Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1886)
- Date
- 1886-04-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unpirteiischks Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Pretvierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste > Nr. 115) und Oesterreich bei allen i Postämtern, außerdem durch den Buch-! Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeöilion: Leipzig, Woßp^ah 18. In redactioriellen Angelegenheiten wende man sich an vr. PhiUppson in Bonn direct, in allen übrigen an die!! Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr j; 12 M.) sind gleichfalls an letztere I j einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, dm 6. April 1886. Nr. 15. Jabalt. Leitende Artikel: Die Stellung Moses Mendelssohn's im und zum Judenthume. — Wohlthätige Werke. V. — Das Begräbniß des Or. Zunz. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Kassel, Minden, Aus Westfalen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Brody. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Wir plaudern aus der Schule, in Scherz und Ernst. Bonn, 30. März. Die Stellung Moses Mendelssohn's im und zum Ändenthume. V. Wir müssen uns bei dem Folgenden vergegenwärtigen, daß Mendelssohn bei seiner Erörterung über das Judenthum davon ausging, zu beweisen, daß in demselben kein Kirchenrecht, keine Kirchenstrafe vorhanden gewesen, und daß die in der Thorah und dem Talmud verhängten Strafen sich nicht auf Lehrmeinungen, sondern nur auf die Verletzung von Gesetzen als Verletzung staatlicher Verordnungen, beziehend Lassen wir dies auf sich beruhen, so laufen doch die weiteren Behauptungen Mendelssohn's darauf hinaus, diesen Satz zu erhärten und haben hierdurch ihren Verlauf und Charakter erhalten. Er sagt zunächst: „Ich erkenne keine anderen ewigen Wahrheiten als die der menschlichen Vernunft, nicht! nur begreiflich, sondern durch menschliche Kräfte dargethan und bewährt werden können." „Dargethan und bewährt" soll, wie die Folge zeigt, gefunden und bewiesen bedeuten. Er sährt fort: „Die Israeliten haben göttliche Gesetzgebung, Gesetze, Gebote, Befehle, Lebensregeln, Unterricht vom Willen Gottes, wie sie sich zu verhalten haben, um zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit zu gelangen; dergleichen Sätze und, Vorschriften sind ihnen durch Mosen auf eine wunderbares und übernatürliche Weise geofsenbart worden; aber feine | Lehrmeinungen, keine Heilswahrheiten, keine allgemeinen Ver- > snunftsätze. Diese offenbaret der Ewige uns, wie allen übrigen Menschen, allezeit durch Natur und Sache, nie durch Wort und Schriftzeichen." Wir meinen, daß hier Mendelssohn in einem zweifachen Grundirrthum befangen war. Doch zuvor, was versteht er eigentlich unter seinen „ewigen Wahrheiten"? „Die Stimme, die sich an jenem großen Tage ans Sinai hören ließ, rief nicht: „Ich bin der Elvige dein Gott! das nothwendige, selbständige Wesen, das allmächtig ist und allwissend, das den Menschen in einem zukünftigen Lebe» vergilt nach ihrem Thnn —", sondern „die göttliche Stimme" rief: „Ich bin der Ewige dein Gott, der dich aus dem Lande Mizraim geführt, ans der Sklaverei befreit hat." Mendelssohn tritt hier mit sich selbst in vollen Widerspruch. Abgesehen davon, daß in dem Worte „Ich bin der Ewige" die ganze geoffenbarte Gotteslehre enthalten ist, ferner daß Mendelssohn selbst die Offenbarung nicht aus die Zehn-Worte beschränkt, sondern „jedes Wort der Thorah, ihre Erklärung und Auslegung als von Gott eingegeben" betrachtet, wird nicht 2. Mos. 3, 14 der Ewige als das unveränderliche, absolute Sein geofsenbart? erkennt nicht Mendelssohn später selbst die Lehre von der Allbarmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes (2 Mos. 34, 6) als eine göttliche Offenbarung an und stellt sie ausführlich als solche dar (S. 344)? Widerspricht er nicht der Schrift selbst, die aucb diese Lehrsätze als „Offenbarung Gottes" bezeichnet, wie: „Gott sprach" u. s. w.? Der erste Jrrthum Mendelssohn's liegt darin, daß er seine „ewige Wahrheit", während er sie selbst erst aus der h. Schrift erhalten und mit seinem Verstände begriffen hat, nicht nur durch die Vernunft begreiflich.