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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-06 · Heft 15 (6.4.1886) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 15 (6.4.1886)
Date
1886-04-06
Page
Seite 235 (sequence 11)
Language
German
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»35 zu fällen im- Stande sei. Deshalb hier auch folgenden Artikel: Herr Hofprediger Stöcker hatte in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 15. März d. I. in einer längeren Rede sich mit dem Domprediger Dr. Schramm und dessen Briefen moderner Dunkelmänner beschäftigt. Darauf erläßt Herr Domprediger Schramm nun eine Erklärung, in der es heißt: „Der Herr Hofprediger hat sich bei dieser Gelegenheit mit gewohnter Feinheit die gewählten Schimpfwvrte eines obskuren Volkskalenders gegen die Briefe moderner Dunkelmänner und ihren Verfasser angeeignet und von „niedrigen Kreaturen" gesprochen, von „spekulativen Pastoren, die mit unserm Glauben Geschäfte treiben". Diese liebliche Ausdrucksweise ist genau dieselbe, welche ich in meinen Briefen moderner Dunkelmänner gegeißelt habe, und bestätigt nur die Richtigfeit meiner dort gemachten Schilderungen. So lange nun solche Dinge in irgend einem Winkelblatt gesagt werden, pflege ich sie grundsätzlich unbeachtet zu lassen, wenn sie aber ein Hofprediger in Berlin von der Tribüne des Landtages und unter dem Schutze seiner Verantwortlichkeit als Abgeordneter wiederholt, muß ich doch zur Steuer der Wahrheit erklären, daß jene Worte, so weit sie mich treffen sollen, nichts als eine infame Verleumdung resp. eine verläumderische Verdrehung der einfachen Thatsachen sind, daß mein Buch „Unser Glaube" in mehreren Auflagen verbreitet ist. Hru. Stöcker ist diese Thatsache vielleicht nicht angenehm, wenn er aber deshalb sich zu der Behauptung versteigert, daß meine Berufung nach Berlin die Hauptstadt nur irreligiöser gemacht haben würde, so dient diese dreiste Insinuation nur zu einer grellen Beleuchtung der traurigen Thalsache, daß die preußische Landeskirche gegenwärtig Prediger von sich ausschließt, die im übrigen Deutschland in Segen wirken, dagegen eine Persönlichkeit wie den Hofprediger Stöcker, der nicht blos durch die öffentliche Meinung, sondern durch das Urtheil eines preußischen Gerichtshoses gekennzeichnet ist, unbeanstandet ihr Unwesen treiben läßt.". Kassel, 19. März. Wahrscheinlich, um einem „tiefgesühlten Bedürfniß" abzuhelfen, — die Antisemiten bemühen sich seit langer Zeit, Kassel als von ihnen ganz besonders insicirt auszuschreien — soll unsere Stadt vom 1. April d. I. ab mit einer neuen, sechsmal wöchentlich erscheinenden Zeitung beglückt werden. Sechszigtausend Einwohner und sechs politische Tagesblätter, das genügt, dächte ich. Das neue Zeitungswagniß — jedenfalls bezeichnender als Zeitungsunternehmen — geht aus von den früheren Verlegern der „Kasseler Zeitung", der Buchdruckerfirma Reider und Mein berg. Das Blatt wird den Titel „Neue Kasseler Zeitung" führen, auf welche die Herausgeber in hiesigen Zeitungen bereits zum Abonnement einladen. Der antisemitische Charakter der „Neuen Kasseler Zeitung", den die Verleger insofern herauszukehren für nothwendig erachten, als sie von ihr u. A. sagen: dieselbe ist gänzlich unabhängig von jüdischen kapitalistischen wie Parteieinflüssen u. s. w. dürfte dem Blatte schwerlich als besonderer Empfehlungsbrief beim Publikum dienen, das in seiner überwiegend großen Mehrheit von geflissentlicher Verhetzung und Verdächtigung seiner jüdischen Mitbürger nichts wissen will. Der Verleger der „Kasseler Zeitung", F. Zwenger, erklärt durch eine Annonce im heutigen „Kaff. Tageblatt", daß die „Kasseler Zeitung" unverändert weiter erscheint und die durch das Vorgehen der Firma Reider & Meinberg entstandenen gegenteiligen Gerüchte sämmtlich auf Unwahrheit beruhen. Minden, im März. (Privatmitth.) Seit dem Juli verbreiten die beiden sogenannten Privatgelehrten C. Grauen- Horst und I. I. Orandt Schriften unter der falschen Vorspiegelung, daß der hartherzige Hauswirth in den nächsten Tagen ihre- Sachen verkaufen lasse. Beide haben eine antisemitische Schrift: „Der Hofprediger Stöcker, seine Feinde und sein Prozeß" an die evangelischen Geistlichen und an die Unterzeichner der Stöcker-Adresse ausgesandt, Grauenhorst außerdem an die Aerzte eine Schrift: „Der herrschaftliche Kutscher, wie er sein soll" und an manche Andere, die er für wohlhabend hielt, ein Schriftchen „der herrschaftliche Diener wie er sein soll." Neuerdings sucht er die Juden mit einer Festschrift zu Mendelssohns Tode „Moses Mendelssohns Leben nebst Blüthenstrauß aus seinen Werken" anzuschmieren. Trotzdem der Schwindel schon Anfang September durch den Reichsfreund enthüllt und Anfang Januar bei der Staatsanwaltschaft Bestrafung beantragt ist, wird der Schwindel doch bis in die neueste Zeit ausgeübt; so siud noch am 27. Februar eine Menge Mendelssohn-Schriften nach Holz gegangen. Wir warnen unsere Abonnenten vor dem Reinfall, weil der Verfasser des Mitleids völlig unwürdig ist. Zur Empfangnahme der Adressen der Beschwindelten hat sich außer der Redaktion des Reichsfreundes auch Rechtsanwalt Burgheim zu Minden bereit erklärt. Aus Westfalen, im März. (Privatmitth.) In der vom 2—7 März stattgehabten Lehrerprüfung, haben alle von dem Marks-Haindorftschen Seminare entlassenen Seminar- Abiturienten das Staatsexamen g u t bestanden, während die übrigen Externen, darunter ein Seminarist des Kölner jüd. Seminars, das Zeugniß der Reife nicht erhielten. Die betreffenden Seminar-Abiturienten des Seminars zu Münster haben vorher auch das Examen als Religionslehrer und Cantoren vor dem Lehrer-Collegium unter Assistenz des Herrn Lehrers und Predigers Blumenfeld aus Essen, dem Miteurator der Anstalt, bestanden. 15*

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