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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-06 · Heft 15 (6.4.1886) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 15 (6.4.1886)
Date
1886-04-06
Page
Seite 231 (sequence 7)
Language
German
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231 alsdann, dessen Säkular-Gedenktag vor wenigen Wochen begangen worden, reiht die gedankentiefe Betrachtung des Redners den entschlafenen Leopold Zunz an, der durch seine berühmten Arbeiten, wie die „gottesdienstlichen Vorträge", die „Namen der Juden" und viele andere der Erwecker des Judenthums geworden, wie Jener der Erwecker der Judenheit war. Denn Zunz' Arbeiten, wiewohl sie an dem Maßslab strengster Wissenschaftlichkeit gemessen werden müssen, seien doch vielfach unter dem Eindruck der Zeit entstanden, in deren Beleuchtung sie wie eine Abwehr gegen die Unbilden der Zeit erscheinen, welche gegen die Juden ersonnen wurden, und haben daher geschichtliche Bedeutung und sind im Dienste geistiger Freiheit und sittlicher Aufklärung geschrieben. Endlich sei Zunz auch ein reiner, edler Mensch gewesen, von mildem Charakter und liebevoller Gesinnung. Seitdem es um ihn her öde geworden und seit dem Tode der Gattin sei seine Lebens- und Schaffenskraft gewichen, und oft habe er sich „zu denen gezählt, welche der Tod vergessen." Es folgte dieser Rede ein kurzer Chorgesang, und Herr D,\ Joel, Rabbiner zu Breslau, ergriff das Wort, um „wenn auch nicht im Namen, so doch gewiß in Uebereinstimmung mit den Rabbinern Deutschlands, welche ini Sommer 1884 in Berlin getagt haben", Zunz als den großen Forscher im Reich jüdischen Wissens und den Begründer der Wissenschaft des Judenthums zu feiern und ihm für die reichen Schätze zu danken, die er ihnen hinterlassen. Mit dem scharfen Geist und dem tveiten Blick, welche den Redner auszeichnen, fand derselbe bald einen eigenen Stütz- und Mittelpunkt für seine Betrachtung, um den Heimgegangenen nicht nur nach seiner Gelehrsamkeit, sondern auch nach der Mannichfaltigkeit seiner Tugenden, nach seiner Gottesfurcht und Glaubensgröße zu zeigen. An jene sinnige Erzählung des Talmud (Chagigah 14 b) lehnte der Redner an, in welcher vier Denker sich mit metaphysischen Betrachtungen beschäftigen, und während drei derselben in der einen oder andern Weise dabei Schaden nehmen, nur der vierte, R. Akiba, unversehrt bleibe di^bo iti n^y: „er tritt mit Frieden in die Forschung ein und scheidet mit Frieden aus derselben." So hätte auch der Entschlafene im Gegensätze zu Anderen, die das nicht vermochten, sich in der Weite und Tiefe seines Denkens den innern Frieden, den Frieden der Seele bewahrt und wäre mit dem beseligenden Gottglauben, der ihn hineingeleitet in die Tiefen der Forschung, ja noch mehr gehoben und beglückt aus denselben zurückgekehrt. Der Chorgesang „Was von Staub, geht heim zum Staube" schloß sich dieser Rede an, während der Sarg durch die Synagoge zum Leichenwagen getragen wurde. Von einem mächtigen Gefolge geleitet, langte derselbe auf dem Friedhofe an, wo wiederum Gesang des Synagogenchors die Feier eröffnete und alsdann Herr Rabbiner vr. Ungerleider in der offenen, mit Trauerflor drapirten Halle das Wort nahm. Dem Redner, an dessen Betrachtung Geist und Herz in gleicher Weise bethei ligt waren, muß nachgerühmt werden, daß er, wiewohl seine beiden Vorgänger das ganze Stoffgebiet erschöpft zu haben schienen, dennoch vor den nänilichen Zuhörern neue, große Züge in das Lebensbild des Heimgegangenen einzufügen und in zündender, tiefergreifender Rede das Publikum zu fesseln im Stande war. Ihm lieh das bezeichnende Wort in der Megillahurkunde, die erst wenige Stunden vorher war verlesen worden, den Text: ip'i yw: nnnn mw -nv: rrT”.'^ „den Juden ward Licht und Freude, Wonne und Ehre." Denn Zunz, so führt der Redner aus, ragte als Lehrer und und Meister in Israel hervor, von ihm als Hohepriester im Allerheiligsten anerkannt, und sei durch seine großen Leistungen auf den verschiedenen Gebieten wissenschaftlichen und religiösen Denkens eine Leuchte in Israel geworden, in dessen ungezählte literarische Schätze er Licht und Ordnung gebracht, und die er ur- und nutzbar gemacht habe für die Erkenntniß des Judenthums in seinen eigenen Reihen und in nichtjüdischen Kreisen. Allein ihm war zugleich auch Adel der Gesinnung eigen, der sich vornehmlich in der treuen Pflege wahrer Bürgertugend zeigte, in edler Vaterlandsliebe, im Patriotismus, der ihn beseelte, und so sei der Entschlafene auch in dieser Hinsicht für Israel Rnhm und Ehre, Leuchte und Wonne geworden. Mit einem tief empfundenen Danke an den Entschlafenen für Das, was er den Israeliten gewesen, und mit deni Gebet für das Seelenheil desselben schloß Herr vr. Nngerleider seine die Zuhörer mächtig ergreifende Rede. Hierauf legte der Stadtverordnete Herr Sanitätsrath vr. Reumann im Namen des Cnratoriums der Zunz-Stistung einen Kranz auf den Sarg nieder nnd sprach tiefbewegt Worte des Dankes nnd der Erinnerung. Dasselbe geschah von Herrn]>r. Rosenstock, Direktor der Samsonschule in Wolfenbüttel, im Namen dieser Anstalt, in welche Zunz vor dreiundachtzig Jahren eintrat, — im Namen dieser „geistigen Mutter", welche den hilflosen Knaben zu seiner künftigen Größe erzog. Redner bezeichnet«: den Dahingeschiedenen als den Tanai in dem Israel unseres Jahrhunderts und nannte ihn im Hinblick auf R. Gamaliel (Rösch Haschanah II, 9.): 'm „Lehrer und Meister, auch Schüler" der Samsonschule. Der Freundschaft, welche ihn seit langen Jahren bis zu dessen Tode mit Dr. Zunz verband, und der beglückenden Zuneigung, durch welche ihn dieser jederzeit, ehrte, gab zuletzt Herr l)r. Kirschstein, Direktor der jüdischen Gemeindeschule in Berlin, in bewegten Worten Ausdruck und legte damit einen Kranz auf den Sarg nieder. Eole Männer trugen denselben an das Grab, das in der Ehrenreihe der Gräber aufgeworfen war. Dort ivurde 1>r. Leopold Zunz neben dem Grabe seiner ihm vor 12 Jahren voraufgegangenen Gattin die letzte Ruhestätte bereitet, zwischen den Gräbern der Rabbiner vr. Abraham Geiger und vr. Joseph Aub. Friede seiner Asche!

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