Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1886)
- Date
- 1886-04-13
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227626--43444-3263805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
und Kritik zusammenbrechen mußte, ist uns jetzt wohl zweifellos. Hiermit hatte er, wie wir sagten, die Vergangenheit gewissermaßen versiegelt und auf ihrem Boden ein geistreiches, aber völlig unhaltbares System aufgerichtet. Eines geht daraus sicher hervor: daß Mendelssohn völlig seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, wie er sie auch in seinem Lebenswandel streng übte. Er war davon so sehr durchdrungen, daß, da er die Unantastbarkeit des Gesetzes (S. 355 f.), die unveränderliche Verpflichtung der Juden auf dieses Gesetz nachdrücklich besprach, er, wie klar zu erkenne», nicht die Verletzung eines Gesetzes, sondern nur den Uebertritt zum Christenthume im Auge hatte. Von einer Zweideutigkeit, von einem bald zur Philosophie, bald zum Rabbinismus Hinneigen, kann also bei Mendelssohn nicht die Rede sein, und wer solches ihm zuschreibt, versündigt sich an seinem Schatten und an der Wahrheit. Dahingegen ist es ebenso sicher, daß schon seine unmittelbaren Jünger und namentlich auch die Glieder seiner Familie bald nicht mehr wußten, was sie aus dem philosophisch-religiösen System Mendelssohn's machen sollten. Mendelssohn hatte zu sehr „die Aufklärung", die „vernunftgemäße Erkenntniß" gepredigt, hatte ihnen die religiösen Begriffe nicht als Eigenthum des Judenthums, sondern als Produkt der freien Vernunft gelehrt, als daß sie in dieser Beziehung eine besondere Anziehung und Haltekraft für das Judenthum empfunden hätten. Der damals in der protestantischen Kirche herrschende Rationalismus machte es ihnen leicht, jene Lehren auch in dieser zu finden und über die protestantische Verklausulirung derselben konnten sie sich hinwegsetzen — wie sich dies denn in dem bekannten „Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter an den Probst Teller" (Berlin 1799), verfaßt von dem Schüler Mendelssohns David Friedländer, allzu deutlich aussprach. Diese Aufklärung und Vernünftigkeit trat in ihnen dem „Gesetze", also nach Mendelssohn dem eigentlichen Judenthuine entgegen, nachdem der damals auswachsenden Generation jene Pietät und Gläubigkeit, die in Mendelssohn noch lebte, in dem Streben nach Aufklärung verloren gegangen. Zu seiner Auffassung mochte wohl Mendelssohn gekommen sein, weil er den ganzen Lehrinhalt des Judenthums seit vielen Jahrhunderten von der Orthodoxie völlig vernachlässigt, ja ignorirt sah. Ihm waren daher seine Gottesbegriffe gewissermaßen aus ihm selbst gekommen, nur daß er sie in der h.; sonst geforderten vernünftigen Begründung und Erkenntniß in Widerspruch stand. So erfolgte denn, was wir noch heute beklagen, eine Verwirrung und Erschlaffung der religiösen Ueberzeugung, Unbehaglichkeit und Nichtbefriedigung der Seele von Seiten des Bestehenden, eine religiöse Rathlosigkeit, welche dem Abfall von der väterlichen Religion vielen Vorschub leistete. Wir haben in Briefen eines Sohnes Mendelssohns, die jüngst veröffentlicht wurden, die Beweise, daß in den Söhnen Mendelssohn's die Kantischen Ansichten herrschend wurden und sie also die Ansichten ihres Vater aufgegeben und beseitigt hatten. Was sich so in den unmittelbaren Nachfolgern Mendelssohn's manifestirte, mußte sich bei der nachfolgenden Generation in sehr zahlreichen Geistern wiederholen. Theils wurden die Ansichten Mendelssohn's sehr rasch vergessen, theils nahmen zahlreiche Persönlichkeiten die allgemeine Cultuc und die Resultate der allgemeinen Bildung so urtheils- und widerstandslos in sich auf, daß eine religiöse Ueberzeugung gänzlich in ihnen erblaßte. Hierzu kam nun, daß den gebildeten und befähigten Juden überall noch jede öffentliche Laufbahn, jede Thätigkeit und Verwendung ihrer Kräfte in irgend einem Amte oder höherem Berufe verschlossen war. Es war eingetroffen, was Mendelssohn einst bei Gelegenheit des Anerbietens des Philanthropin zu Dessau, jüdische Schüler aufzunehmen, geäußert hat, daß die höhere Bildung den Juden den Druck und die Ausschließung, denen sie unterworfen waren, noch fühlbarer machen werde. Alle diese Momente zusammen führten einen Zeitpunkt herbei, der dem Abfall nur zu günstig war. Als „Reformator" kann deshalb innerhalb des Judenthums Mendelssohn nicht bezeichnet werden, nicht allein, weil er keinerlei Umgestaltung in demselben ins Auge gefaßt, sondern weil er im Gegentheil das Iudenthum, wie es bis dahin bestanden, zu systematisiren und von neuem philosophisch zu begründen versucht hat. Wenn er auch einmal von „Mißbräuchen" sprach, die dem Judenthum anhasten, so hat er doch keinen dieser angegeben und dessen Abstellung gefordert. Daß er dagegen auf das culturelle Leben, auf die intellektuelle und sociale Hebung seiner Glaubensgenossen in unübersehbarem Maße gewirkt hat, brauchen wir nicht noch einmal hervorzuheben. Er that dies insbesondere als Vorbild bewußten Strebens und des sittlichsten Charakters. Nicht zu be- Schrift bestätigt fand. Während jene nun sich , in die Strö-1 zweifeln, daß der Geist in zahlreichen jüdischen Individuen schon mung des allgemeinen Lebens, in die Cultur- und Bildungsj vor und mit ihm bereits in Bewegung nach auf- und vorwärts bewegung mit ganzer Seele versenkten, stand ihnen das da- > gekommen war; er aber gab ihnen Richtung und Mittelpunkt ab; malige Judenthum nur als eine geistlose und geschmackswidrige! in ihm concentrirten sich die einzelnen Strahlen^zu einem Brenn- Erscheinung gegenüber, für sie mit tausend Härten versehen; punkte, von welchem Licht und Wärme weithin sich ergossen, die Ansicht Mendelsohn's, daß wir zwar nach den Grün-j Und dann hat er diese Bewegung durchseine deutsche Ueberden des Gesetzes forschen dürfen, daß aber hiervon die tragung des Pentateuchs und der Psalmen in die breiteren strenge Uebung des Gesetzes nicht abhängen dürfe, war ihnen bald abhanden gekommen, da sie ihnen mit der Schichten der Masse hineingetragen. Insofern also von dieser Zeit an die culturelle Wiedererhebung der jüdischen Masse