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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-13 · Heft 16 (13.4.1886) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 16 (13.4.1886)
Date
1886-04-13
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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245 Aruch schaffen? Darüber würden nicht blos die heftigsten Streitigkeiten entstehen, sondern auch jeder Erfolg ausbleiben. Nicht blos zwei Parteien, sondern um jeden Satz würde der Hader losgehen und wenn wirklich Etwas zu Stande gebracht würde, so fehlte das Publikum, das sich danach richtete. Außer dem Gottesdienste bleiben vom Gesetze wesentlich das Sabbath-, Speise-, Ehe- und Reinigkeitsgesetz übrig. Im ersten, dritten und vierten Punkte haben die Rabbinerversammlungen Beschlüsse gefaßt. Wer hat sie berücksichtigt? Der Rabbiner, der etwas verbietet oder erlaubt, findet keine Befolger seiner Anordnungen; die einen beharren auf der Autorität der Vergangenheit, die anderen sind schon weit über den Standpunkt des Rabbinen hinaus. Dies sind die thatsächlichen Verhältnisse, woran keine Vorwürfe, kein Tadel, keine Anklagen zu ändern vermögen. Wir haben unsre Ausgabe dahin zu begreifen, den Lehrinhalt des Judenthums, seiner Geschichte und Literatur immer mehr durchzuarbeiten, und wissenschaftlich, aber noch mehr durch Geist und Herz zu beleben, den Religionsunterricht immer mehr auszudehnen und zu vertiefen, den Gottesdienst immer feierlicher, erhebender und anziehender zu gestalten, die wohlthätigen Bestrebungen und Thätigkeiten immer reichhaltiger und zweckmäßiger zu machen; die Gemeindeverwaltung zu regeln und zielbewußter zu machen; die großen Vereine zu fördern und zu immer sicherer Wirksanikkeit zu erheben. Leben und Bewegung, diese sind das eigentliche Bedürsniß des Judenthums und der Juden. Dann ergeben sich die Reformen von selbst. Jene Aufgaben zu erfüllen, steht höher als alle Zioistigkeiten um Gesetzesartikel, deren neuer Formulirung die jetzt den Geistern so ties eingesenkte Freiheit des Individuums keine Geltung weder rechts noch links zugesteht. Gott segne die schwere Arbeit! — So viel hierüber noch zu sagen wäre, wir müssen uns heute mit dem Obigen begitügen. nach einem langen Leben voll Strebens und voll Thätigkeit seine irdische Laufbahn geschlossen, sind wir schon in den Stand gesetzt, die volle Würdigung seiner Leistungen und ihres Werthes eintreten zu lassen. Hierfür sind drei Gründe vorhanden. In einer seltenen Consequenz hatte sich Zunz seine Lebensaufgabe von Anfang an mit klarem Bewußtsein * gestellt und sie ununterbrochen und unermüdlich verfolgt, und j diese seine Lebensaufgabe war einfach und bestimmt, daß sie j jedem Auge erkennbar ist. Alsdann hat er sich weder als .Führer »och als Glied irgend einer Partei angeschlossen; der! Freiheit und dem Rechte und darum dem Fortschritt war er! mit ganzer Seele zugethan, nicht aber wie sich diese mehr; oder weniger in einer Partei verkörpern. Endlich liegt seine eigentliche Wirksamkeit bereits einige Jahrzehnde zurück, so; daß sie abgeschlossen vor uns steht. — Wir wollen hier nun l weder eine Lebensbeschreibung, noch eine Apotheose des Heim-! gegangenen liefern; die crstere ist schon vielfach gegeben, der s zweiten bedarf Zuuz nicht. 1) Vielmehr beabsichtigen wir, 'die hervorragende Stellung aufzusuchen, welche Zunz in der Geschichte des Judenthums durch seine Arbeiten und seine Wirksamkeit eiuninimt. j In einer Periode des Stillstandes, der religiösen Er-! schlaffung und Rathlosigkeit, wie sie sich nach Mendelssohn's [SEoöe in erschreckender Weise bethatigte, trat Zunz erfrischend ' und belebend auf. In der neuen Synagoge Beer's und i Jaevbson's hielt er zündende Reden, tvclche für die damalige Zeit ganz neue Gedanken über Inhalt und Ausgabe des Judenthums aussprache». Nachdem diese Synagoge polizeilich! geschlossen worden, gab er diese Predigten (Berlin 1823) j heraus. Später fungirte er noch eine kurze Zeit in Prag! an dem neuerrichteten Tempel, gab aber dann, wo so viele j jüngere Männer die jüdische Kanzel mit Erfolg betraten,! diese Thätigkeit auf. Nicht minder erösfnete er die polemische Bahn zu kräftiger Abwehr; so durch seine „Beleuchtung der : Theorie du Judaisme von Abbe Ohianni" (Berlin 1830), H Leopold Zun;. % Man spricht und zwar mit vollem Rechte in der Regel der Gegenwart die Befähigung ab, über zeitgenössische Erscheinungen ein unparteiisches Urtheil zu fällen. Der Kampf der Parteien ist noch zu lebhaft, als daß nicht Dinge und Personen von einem Parteistandpunkte betrachtet werden sollten. Auch bietet sich das Bild der Entwickelung, der Zusammenhang im Verlaufe der Ereignisse noch zu wenig übersichtlich dar, um schon die wahre Bedeutung des Einzelnen erkennen zu lassen. Deshalb fallen nach dem Hinscheiden einer ausgezeichneten Persönlichkeit die Urtheile gewöhnlich entweder zu' lobpreisend oder zu absprechend aus. Eine Ausnahme hiervon! macht Leopold Zunz, und nachdem dieser ehrwürdige Greis; einer Schrift, welche allgemein einen sehr nachtheiligen Eindruck, besonders in Rußland gemacht hatte. Er wies überzeugend nach, daß Herr Chiariui sehr geringe Kenntniß vom Talmud besessen, sich aber dennoch ein absprechendes Urtheil darüber erlaubt hatte. Ebenso 1837, als man in Preußen den Juden die sog. „christlichen Vornamen" zu verbieten versucht hatte, durch seine Schrift „Namen der Juden" (Leipzig 1837), in welcher er unwiderlegbar erwies, daß die Juden fremde Namen zu aller Zeit schon geführt, ihre gegenwärtigen Vornamen meist altdeutschen Ursprungs seien, hingegen die r) Unter den vielen „Nachrufen", die erschienen find, heben wir hervor die in Nr. 26 der Wochenschrift „die Nation" enthaltene vom Pros. Steinthal und in der Sonntagsbeilage Nr. >3 zur „Boss. Zeitung" von Gustav Karpeles. Aus mehreren Synagogen, z. B. aus Nordhausen von Dr. Gclbhaus, gehen uns Berichte über Gedachtnißreden zu.

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