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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-06 · Heft 15 (6.4.1886) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 15 (6.4.1886)
Date
1886-04-06
Page
Seite 232 (sequence 8)
Language
German
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282 Literarischer Wochenbericht. Groß Kanizsa, im März. Die jüdische Literatur hat sich in ihrem siegreichen Eroberungszuge durch die civilisirte Welt nun auch in Ungarn eine bescheidene Heimstätte erkämpft. Der jüdischen Literatur angehörende Erscheinungen die noch vor einem Jahrzehnte nur sporadisch auf dem ungarischen Büchermarkt auftauchten, und wie ein Curiosum angesehen wurden, mit dem man nichts anznfangen wußte, das man nirgends einreihen konnte, haben nun aufgehört zu den Seltenheiten zu gehören und werden in den literarischen Kreisen allenthalben freudig begrüßt. In einer unserer vornehmsten literarischen Gesellschaften wurden jüngst ungarische Uebersetzungen der bedeutendsten jüdischen Dichter des Mittelalters vorgelesen und beifällig ausgenommen. Der Uebersetzer ist ein Zögling der Rabbinerschule, der Vorleser war der berühmte resormirte Bischof Karl Szasz, eine Zierde der ungarischen Literatur. Die „ungarisch-jüdische Revue" (Magyar-zsido szembe) hat bereits ihren dritten Jahrgang angetreten und schreitet wacker und rüstig vorwärts. Die bedeutendsten Fachmänner Ungarns schaaren sich um diesen neuen Sammelpunkt, auch ausländische Gelehrte liefern ihre Beiträge, denen sich die Erstlingsarbeiten jüngerer Anfänger anschließen, die sich in jugendlichem Eifer beeilen, ihre Liebe zum Judenthum und ihre Begeisterung für dessen Lehre und Wissenschaft an den Tag zu legen. Noch hat die allmonatlich erscheinende Zeitschrift, die man füglich ihren ausländischen Colleginnen zur Seite setzen kann, nicht die gewünschte und wünschenswerthe Verbreitung gefunden, aber ihr Ansehen wächst von Tag zu Tag und auch die Anzahl ihrer Leser und Abonnenten ist in steter Zunahme begriffen. Den Jahresberichten der Landesrabbinerschule gehen in der Regel werthvolle Arbeiten der Lehrer dieser Anstalt voran, die der Wissenschaft durch die gleichzeitig erscheinende deutsche Uebersetzung zugänglich gemacht werden. Auch auf dem Gebiete der homiletischen Literatur ist infolge der zunehmenden Verbreitung der ungarischen Predigt ein erfreulicher Aufschwung bemerkbar; de» von Leopold Löw und Kohn herausgegebene Sammlungen sind nun in rascher Aufeinanderfolge neuere von Jmanuel Löw, Perls u. A. gefolgt. Auf pädagogischem Gebiete ist fast Neberproduction zu verzeichnen: es erscheinen Religionsbücher, brauchbare und unbrauchbare, eine ganze Menge, von berufenen und unberufenen Verfassern. Die Geschichte der Juden in Ungarn hat einen vorzüglichen Bearbeiter gefunden, eine vollständige Uebersetzung der Bibel für Synagoge, Schule und Haus wird geplant, sogar mit dem Talmud ist bereits ein bescheidener Versuch gemacht worden. Neben den erwähnten ungarischen Originalarbeiten sind in neuerer Zeit auch Uebersetzungen zu nennen: „die jüdischen Frauen" und „das Handbuch der Geschichte" von Kayserling sind in's Ungarische übersetzt und haben auch in dieser Gestalt die verdiente Verbreitung gefunden. Es regt sich also auch in Ungarn, auf allen Gebieten herrscht rührige Thätigkeit, fast sämmtliche Zweige der jüdischen Wissenschaft haben ihre Pfleger gefunden, die Schwierigkeiten des Anfanges sind überwunden und wenn auch noch mancher Fehlgriff geschieht, so kann uns dies nicht beirren, in begeisterter Schaffensfreude und frohen Muthes arbeiten wir weiter, um auch in unserem Vaterlande die Wissenschaft des Judenthums zu Ehren zu bringen, durch die Erforschung der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft zu wirken. Als verheißungsvolle Ansätze betrachten wir auch die von den Zöglingen der Rabbinerschule veröffentlichten Promvtionsschriften, die zumeist der jüdischen Literatur angehören und die Signatur der Gestalt tragen, als deren Zöglinge die Verfasser bekannt sind. Ob es wohl verstattet ist, bei einer wissenschaftlichen Arbeit oder überhaupt bei einem literarischen Produkte von einer Signatur zu sprechen und ob das Vorhandensein oder Fehlen dieser Signatur den Werth oder llnwerth der Arbeit bestimmt, mögen diejenigen entscheiden, denen eben die „Signatur" als einziger Maßstab gilt. Nach unserem Dafürhalten liegt der Maßstab der Beurtheilung in deni zu beurtheilende» Werke selbst und ist von dorther zu nehmen; als Signatur wünschen wir bloß den heiligen Ernst der Wissenschaft und bei Behandlung religiöser oder anderer in's Leben eingreifender Fragen den offenen, unumwundenen, ungeschminkten und unverblümten Ausdruck der innern lleberzeugung, bei dem es uns vor Allem darauf ankommt, daß er den Stempel der Wahrheit, das „Jnsiegel Gottes" an der Stirne trage, h Und doch können wir von den vorliegenden Arbeiten füglich behaupten, daß sie die Signatur der Anstalt tragen, aus der sie hervorgegangen. Sie behandeln literarhistorische Stoffe aus dem Mittelalter, dessen Studium eben in der Rabbinerschule mit so viel Liebe und Gründlichkeit betrieben wird. Man begnügt sich nicht mit der Erforschung und Sichtung des gedruckt vorliegenden, massenhaften Materials; im Staube der Bibliotheken schlummernde alte Handschriften werden aus ihrer Ruhe aufgescheucht und müssen Rede stehen, über Wichtiges und minder Wichtiges Aufschluß geben, die Behandlung eigentlich religiöser oder mit der Religion in Zuj sammenhang stehender Themata wird aber sorgfältigst gemieden, j — Jacob Steinherz disserirtüber Dunasch ben Labrat, Julius Fischer über Jehuda ben Saul ibn Tibbon, Emanuel Herzog über den Einfluß der Bibel auf ') Wir müssen gestehen, daß eine Lehranstalt, die von ihren! Schülern verlangen würde, nur den von ihr eingeschlagenen, bald , auch ausgetretenen Weg zu verfolgen, sich selbst ein Armuthszeugniß > ansstellen würde, denn sie will nicht, daß die von ihr ausgegangenen! Jünglinge Männer mit eigener, selbständiger Entwickelung werden ■ — fördert also Beschränktheit und Einseitigkeit! Redakt.

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