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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-04-06 · Heft 15 (6.4.1886) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 15 (6.4.1886)
Date
1886-04-06
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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226 sondern auch gesunden erachtet. Wo aber finden wir diese Wahrheit vom einzigen, ewigen, allmächtigen, allgerechten und allbarmherzigen Gotte, dem Schöpfer des Weltalls und der Vorsehung, von der menschlichen Vernunft „gefunden"? Nicht bei den Völkern des Alterthums, nicht bei den Philosophen am Nil, am Indus, in Hellas, sondern wo noch heute diese Lehre vorhanden ist, da ist sie durch die aus dem Judenthume entsprungenen Religionen — freilich modifizirl — hingetragen, und Alle, die sie bekennen, sind in diesen monotheistischen Ideen erzogen worden. Andrerseits hat die menschliche Vernunft auch das Gegentheil dieser Lehre gefunden und ihre Beweise geführt. Auf die Vernunft haben sich so gut als unser Mendelssohn in ihren entgegengesetzten Lehren selbst die Atheisten und Materialisten berufen. Gerade die menschliche Vernunft geräth in ihren Prozessen auf den Zweifel und kon>mt vqn diesem auf logischem Wege zum Unglauben. Was also Mendelssohn so kategorisch hinstellt, daß diese monotheistische Lehre für alle Menschen, alle Zeit durch Natur und Sache leserlich, verständlich und bewiesen werde, ist durch die Geschichte und dann auch philosophisch durch Kant als durchaus irrig bewiesen. Der zweite Jrrthnm Mendelssohn's besteht eben darin, daß er „keine Lehrmeinungen, keine Heilswahrheiten im Judenthume als geoffenbart" anerkennt, sondern nur gewissermaßen beiläufig zur Unterstützung des Gesetzes und mit ihm vermischt mitgetheilt ansieht. Er läugnet nicht, daß solche Lehrmeinungen in der Thorah enthalten sind, ja er findet in ihr „einen unergründlichen Schatz von Erkenntnissen," die, je mehr man sich in sie versenkt, desto mehr Erstaunen und Erleuchtung Hervorrufen. Aber sie erscheinen ihm nicht als Zweck und Bestimmung — und darin irrt er gewaltig. Umgekehrt: Die Anerkennung und Anbetung des einzigen, unendlichen Gottes wird von Moses, von den Propheten und von den heiligen Sängern als Hauptwerk der geosfenbarten Religion, so wie Israels als Verkünders und Trägers derselben unzählige Male angegeben, und das ganze Propheten thum gipfelt in dem Ausspruch, daß, durch Israel belehrt, namentlich durch dessen Geschicke, dereinst sich alle Völker der Erde zu ihr bekennen und vereinigen werden, so daß zu dieser Zeit „der Ewige, wie er einzig ist, auch auf der ganzen Erde als einzig anerkannt und angebetet werde." Erst aus dieser Gotteslehre fließt das Gesetz der Sittlichkeit und des Cultus. Der Mensch wird als „Ebenbild Gottes, in der Aehnlichkeit Gottes" verkündet, und „wie Gott heilig ist, sollt Ihr Euch heiligen." Dies ist der ganze Angelpunkt, der einzige Ausgangspunkt, aus welchem die Bestimmung und Sittlichkeit des Menschen hervorgeht. Nicht das Gesetz, zu dessen Unterstützung die Lehre gegeben sein soll, sondern die Lehre ist das erste Moment, aus welchem in konsequenter Weise das ersieht. 1 Dies haben auch alle Lehrer des Judenthums begriffen, j und Mendelssohn steht hier im Widerspruche mit ihnen. „Der Ewige ist Gott!" Hierum kämpft schon Elia; hierum ringen die Propheten, denen das Gesetz in zweiter Linie steht, weil dieses in sittlicher wie cultueller Beziehung erst aus jenem fließet; auch den Weisen des Talmuds war die „Abgötterei" das entscheidende Moment, dem selbst das Leben geopfert werden müsse, während das Gesetz vor der Todesgefahr zurücktrat; mit dem «Höre Israel" auf den Lippen hauchten die jüdischen Märtyrer ihr Leben aus. — Gehen wir weiter. Mendelssohn sagt ferner: „Alle jene vortrefflichen Lehrsätze werden dem Erkenntnisse dargestellt, der Betrachtung vorgelegt, ohne dem Glauben aufgedrungen zu werden. Unter allen Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes lautet kein einziges: du sollst glauben oder nicht glauben, sondern Alle heißen: du sollst thun oder nicht thun!" Dieser Beschränkung können wir nicht zustimmen, sie ist thatsächlich falsch. Häufig genug .heißt es: „Du sollst erkennen, daß ich der Ewige bin. Keiner außer mir." Erkennen ist kein „Thun." „Du sollst lieben j den Ewigen deinen Gott", lieben ist ein Gefühl, keine That, ein Gefühl, das allerdings durch die Vernunft gestützt und! gestärkt wird und sich auch in Thaten äußern wird, aber an ^sich ist es Gefühl; und auch die Vorschrift: „du sollst! deinen Nächsten lieben wie dich selbst" geht über die That hinaus, ist Gefühl, das sich in Thaten äußert, die jedoch ihren Werth erst durch das Gefühl erlangen, aus welchem sie fließen. — „Dem Glauben wird nicht befohlen; denn er nimmt keine anderen Befehle an, als die den Weg der lieber zeugung zu ihm kommen." Deshalb habe das hebräische | Wort, das man durch „Glauben" übersetzt, eigentlich die Bedeutung von Vertrauen, Zuversicht. Deshalb heiße es überall: „erkenne, daß der Ewige allein Gott ist." Deshalb habe das alte Judenthum keine Glaubensartikel, und selbst die Dreizehn des Maimonides haben nur eine gelegentliche Bedeutung. Alles dieses ist ganz richtig, giebt aber bei näherer Prüfung doch ein ganz anderes Resultat. Wenn, wie Mendelssohn sagt, „dem Glauben nicht befohlen wird, wenn er nur auf dem Wege der Ueberzeugung erlangt wird, ist es mit dem „Erkennen" anders? kann das Erkennen, kann das Resultat des Denkens vorausbestimmt werden? Wäre deshalb der Glaube ausgeschlossen, weil er nicht befohlen werden kann, so wäre dies bei dem Erkennen noch mehr der Fall. Der Glaube kommt nicht immer „auf dem Wege der Ueberzeugung; er ist vielmehr oft das Resultat der Erziehung, anderen Falls der Gedankenlosigkeit, endlich der Neigung des Gemüthes zur Mystik. Das Erkennen ist aber nur „auf dem Wege der Ueberzeugung" möglich; es erfolgt aus der Prüfung der Voraussetzungen und aus den Folgerungen, die aus jenen gezogen werden auf logischem Wege. Das h. Wort sagt

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