Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1886)
- Date
- 1886-04-06
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
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230 men; oder wenn alle Lehrer und Rabbiner so einträten, wie einige in hervorragender Weises, dann könnten wir große Pensionen geben, die vollauf hinreichten für die Sicherstellung unserer Pflegebefohlenen. Oder sollte wirklich die jüdische Wohlthätigkeit sich stets in allen Fällen bereitwillig finden lassen, nur nicht für die erste und gerechteste Forderung, für die dürftigen Beamten? Gestatten Sie mir, noch auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der bei Beurtheilung der Achawa noch nicht hervorgehoben wurde. Diejenigen, die immer wieder von einer Pensionskasse, Lebensversicherung u. dergl. sprechen, dürften doch nicht vergessen, daß eben die Achawa von vorn herein die Ausgabe hatte, nach verschiedenen Richtungen hin thätig zu werden. Erörtern wir dies an der Hand unseres Berichts. Wir haben für 1885 zusammen 8910, sagen wir rund 9000 Mark verausgabt. Wäre unser Verein bloß Pensionskasse, so hätten wir allerdings nur 20 Pensionäre; es käme also auf einen Pensionär 450 Mark. Das ist nicht viel-, bleibt aber doch nicht sehr weit hinter dem zurück, was der Staat durchschnittlich zahlt. Wo blieben dann aber unsere Wiltwen und Waisen? Wäre unsere Kasse bloß Wittwcnkasse — wir halten im Jahre 1885 einunddreißig Wittwen zu berücksichtigen — so würde eine solche beinahe 300 Mark erhalten haben. Wo blieben aber da die Pensionäre? Und die Doppelwaisen? Wenn die überwiegende Mehrheit der Lehrer in der Lage wären, in eine Lebensversicherung cinzutreteu, die große» Prämien auch nur zum dritte» Theile zu erschwingen, — was sie nicht können! — was nützte es ihnen in ihrem eigenen Leben, wenn sie viele Jahre dienstunfähig und hilflos wären? Und wenn ein vorübergehendes Mißgeschick Roth in die Familie bringt, was nützt da die Aussicht aus eine große Bersicherungssumme? Und ist eine alljährlich sich wiederholende Summe von einigen hundert Mark nicht besser für eine Wiltwe, — als eine einmalige größere Suiume, als selbst so viele Tausende, wenn die Frau nicht weiß, was sie eigentlich damit beginnen soll? Daß die Achawa überall und in allen Nothfällen, im Leben und im Tode helfend cintritt, das ist ihre Aufgabe und ihr Vorzug. Bis hierher hat die Gnade Gottes sichtbarlich über unser Werk gewaltet. Er wird uns auch ferner beistehen, daß wir das Ziel voll und ganz erreichen! Er wird die Herzen der jüdischen Männer und Frauen unserer Sache geneigt machen. LI. Bonn, 11. März. Wir fügen hier heute nur de» Hinweis auf den 6. Jahresbericht des..Vereins zur Unterstützung der Schüler der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zu Hannover" hinzu. Schon I) Laut Bericht. der Titel dieses Vereins bezeichnet hinreichend die Nützlichkeit, ja die Unentbehrlichkeit desselben. Noch mehr wird diese durch die Wirksamkeit bezeugt. Im verflossenen Bereinsjahrc hat er in seinem Internat 20 Zöglinge und in Pensionen' da jenes nicht ausreicht, 17 erhalten. Hierzu hat er 11,476 M' verausgabt. Im nächsten Fahre will er das Internat auf 30 Schüler erweitern; doch hat er bis jetzt die Mittel nicht, ein eigenes Gebäude zu diesem Zwecke zu erwerben und herzustellen. Der Verein zählt jetzt 245 Mitglieder in Hanj nover und 359 auswärts. Seine Fonds betragen 21,288 M.; Dies Alles giebt das rühmlichste Zeugniß für Vorstand und I Publikum! Das Degriibniß -es Dr. Zunz. lieber die Trauerfeier des Dr. Zunz in Berlin erhalten loir folgenden Originalbericht. Potsdam, 21. März 1886. Eine Trauerseicr, würdig des großen Tvdten, dem sie galt, wie der großen Gemeinde, die sie veranstaltete, vollzog sich heute um die Mittagsstunde in Berlin in der neuen Synagoge und auf dem alten Friedhofe in der Schönhauser Allee. Dr. Leopold Zunz hörte am 18. d. Mts. im zweiundneunzigsten Jahre seines Erdenganges aus zu leben und wurde heute am 21. (Purim) zu Grabe getragen. In dem schönen, stolz lausragenden Gotteshause stand am Fuße der Kanzel der schlichte Sarg ausgebahrt, der die sterbliche Hülle des Entschlafenen barg und inmitten reichen Lichtglanzes, von herrlichen Kränzen bedeckt, ergreifend auf die zur Feier Versammelten wirkte und an de» Gegensatz mahnte, der alles Leben durchzieht. Unter den Klängen der Orgel rauschte, vom Sängerchor der Synagoge trefflich ausgeführt, der stimmungsvolle Gesang: „Der Mensch, wie Gras sind seine Tage, wie des Feldes Blume blüht er" (Psalm 103, 15—17) durch die weite» Räume, gegen dessen Ende Herr Rabbiner Dr. Maybaum die Kanzel bestieg. An der Hand des Prophetenworts (Jesaias 42,1): „Hier mein Knecht, den ich stütze, — mein Erkorner, au dem meine Seele Gefallen hat; meinen Geist lege ich auf ihn, das Recht der Völker verkündet er", zeichnet der Redner tief ergriffen, in edler Sprache und Form, das in großem Stil aufgefaßte Lebensbild des Dahingeschiedenen. Er forscht ihm nach an allen Stätten seiner Thätigkeit und zeigt ihn zunächst in dem wunderbaren, segensreichen Schaffen, in den Tiefen gelehrter Forschung, das ihn bahnj brechend und befreiend erscheinen läßt in der Wissenschaft des! Judenthums, Jahrtausende hindurch verschüttete Schätze der > jüdischen Literatur zum ersten Male bloßlegend, ordnend i und erklärend aus dem Hort seines reichen Wissens und mit i ber ihm eigenen genialen Kraft. An Moses Mendelssohn