Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1886)
- Date
- 1886-04-13
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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244 den Kämpfen zu haben, die diese gottesdienstliche Reform in den Gemeinden kostete und besonders bei den geringfügigen Mitteln, die zu Gebote standen. Diese Reform war ja nicht anders als durch die Gemeinden und für sie auszuführen: die Willensmeinung der Rabbinen wog da nicht viel. Uebrigens braucht man nur einen Blick über die zahllosen schönen neuen und restaurirten Synagogen zu werfen, um sich zu sagen, wie viele Opfer für den Gottesdienst willig gebracht wurden. Und nun die Wohlthätigkeit, die neuen Zwecke und neuen Anstalten, die neuen und die reorganisirten Vereine? Sie sind zahllos, durchgreifend gebessert oder „reformirt;" sie haben in einer Ausdehnung und an Zweckmäßigkeit gewonnen, die geradezu ein leuchtendes Zeugniß für die Opferwilligkeit der Juden giebt. Und diese Ansprüche werden täglich erneuert und ausgedehnter. Ist das keine Religiosität? Ist das keine Reform des Judenthums? Wir sehen also in all' den drei großen Zweigen des theoretischen und praktischen Judenthums einen Fortschritt, eine Reform von innen heraus, die allmählig, aber sicher fortgeschritten ist und fortschreitet. Natürlich, daß immerhin noch Vieles zu thun bleibt, daß in Lehre, Gottesdienst und Wohlthätigkeit immerfort gearbeitet und vorwärts geschritten tverden muß. Aber es geschieht, Wille und Eifer sind da und Erfolge bleiben nicht aus. Nein, Schreiber dieses ist nicht durchaus Optimist; er ist sich der Schwächen und Kehler, an denen wir leiden, wohl bewußt; aber er überschaut die Zeit, die Kämpfe und Leistungen seit etwa 1820, und da kann man wohl seinem Urtheile etwas vertrauen. Das Judenthum ist durch eine große Krise gegangen und zum Theil noch darin besangen. Aber das Richtige und Echte hat sich immer durchgerungeu und ringt sich immer weiter. Wie konnte Lazarus sagen, daß man mit offnen Augen sieht und es ruhig geschehen läßt, „daß Hunderte und aberhunderte völlig gleichgültig gegen jede Beziehung zur Religion dahinleben." Welche Ungerechtigkeit! tönt es nicht von Lausend Kanzeln, in zehntausend Religionsschulen, in zahllosen Büchern und Zeitschriften immer wieder, die religiöse Gleichgültigkeit, welche zur allgemeinen Signatur unsrer Zeit gehört, zu bekämpfen, und Liebe und Eifer für das Judenthum zu wecken? Warum sagt denn Lazarus nicht, was geschehen soll? Bergißt er an die religiöse Frei* heit, welche jedes Zwangmittel ausschließt und die dem Individuum freien Raum gewährt, seinen Ansichten nach zu leben? . . . Der Redner denkt nur an eine förmliche Reform des Gesetzes, und zieht gegen diejenigen ins Feld, die eine solche zu bewerkstelligen gehabt und hätten. Eine solche formulirte Reform des Gesetzes nennt er die eigentliche Reform des Jüdenthums und klagt nun bitter, daß sie noch nicht geschehen. Er befindet sich dabei in einer völligen Verkennung des Wesens, der Verhältnisse und der Thatsacheu. Wer die Geschichte der großen religiösen Reformen überblickt, der weiß, daß dieselben^stetsHit den politischen und fo> zialen Interessen der Völker und Zeiten aufs Engste verbunden waren. Buddha kämpfte gegen die erdrückende Herrschaft der Brahminen und des indischen Kastenwesens. Der Sieg des Christenthums über das Heidenthum war mit der politischen Herrschaft im großen römischen Reiche identisch; der Islam trat mit dem Schwerte in der Hand auf, um die Staaten zu zertrümmern und die Völker sich einzuverleiben; die Reformation war nicht blos der Kamps gegen die Hierarchie, sondern auch für die Unabhängigkeit der Fürsten und deren absolute Souveränetät. Alle politischen und sozialen Interessen fehlten dagegen im Judentyume, im neueren vollständig, aber auch schon in seinen früheren Epochen. Die großen Reformen im Judenthume, so die monotheistische, deren Vorkämpfer die Propheten waren, wie die traditionelle seit Esra, haben stets viele Jahrhunderte in Anspruch genommen und gingen ohne alle Mitwirkung politischer Motive vor sich, und die politischen Revolutionen, wie der Uebergang von der Republik in die Monarchie, der Eintritt des makkabäischen Regiments waren nicht mit religiösen Reformen verquickt. Also langsam und allmählig, d. h. aber nichts anderes als aus und im Volke selbst und in dem freien religiösen Geiste desselben wurden Reformen im Judenthume bewerkstelligt. Gingen doch in ihm die Führer und Träger derselben immer aus dem Volke hervor, wie die Propheten und die talmudischen Lehrer. Aber um wie viel mehr lagen die Verhältnisse im neueren Judenthume ganz ebenso. Keine Cenlralisation, keine Autorität; Eentrnm und Autorität vielmehr in der Vergangenheit; itt weiter Zerstreuung um das ganze Erdenrund jede Gemeinde autonom, jedes Individuum völlig frei in seinem religiösen Thun und Lassen; ja noch schlimmer als in den vergangenen Zeiten: die Rabbiner und Lehrer in der abhängigsten Stellung von den Gemeinden und deren Vorständen. Da konnte sicher eine Reform nur allmählig und von Innen heraus sich vollziehen. Die immer mehr steigende Bildung und die Nothwendigkeiten der Lebensexistenz mußten das Bedürsniß wecken, und dieses nach Befriedigung verlangen. Darum conzentrirle sich die Reform aus den Gottesdienst und auch diese, da sie nur durch die Gemeinden selbst bewerkstelligt werden konnte, vermochte sie nur allmählig zu entfalten und ist deshalb noch heute im Uebergang begriffen. Aber auch hierin fragten die Gemeinden nicht erst bei Rab bitterversammlungen und Synoden an, und wo diese Beschlüsse gefaßt, blieben sie ohne unmittelbare Wirkung. Dennoch schritten die Gemeinden vorwärts, hier und da selbst gegen den Willen ihrer Rabbinen. Dies ist also das Wesen in der Reform des Jndenthums. Was verlangt nun Lazarus? Heißt seine „gesetzliche Reform" die Aufhebung des Gesetzes? oder soll man sich Hinsehen, den Schulchan Aruch umzugestalten, ausstreichen und zusetzen, also einen neuen Schulchan