Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1886)
- Date
- 1886-04-13
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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848 sich herdatirt, wird die Betrachtung der neueren Zeit des Judenthums immer von Mendelssohn ausgehen müssen. — Und nun kommen wir schließlich zu dem Vortrage des Prof. Lazarus zurück, von welchem wir im ersten unserer Artikel sprachen. Wir wissen nicht, ob wir es als eine Stimmung oder als eine Ansicht betrachten sollen, daß der Redner an seine Würdigung Mendelssohns eine bittere Klage über alle diejenigen anknüpfte, welche seit Mendelssohn im und für das Judenthum gelebt und gearbeitet haben. Er sagt: „An der Wissenschaft des Judenthums ist es nun auch, die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Reform des Judenthums für unsere Zeit in Wahrheit zu begreifen und auch daran zu gehen, sie auszuführen." Das scheint uns nicht ganz klar ausgcdrückt. Heißt „gesetzliche Reform" Reform des Gesetzes, oder eine Reform in gesetzlicher Weise? Der Redner scheint letztere zu meinen, und dann frägt es sich: welche Form wäre „gesetzlich?" Wer sind die, welche autoritativ eine solche gesetzliche Reform des Gesetzes aussühren sollten? Der Redner deutet allerdings im weiteren Verlaufe an, daß er hierbei im engeren Sinne an die Rabbiner, im weiteren an alle diejenigen denkt, welche sich wissenschaftlich mit dem Judenthume beschäftigen. Er fährt fort: „Es führt zum Verfall einer Religion wie einer jeden geistigen Genossenschaft, wenn ein großer, wenn ein sehr großer Theil ihrer Bekenner, wenn auch ihre Lehrer und ihre Führer Hunderte und aber Hunderte von Sätzen nicht mehr befolgen, in ihrem Herzen nicht mehr anerkenne», sie gleichwohl aber als Gesetze bestehen lassen. Einzelne Ansätze zur Reform sind in Rabbinerversammlungen und Synoden gemacht, sind immer ohne Continuilät geblieben, aus Gründen, deren Erörterung im einzelnen uns hier fern liegt. Der! einzige, letzte, wahrhaft zutreffende Grund, weshalb wir uns der stetigen Arbeit an dieser Reform enthalten, ist die! Trägheit. — Der Sinn für Religion hat allerdings bei der! ganzen europäischen Menschheit in diesem Jahrhundert ivesentlich abgenommen. Die Religion übt nicht mehr die anziehende | Gewalt über die Menschen aus, welche sie vormals gehabt, hat. Allein nirgends ist das Gehen- und Liegenlassen so! weit gediehen als bei den Juden. Mit offenen Augen sieht man es und nichtsdestoweniger läßt man es geschehen, daß! hunderte und aberhunderte völlig gleichgültig gegen jede Beziehung zur Religion dahinleben. Neben dem äußerst seltenen Besuch des Gottesdienstes und dem jüdischen Begräbniß ist! es nur noch ein wenig spezifischer Aberglaube und der Bei-! trag zur Gemeindeverwaltung, der die Genossenschaft zu-! sammenhält. Kein Wunder! Eine Religion, welche nicht an! ihrer Fortbildung arbeitet, in welcher alle diejenigen, welche! berufen sind, sie zu vertreten und sie innerlich, geistig zu, beleben, aus Rücksichten, nennen Sie sie, welche Sie wollen,! nennen wir sie die besten und vortrefflichsten Rücksichten, gleichwohl immer nur aus Rücksichten, beiseite stehen — eine Religion, sage ich, deren Lehrer und deren Führer den Muth nicht haben, sich die Frage vorzulegen: was ist denn eigentlich noch unser Gesetz, was kann es noch sein? — eine solche Religion ist in der allertiefsten Gefahr. Wir lassen es gehen." Das sind die bittersten und schärfsten Anklagen, welche gegen die ganze Vergangenheit seit Mendelssohn geschleudert werden können! Trägheit, Rücksichtnahme und Feigheit — was kann man wohl Schlimmeres denen vorwerfen, welche ihr ganzes Leben und ihre ganze Thätigkeit dem Judenthume und dessen Bekennern gewidmet haben! Die ganze Reihe der ehrwürdigen Männer, welche dieser Aufgabe ihre ausgezeichneten Kräfte gewidmet und nun von einem Dritten mit solchen Vorwürfen überhäuft werden, tritt vor uns und verlangt Rechtfertigung. Wir können uns nicht enthalten, unsre Leser auch nur an die vorzüglichsten derselben, und nur an die verstorbenen zu erinnern. Wie, wäret Ihr träge, und voll Rücksichten und ohne Muth, Ihr ZUN), Jost, prtcr Lerr. Ioelson, Gotthold Solomon, Älctj, Kappaport, Salvador, Geiger, Holdheim, Lnjjatio, Lotio della Dorre, Ärochmal, Fürst, Creiznach, Heß, Chorin. Fasset, Saalschutz, Einhorn, Sernhard Leer, Z. Frankel, phöbns Philippson, M. Sachs, Mannheimer, Herrheimer, Mnnk.Herjfeld, Stein, X M. Levi, Leopold Low, L. Ädler, Änb und die vielen anderen, an welche sich dann eine zahlreiche Gefolgschaft noch lebender Kämpfer und Arbeiter schließt? Haben sie wirklich nichts gethan, nichts gewirkt? Wir glauben, daß Prof. Lazarus sich da zu Ungerechtigkeiten hat Hinreißen lassen. Sehen wir näher zu. Das Judenthnm beruht, wie es unsre Weisen schon ausgedrückt, ans drei Säulen: „Lehre, Gottesdienst und Wohlthätigkeit." Kann nun Jemand verkennen, wie viel in den verflossenen sechs Jahrzehenden für die Lehre, d. i. für eine wissenschaftliche Durcharbeitung des Judenthums, seiner Lehre, Geschichte und Literatur, für den Ausbau seines Lehrinhaltcs, für die Belehrung von der Kanzel her und in der Presse und namentlich für den Religionsunterricht in allen seinen Stufen, der doch zu schaffen, zu verbreiten und auszubilden war und ist, geschehen ist? Alles dies liegt thatsächlich vor, erwirbt sich aber erst unsre rechte Anerkennung, tvenn man die Zustände bis zu den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts kennt. Nun, was für den Gottesdienst geschehen, läßt sich selbst der Redner heran, anzuerkennen, indem er sagt: „Dankbar müssen wir der Thatsache gedenken, daß wenigstens in Bezug auf den Gottesdienst eine weitgreifende, eine vorzügliche Umwandlung stattgefunden hat. Nicht aller Orten und im Widerspruche, im Kampfe gegen diejenigen, welche sich die Rechtgläubigen nennen, hat diese Reform sich vollzogen." Ja, er scheint eben doch nicht den rechten Begriff von 16*