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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-06 · Heft 15 (6.4.1886) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 15 (6.4.1886)
Date
1886-04-06
Page
Seite 234 (sequence 10)
Language
German
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234 Wahlen der Herren Stöcker und Meyer zu beanstanden und die Staatsregierung aufzufordern: Beweis erheben zu lassen über verschiedene in den Protesten enthaltene Behauptungen, (4 Wahlmänner sollen nicht preußische Staatsbürger sein; ein Wahlbeisitzer soll nicht vereidigt worden sein; Wahlbeisitzer sollen das Wahllokal häufig verlassen und Wähler beeinflußt haben). Abg. v. Liebermann (cons.) beantragt, darüber keinen Beweis zu erheben, ob Unregelmäßigkeiten bei der Wahl der Wahlmänner vorgefallen sind; besonders nicht darüber, ob bei der Wahlmännerwahl ein Wähler in einer falschen Abtheilung gestimmt und dadurch den Ansschlag der Wahl beeinflußt hat. Abg. Dirichlet empfiehlt den Antrag der Commission. Abg. v. Rauchhaupt und Abg. Wolf empfehlen dagegen den Antrag Liebermann, weil das Haus sich um die richtige Einschätzung der Wähler nicht zu kümmern habe und die Richtigkeit der Urwählerlisten nicht beurtheilen könne. Der Antrag der Commission wird angenommen. (Man wird sich erinnern, welchen Lärm die Conservativen erhoben, weil, wir glauben, in Danzig einige nicht naturalisirte Juden als wahlberechtigt mitgestimmt hatten, und die Wahl — freilich eines Freisinnigen — wurde kassirt.) Berlin, 27. März. Die Leser dieser Zeitg., die so oft Berichte über antisemitische Versammlungen hinnehmen müssen, werden es gewiß gern sehen, folgenden ausführlichen Bericht über eine freundliche, nach harter Arbeit wohlverdiente heitere Gemeinschaft zu lesen. In den Räumen der „Gesellschaft der Freunde" hielt die „Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur Unterstützung in Krankheitsfällen" gestern Abend ihre Jahresversammlung ab. Die Gesellschaft hatte im vergangenen Jahre 277 Mitglieder und 274 Ehrenmitglieder, seitdem find 72 Ehrenmitglieder hinzugekommen. Die Einnahmen und Ausgaben der Krankenkasse betrugen 7080 Mark, die der Wittwenkasse 4912 Mark, das Vermögen der einen 25,650 Mark, das der andern 54,300 Mark. Der Vorstand wurde wiedergewählt. An die Versammlung schloß sich ausnahmsweise, da die Gesellschaft in diesem Jahre auf vierzigjähriges Bestehen zurückblickt, ein Festessen. Es mochten 200 Gäste sein, die sich in dem schönen Saale des Hauses an den langen Tafeln reihten. Wer an den bunten Prunk der modischen Festräume gewöhnt ist, ans den macht die Schinkel'sche Einfachheit dieses Saales in Form und Farbe, das matte verstreute Licht der hoch angebrachten Lampen einen überraschenden, dabei aber altväterisch anheimelnden Eindruck. Und diesem ersten Eindruck entsprach der ganze Verlaus des Abends: es war eines jener Feste, wie das alte Berlin sie gewohnt war, man saß die ganze Zeit behaglich bei Tafel und der Strom der Tischreden stockte nur, um künstlerischen Vorträgen Raum zu gönnen. Die Schleusen öffnete der erste Vorsitzende Herr Hermann Landsberger mit dem Trinkspruch auf den Kaiser. Er fand dabei den Ton, der in einem bürgerlichen Vereine anklingt: er feierte in dem Kaiser das, was Liebe und Anhänglichkeit erweckt, die bürgerlichen und menschlichen Tugenden. Daran knüpfte der Reichstags abgeordnete Herr Ludwig Löwe an, der unmittelbar darails das Wort ergriff: bei der besten Regierung werde ein Voll untergehen, das bürgerliche und menschliche Tugenden t>erloren habe, und deshalb ermahne er den Verein, in seinein Kreise diese zu hegen und zu pflegen. Damit gingen die Reden auf den Verein selbst über. Der nächste Redner, Herr Louis Auerbach, gab einen Rückblick auf die Geschichte der Gesellschaft und berichtete, daß der Mann, der ihre Gründung angeregt habe, Herr Gürtler Halle, jetzt Feuerversicherungsagent, ihr noch immer angehöre. Dem Jubilar, der rüstig und munter neben dem Vorstande saß, wurde eine geschmackvoll ausgestattete Adresse überreicht. Auch der Armen wurde gedacht: eine Sammlung ergab 400 Mark, die durch zwei einzelne Beiträge auf 600 Mark „abgerundet" wurden Zugleich konnte der Vorsitzende die Mittheilung machen, daß ein Ungenannter ihm für den Verein 3000 Mark übergeben habe. Endlich erklärte Herr Feilchenfeld die Tischkarte Zwischen alle diese Reden schlangen sich, wie gesagt, musikalische Vorträge: Herr Rothmühl vom Opernhause trug einige Lieder, Herr Bleuer von der Philharmonischen Ge sellschaft und Herr Joseph Weiß trugen einige Stücke für Geige und Klavier vor und der Musikdirector Herr Lewari dowsky machte die Gesellschaft mit einigen seiner Compo sitionen bekannt, die sein Sohn mit angenehmer Barytoi? stimme sang. Schließlich als die Reihen an den Tischen sich lockerten und der blaue Dampf der Cigarre den Saal zu durchziehen begann, bestieg Herr Bend ix, auch diesmal wieder der „Urkomische", die Bühne und spielte einige seiner Soloscenen. Herr Bendix gehört gewiß zu den Komikern, die ihr Publikum am meisten verwöhnt; aber er wird nicht leicht sonst so viel Heiterkeit erweckt haben, als an biefem Abend. Die Zeit war sehr vorgerückt, als wir den Saal verließen, und noch immer wollte man Herrn Bendix nicht von dem Podium herunterlassen. Es war natürlich, daß dieser echte Berliner Künstler das Alt - Berliner Fest schloß. Berlin, 29. Marz. Einen Mann, der uns Juden zr. so unübersehbarem Schaden gereichte und so ausdauernd uns verfolgte, wie Stöcker, müssen wir bis zu seinem Ende begleiten und alle markanten Züge sammeln, die ihn der Nachwelt in seinem rechten Lichte zeigen. Es ist wahrlich von unserer Seite keine Verfolgungssucht, wohl aber, daß Mit- und Nachwelt ein gerechtes Urtheil über ihn und uns

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