Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1886)
- Date
- 1886-04-06
- Page
- Seite 238 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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888 Jeuilleton. Wir plaudern aus der Schule, in Scher; und Ernst. Bon Mauert. (Nachdruck verboten.) IV. Unser Lehrer riskirte nicht viel; dazumal hingen sich sieben Gemeinden an die Rockschöße eines Lehrers, bei der jetzigen Ueberproduction und dem starken Zuzug auf Grund der Freizügigkeit melden sich dutzende Bewerber auf eine einzige Baeanz. Einige Tage nach der Kündigung traf unser Grammatiker den ihm wohlbekannten Herrn Herzhein aus Burau, der auf einer Reise ja Verwandten Kumeran passirte. Nach freundlicher Begrüßung nahm Herr H. eine Einladung in des Lehrers Wohnzimmer an. Im Laufe des Gesprächs fragte Herr H.: „Wissen Sie keinen guten Lehrer" — „Wie so? Es kommt darauf an, wenn Sie eine gute Stelle wissen." — „Es kommt darauf au, was Sie unter „gut" verstehen. Vor kurzem bin ich Vorstand unserer Gemeinde geworden, und werde vor Allem Lehrer und Schule in Schutz nehmen, kleinliche Aergernisse nicht aufkommen lassen." — Als nun der Lehrer seine Geneigtheit zur Uebernahme der Stelle kund gab, denn er kannte den Herrn H. als wohlwollenden, gebildeten Mann, der mit der Observanz der ceremouiellen Vorschriften milden Sinn verband, ergriff letzterer freudig des elfteren Hand mit den Worten: „Ich hoffe, uns beiden ist geholfen," und es wurde abgemacht, daß der Lehrer zu einem der folgenden Sabbathe zur Predigt und Abhaltung des Gottesdienstes sich in Bethause einfinden möge. „Wahrscheinlich haben Sie, bemerkte der Vorsteher, von dem häufigen Stellenwechsel in unserer Gemeinde gehört, — weshalb Offenheit und Pflicht mir einige vertrauliche Aufklärung nahe legen. Bis jetzt war ein Herr Kosmann unser erster Vorsteher. Die Leute halten ihn für sehr fromm, — denn er trägt am Sabbath das Taschentuch um den Leib gebunden und nicht in der Tasche; er zwickt sich selbst; nun, Sie verstehen. — Die Leute halten ihn für einen „Lamden" (Gelehrten), er „lernt" zuweilen in der Chebra. Es ist nicht nach meinem Geschmacke, da er bisweilen nur ein deutsches Wort und dazu verstümmelt einstreut, sonst aber alles in einem Singsangton abhaspelt. Sonderbar, keiner versteht es, aber es scheint, daß die gewöhnlichen Leute Unverstandenes für gelehrt und leere Formeln für Zeichen der Frömmigkeit hinnehmen." „Ich verstehe, verstehe, es ist die Macht des Geheimnisses" warf Herr Amberg ein. „Ter Mann ist etwas starr, und hat mit jenen Dingen die Lehrer richtig weggebissen. Das hat aber nichts zu sagen, ich bin jetzt Vorstand — und mir werden zusammen gehen — Sie werden den Mann in achtungswerther Ferne halten. Ich will noch beifügen, daß vor etwa fünf Jahren der Rabbiner, als dieser unfern Ort besuchte, unserm Koßmann für fünf Thaler den Chower ertheilte, und bei Gelegenheit das „Rebbe Uri", denn er heißt mit Vornamen Philipp, von guter Wirkung ist." — Nach Probepredigt und Leitung des Gottesdienstes wurde Herr Amberg unter gegenseitiger Beglückwünschung ohne Wandeltisch und mit mehr als dem doppelten seines bisherigen Salairs in B. angestellt, und ein Vierteljahr nachher in seinen neuen Wirkungskreis feierlich ausgenommen. Die Antrittsrede am ersten Sabbathe erntete womöglich noch mehr Lob, als die Probepredigt, und die Männer waren auf den Chebra-Vortrag vor dem Nachmittagsgottesdienste gespannt. Die Chebra sollte diesmal im Hause Koßmanns, das unmittelbar sich in schöner Fronte neben der Synagoge präsentirte, gehalten werden. Der Lehrer hatte bereits herausgefunden, daß des Rabbi Uri (Gelehrsamkeit) sich auf einige Stückchen des Menvrath hamaor und die praktische Anwendung der landläufigem Gebräuche (Dinim) beschränkte. — Er nahm ein zum Vortrage geeignetes Werk von Ephraim Lunteschütz, und legte es auf den Tisch, worauf Herr K., ob aus weiser Vorsicht oder zufällig, einen Menorath hamaor und den ersten Band des Pentateuch mit dem Raschi - Commentar gelegt hatte. — In dem letzteren blätterte Herr Amberg mechanisch, während die Stube sich mit Chebra-Leuten füllte. - Einige Minuten vor der zum Beginne des Vortrages festgesetzten Zeit griff der Lehrer zu dem von ihm mitgebrachten Buche, indeß K., während er die Brille aufsetzte, die Frage hinwarf: „Ihr kennt wohl kein Raschi?" „So so, wie rnan's nimmt, Raschi ist allerdings nicht leicht, eignet sich zudem nicht sonderlich zum Vortrage." „Hm, hm, eignet sich nicht, — nicht leicht, habe doch schon als Junge Raschi gelernt." „Wohl, Rebbe Uri — Raschi gut können, ist leicht gesagt. Zu dem als Talmndist und M'dakdik (Grammatiker) weithin berühmten sel. Rabbiner meiner Gegend kam einst ein Fremder und bat um eine Stelle als Lehrer des Hebräischen. Auf die Frage des Rabbiners an den Bittsteller, was er denn gelernt habe, führte er unter Verschiedenem auch an: er verstehe „Raschi sehr gut". Da erhob sich der Rabbiner aus seinem Sessel mit den Worten: Bitte nehmen Sie meinen Platz ein, denn ich wage nicht zu behaupten, daß ich Raschi sehr gut verstehe. — Erlauben Sie, Herr Koßmann, beispielsweise diese wenigen Worte im ersten Satze