Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1886)
- Date
- 1886-04-06
- Page
- Seite 237 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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237 vorgestern wieder die Juden an der Reihe. Vorgestern bst' jener Passus des Municipalgesetzentwurfes, welcher bestimmt, daß die Steuer der Redakteure doppelt gerechnet werde, den erwünschten Anlaß. Der antisemitische Geistliche Abgeordu. Komlössy beantragte, daß diese Begünstigung nur den „Redakteuren der Zeitschriften und Journale von christlicher und nationaler Richtung" zu gute komme. Zunächst war es der Minister-Präsident, dann der liberale Gabriel Ugron und zum Schluß wieder Herr v. Tißa, welche den Antiseiniten in würdiger Weise heimleuchteten. Gabriel Ugron sagt: Wir sind fürtvahr in einer eigen» thümlichen Lage, g. Haus; wenn wir uns an den Geist und die liberale Denkweise des vorigen Dezenniums zurückerinncrn, so weiß ich fürwahr nicht, ob ich mich im Parlament Ungarns, oder in einer Versammlung von Aristokraten mit verschrobener Erziehung befinde. (Hört!) Und schließt mit der Bemerkung: Wir pflegen mit den Mitgliedern der Antisemitenpartei nicht zu debattiren, tvir halte» es nicht für unsere Aufgabe, die Juden ihnen gegenüber zu vcrtheidigen; die Juden haben uns auch nicht mit dieser Aufgabe betraut. Allein fest steht für uns jenes Princip, daß man zwischen Mensch und Mensch, zwischen Bürger und Bürger keinen Unterschied machen kann. Und wenn ich hier eine Aeußerung höre, >vie die von der „im Schreiben unproduktiven jüdischen Rare", so wundert es mich, wie ein Geistlicher dies sagen kann, der seinen Mund in der Kirche nicht öffnen könnte, wen» er nicht das alte oder das neue Testament mit sich brächte. Und doch sind beide von „im Schreiben unproduktiven" Juden geschrieben worden. (Großer Lärm. Lebhafte Zustimmung.) Göza Räez spricht für das Amendement Komlössy's, das sich besonders auf die Schmutzblätter bezieht. (Alexander Hegedüs: Man soll keine Schmutzblätter machen! Die äußerste Linke schmeichle vergebens den Juden, die Alles von der Ernennung erwarten, und deshalb Böla Grünwald's Idee unterstützen. Im Comitat des Herrn Ugron werde es einen jüdischen Bicegespan geben; Zala habe ohnehin schon einen jüdischen Obergespans-Aspiranten. (Große Heiterkeit.) Minister-Präsident Koloman Tißa: Geehrtes Haus: (Hört!) Ich glaube, man wird mir gestatten mit einigen Worten zu reflektiren und damit könnten wir wohl diesen Paragraphen erledigen, der zu einer sicherlich nicht zu sehr erbaulichen Debatte Anlaß gab. (Zustimmung. Franz Komlössy: Allein mit Recht. Widerspruch.) Wenn man gerecht sein soll, dann, sehe ich, giebt es zwei Gattungen Mensche», die eine fragt ob Jemand ehrlich, anständig ist oder nicht? Zu dieser Gattung zähle ich mich und die große Majorität des Hauses. (Zustimmung.) Es giebt aber Einzelne, die fragen, ist er Christ oder Jude? Der Christ ist ein Engel, der Jude ein Teufel. Mit solchen Leuten wäre es schade auch nur zu reden. (Lebhafte Zustimmung.) Der Antrag Komlössy's wurde mit anderen Anträgen abgelehnt und der betreffende Paragraph unverändert ange» nommen. Am Schluffe der gestrigen Sitzung gab cs zur Abwechslung eine judenfeindliche Interpellation, welche den emeritirten antisemitischen Professor Karl Nendtvich zum Urheber hat. Nendtvich, der sich übrigens in einer langen und rührenden Rede gegen den Borwurf des Obskurantismus und der Unduldsamkeit hoch und theuer verwahrt, fragt die Regierung, ob sie gegen die Einwanderung der Jude» aus Galizien, Rußland und der Bukowina kein Gesetz schaffen wolle. Der gelehrte Interpellant will, wie er betheuert, bloß verhindern, daß „Ungarn zum Kehrichthaufen von ganz Europa" gemacht werde. Pest, 25. März. Zu Zala - Egerszcg tvurde bei der Nachwahl der Antisemit Szemnecz zum Abgeordneten gewählt. Trotz der herrschenden Erregungung wurde die Ruhe nicht gestört. Antisemische Hetzer hatten die Gegend besucht, das Volk gegen die Juden aufzustacheln. — Brody, 22. März. Man schreibt der „P. (£.": Die hiesige Handels- und Geiverbekammer hat sich an den Handelsminister mit einer Beschwerde wegen vexatorischen Vorgehens des hiesigen russischen Consuls bei Bidirung von Reisepässen gewendet und das Ansuchen u»l Veranlassung der Abhilfe gestellt. Die Handelskammer behauptet in der Beschwerde, daß den Juden die Reisepässe nur nach bestimmten Gegenden Rußlands vidirt roerden, sonst aber die Bidirung von der vorher einzuleitenden Genehmigung des russischen Ministeriums abhängig gemacht wird. Dieser Vorgang tverde mit einer bisher nicht bekannt gegebenen, wenigstens aber nicht in Anwendung gebrachten Verordnung des russischen Ministeriums begründet. Es sei einleuchtend, daß dadurch einzelne Handelsleute Schaden erleiden und im Verkehre Störung verursacht wird. Bonn, 28. März. (Notizen.) Der Vielschreiber Eduard von Hartmann, der jetzt Broschüren und Zeitschriftenartikel über Alles und noch etwas mehr in die Welt schickt, über jedes beliebige Thema mit souveräner Entschiedenheit abspricht, der Lobreduer des kahlsten Absolutismus, der auch über „die Judenfrage" ein jesuitisches Pamphlet geschrieben, hat jetzt eine vernichtende Kritik erfahren. All die Fehler und Jrrthümer seiner „Philosophie" (?), die nichts als eine sophistische Modepuppe ist, all der Hocuspocus seiner Aesthetik, Ethik, Politik, Socialpolitik, Pädagogik u. s. w. wurden schonungslos aufqedeckt. Wir empfehlen deshalb den soeben erschienen 12. Essay von Philipp Mainländer: „Kritik der Hartmann'schen Philosophie des Unbewußten", Frankfurt a. M., C. Könitzer. — Die Gründung des Rabbinerseminars bauscht die „Franks.Ztg." zu einer „jüdischen Universität auf, welche die nordamerikanischenJuden beabsichtigten, und wovon das Seminar der Anfang sei!! —