört und die deutsche Kanzel war kaum an zwei, drei Orten aufgeschlagen. Wir wollen nur ein kleines Charakteristicum aus der eigenen Erfahrung anführen. Es war im Jahre 1835, als ich einer Predigt einen Ausspruch Raschi's zu Grunde legte und in der Disposition behandelte. Nach dem Gottesdienste umarmte mich der alte Rabbiner, dessen Adjunkt ich in den ersten Jahren meiner Amtiruug war, mit Thränen in den Augen, daß er es doch erlebt, Raschi's Namen von der deutschen Kanzel her , mit solcher Verehrung neunen gehört zu haben! Es war gewissermaßen ein Wagniß. Aus diesem kleinen Zuge schon wird man erkennen, wie groß und ge-! wichtig die Aufgabe war, die sich jene beiden jungen Männer stellten, den Zusammenhang des gegentvärtigen Judenthums mit dem Beginn der nachbiblischen Zeit wiederherzustellen und die Pfade geschichtlich zu beleuchten, welche jenes seitdem und durch das ganze Mittelalter hindurch bis zu unseren Tagen zurückgelegt hat. Hierin waren Zunz und Jost Bahnbrecher, und alle späteren Forschungen und Arbeiten lehnen sich an sie. Während aber Jost sowohl die politische Geschichte der Juden als auch die der geistigen und literarischen Bewegungen, Veränderungen und Umgestaltungen im Judenthume zum Gegenstände seiner Thätigkeit machte und diese nach seinem ersten Werke durch eine zweibändige allgemeine Geschichte der Juden, eine dreibändige neuere Geschichte derselben bis 1845 und endlich durch seine dreij bändige Geschichte des Judenthums und seiner Sekten bis!zum Ende seines Lebens fortsetzte: wählte sich Zunz ein .specielles, aber nicht minder wichtiges Gebiet. Die Reform I des Gottesdienstes als das dringendste Bedürfniß erkennend,