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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-06 · Heft 15 (6.4.1886) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 15 (6.4.1886)
Date
1886-04-06
Page
Seite 236 (sequence 12)
Language
German
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836 Oesterreich -Ungarn. Wirn» 22. März. Auch die Deutschen im cisleithanischen! Desterreich beginnen zu fühlen, wie gefährlich eine Duldung, oder! gar Förderung des Antisemitismus für sie selbst ist. Eine Correl spondenz der,, Franks. Z."giebt hierüber Aufschluß. Es heißt da: j „Das unter der Führung des Abg. Schönerer stehende! Häuflein der Antisemiten, welche das „unverfälschte Germanenthum auf ihre Fahnen geschrieben haben, ist zum werthvollen Bundesgenossen der Slaven und Klerikalen vorgerückt. Der Schönerer'sche Antisemitismus vermochte weder auf politischem noch auf sozialem Gebiete nennenswerthe Erfolge zu erzielen. Die wirthschaftliche Nothlage, von welcher Oesterreich heimgesucht ist, kommt ihm zwar einigermaßen zu statten, allein alle besseren und besonneneren Elemente halten sich von ihin fern. Die Enttäuschung darüber, daß die antisemitische Propaganda in der Bevölkerung so geringe Wurzel zu fassen vermag, mochte den Schöpfer des „unverfälschten Germanenthums" den Gedanken eingegcben haben, da er selbst nicht organisatorisch zu wirken vermag, wenigstens Anderen die Freude am Schaffen und an fruchtbringender Arbeit zu vergällen. So haben sich denn die Antisemiten, Herr v. Schönerer an der Spitze, seit Kurzem ein neues Angriffsobjekt herausgesucht, und zwar den deutschen Schulverein. Das segensreiche Walten dieser Institution bedarf keiner besonderen Anpreisung. Die Bildung dieses Bereines erwies sich als eine überaus glückliche Idee und sein Bestand ist nicht nur von politischer, sondern fast noch mehr von großer kultureller und auch humanitärer Bedeutung. Nach vielen Tausenden zählen die Kinder deutscher Eltern, welche in den vom deutschen Schulverein errichteten und subventionirten Anstalten der Wohlthat deutschen Unterrichts theilhaftig werden. Seit Jahren geht das Bestreben der Czcchen dahin, die Thätigkeit des deutschen Schulvereins lahmzulegen. Der von ihnen gegründete czechische Schulverein kann es aber trotz aller künstlichen Aufzucht zu keiner rechte« Lebensfähigkeit bringen. Ein noch kläglicheres Dasein führt der slovenische Schulvereiu. Neuestens wurde auch ein italienischer Schulverein gegründet, so daß das deutsche Vorbild bereits mehrfache Nachahmungen erfahren hat. Um dieses Vorbild zu vernichten, riefen die Czechen sogar die Hilfe der Regierung an und sie setzten es durch, daß Graf Taaffe eine Aktion in der Absicht einleitete, den deutschen Schulverein als einen politischen erklären zu können und ihm damit das Lebenslicht auszublasen. Man hak sich aber im Ministerium augenscheinlich doch eines anderen besonnen, vielleicht auch in der Besorgniß, daß schließlich das Reichsgericht die Maßregelung des deutschen Schulvereins verhindert haben würde. Was nun den Czechen und auch dem Grafen Taaffe nicht gelingen will, nämlich die Auflösung des deutschen Schulvereins herbeizuführen, das wollen die Antisemiten erreichen. Sie haben hier und anderwärts Ortsgruppen — darunter auch Frauen- und Mädchenortsgruppen — gegründet, deren Satzungen auf dem Programm des „unverfälschten Germanenthums" beruhen und die Nichtaufnahme von Mitbürgern und Mitbürgerinnen israelitischer Konfession aussprechen. Die Centralleitung des deutschen Schulvereins glaubte anfänglich, durch gütliches Zureden die Fraktion Schönerer von der Geltendmachung ihrer antisemitischen Tendenzen innerhalb dieser zum Wohle aller Deutschen in Oesterreich gebildeten Vereinigung abbringen zu können. Sie mußte sich aber bald überzeugen, daß dem Plane der Antisemiten mehr als eine bloße Liebhaberei zu Grunde liegt, daß diese nichts geringeres als die Sprengung des deutschen Schulvereins im Schilde führen. Nun wurde Ernst gemacht und die Ceutralleitung erklärte die antisemitischen Ortsgruppen einfach für aufgelöst, zeigte dies der Behörde an und damit wäre der Thätigkeit dieser Auswüchse ein Ziel gesetzt. Die Antisemisen denken aber noch lange nicht daran, sich für besiegt zu halten und das Feld zu räumen. Sie haben nunmehr eine maßlose Agitation gegen die Centralleitung des deutschen Schulvereins eingeleitet, indenl sie in einer Reihe von Ortsgruppen gegen dieselbe Mißtrauenskundgebungen zum Beschlüsse erhoben. Die Jahresversammlungen der Ortsgruppen sind zumeist sehr schtvach besucht und es kann einigen rührigen Leuten nicht schwer fallen, die nöthige Anzahl von Personen zusammen zutrommeln, unr durch Ueberrumpeluug oder auf airderem Wege in einer nur spärlich besuchten Sitzung Mißtrauens Voten zu Stande zu bringen. Der Hauptangriff wird aber erst in der Jahresversammlung des gesammterr deutschen Schulvereins, die zu Pfingsten in Salzburg stattfindet, erfolgen. In derselben wollen die Antisemiten, gestützt aus die von ihnen jetzt inseenirten Mißtrauenskundgebungen, den Sturz der derzeitigen Centralleitung, an deren Spitze sich der Abg. Di-. Weitlof und Prof. v. Kraus befinden, herbeiführen. Gelänge aber dieser Plan nicht, dann will man durch tuniultuarisches Auftreten die Auflösung der Jahresversammlung und damit auch des deutschen Schulvereins erzwingen. Angesichts dieser Vorgänge und der Haltung der Vertreter des „unverfälschten Germanenthums" reiben sich die Czechen bereits vergnügt die Hände. Sie rechnen darauf, daß die Vernichtung des deutschen Schulvereins, die zu ihren heißesten Wünschen gehört, den Antisemiten gelingen wird." Pest, 21. März. (Privatmitth.) Wer sich die Mühe giebt, die Diarien des ungarischen Reichstages durchzusehen, kann sich davon überzeugen, daß alljährlich vor dem Purim¬ oder Hamanfeste in irgend einer Weise die Juden zur Sprache kommen. In vorantisemitischer Zeit war es bald der Congreß, bald das Rabbiner-Seminar, das vor dem Purimfestc auf die Tagesordnung gesetzt wurde, und seitdem eine Antisemitenpartei im Hause existirt, findet bald der eine, bald der andere der Hetzbrüder Gelegenheit, den angesammelten j Schimpsvorrath abzulagern. So waren auch gestern und

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