Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1886)
- Date
- 1886-04-06
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
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229 sind indifferent, die willfährigen Männer und Frauen in ihren Gemeinden zum Beitritt als Ehrenmitglieder aufzufordern und mindern dadurch die Erträgnisse eines Vereins, der doch einstens ihnen selbst und den Ihrigen Hilfe und Trost bringen soll. Sie möchten gerne große Pensionen u. dergl., raisonniren und kritisiren, — aber selbst Etwas thuu, wollen sie nicht. Das sollen immer die Anderen thuu. Wann wird das sich ändern? Wann werden unsere Lehrer so viel Corpsgeist haben, daß sie eine Anregung in dieser Hinsicht — und nur eine solche ist nöthig — für ihre Pflicht halten? Wir wollen zugeben, daß es einzelne Gemeinden giebt, in welchen gar Nichts zu thun möglich ist. Aber deren Zahl ist verschwindend klein. In der weitab größten Zahl der israel. Gemeinden giebt es mindestens einige wohlthätige und wohlhabende Mitglieder oder irgend einen Verein, eine Stiftung, die gerne bereit wären und mit Freuden sich diesem größten und wichtigsten gemeinsamen Vereine der deutschen Judenheit anschließen würden, der die Zukunft ihrer Gemeindebeamten zu sichern berufen ist, — wenn sie nur von demselben wüßten! Und, offen gestanden, ist dies nicht sogar die heiligste Pflicht der Gemeinden und ihrer Mitglieder? Sind wir ihnen im Ganzen auch nur etwa Dank dafür schuldig, wen» sie für die Zukunft der Männer und deren Hinterbliebenen eintreten, die ihr Leben für winzigen Lohn in ihrem Dienste zubringen? Ueberall bei den Beamten des Staates und der Civilgemeinden treten diese ein für deren Pension und Wittwengehalt. Wir ivürde» als freisinnige, als liberale Männer gewiß allesammt über Ungerechtigkeit klagen, — und es ist geschehen, als die Pensionsgesetze noch inangelhast waren, — wenn der Staat seine Beamten und Bildner des Volkes im Alter darbe» ließe; wenn er die Wittwen und Waisen derselben nicht gegen Hunger und Noth schützte und unterstützte. Und unsere eigenen Beamten lassen wir im Stich? Schicken sie sogar ins Elend, wenn das Alter, wenn die Dienstunfähigkeit naht? Nein, das würden sich israel. Männer nicht sagen lassen, das würden die milden Herzen der Frauen in Juda nicht dulden, wenn sie es vermeiden könnten; wenn sie wüßten, wie zu helfen. Und wenn nun der berufstreue und geachtete Lehrer bei den Eltern seiner Schüler, vielleicht bei den erwachsenen, älter gewordenen Schülern selbst anklopft und sagt: „Hier ist eine Anstalt, die meine und meiner Angehörigen, ja die Zukunft des israel. Lehrerstandes zu sichern berufen ist; mehr als hunderttausend Mark hat sie bereits an hilfsbedürftige Lehrer, an Wittwen und Waisen derselben vertheilt; sie hat ein Kapital, das ihre Zukunft sichert. Aber noch sind die Pensionen klein Biele edle israel. Männer und Frauen stehen in dem Berichte, — den ich Ihnen hiermit vorlege, — welche dem Vereine alljährlich einen kleinen Beitrag zahlen. Wollt Ihr nicht in diese Ehrenliste der Edlen und Wohlthätigen in Israel eingezeichnet sein? Gebt einen Beitrag, damit durch gemeinsame Wirksamkeit die jährlichen Einnahmen so hoch werde», daß sie hinreichen zu Pensionen, die gegen die Noth vollkommen schützen." Gewiß, nur sehr wenig Herzen und Hände wür den sich diesem Rufe verschließen. Was hindert noch mehr die kräftigste Entfaltung der Achawa? Auch das haben wir schon bei der Äründuug gesagt und können es nicht genug wiederholen: der leidige Paricularismus in der verschiedensten Gestalt. Wir Jude», das einige Volk, das Volk des Glaubens an den einigen und einzigen Gott, sind doch wieder die schlimmsten Particularisten, und die schärfsten Trennungsgelüste kommen gerade unter uns vor. Da sind erstens die wenigen vom Staate a»gestellten Lehrer, deren Zukunft nach dieser Richtung leidlich gesichert erscheint, welche sagen: „Für uns ist ja gesorgt; was gehen uns die Anderen an?" Für diese Leute haben wir keinen parlamentarischen Ausdruck! — Es sind dann die Lehrer und Cantoren in den Großgemeinden, die cs mit ihrer „socialen Stellung" nicht vereinbarlich halten, Gemeinschaft mit den Lehrern „vom Lande" zu bekennen — auch wenn sie selbst Mitglieder der Achawa sind. — Es sind auch viele unter den Rabbinen, welche wenig Sinn haben für das Allgemeine und zu bequem sind zum energische« Eintreten. — Es sind vor Allen aber diejenigen, welche gerne für jeden Bezirk, für jede Provinz oder Ländchen ein Separatvereinchen haben möchten. Da haben sich, vor 2 bis 3 Jahren etwa, verschiedene Conferenzen in verschiedenen Gegenden Deutschlands gebildet, welche, wollten sie ihre theoretische Ausgabe erfüllen, natürlich sich abgrenzen müßte». Aber wo ein halbes Dutzend Lehrer in einer Conferenz zusainmeutraf, bildeten sie alsbald auch einen separaten Unterstützungs- und Pensionsverein und fingen an zu sammeln. Wo sind sie den» geblieben, diese mit Pauken und Trompeten angekündigten Unterstützungsvereine? Was haben sie zu Stande gebracht? Wir haben es von Anfang gesagt und die Erfahrung hat es heute schon bestätigt: die Fluctuation des jüdischen Lehrerstandes widerstrebt einem Provinzialverein und die kleine Zahl der Mitglieder läßt eine Durchschnittsberechnung nicht zu. Einige außergewöhnliche Todesfälle — und das ganze Gebäude liegt zusammen. Das hat die Rabbinerwittwenkasse vor 20 Jahren gezeigt und noch viele andere Bereine, die wir nicht nennen wollen. Und „die es nicht sind, die werden's noch", sagte man in der Krachperiode. Wenn wir einmal unsere 5000 Ehrenmitglieder hätten, — die könnten wir haben und müßten sie haben, wenn oie Betheiligten allerwege ihre Schuldigkeit thäten, und die Sonderbündelei aufhörte, — oder wenn alle Gemeinden und jüdischen Vereine Beiträge zur Achava auf ihren Etat nah-