Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1886)
- Date
- 1886-03-30
- Page
- Seite 222 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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222 nach einander Frau Maxsohn, Herr Falkenberg und Fräulein Goldheimer, und bestellten auf heute jeder eine — Milz —, weil jeder Sie morgen in der Kost habe. — So hat man seine Last, und ich kann doch keine Milz aus meinen Rippen schneiden. „Wirklich? das können Sie, brauchen Sie auch nicht." „Aber was machen?" „Sagen Sie nur den lieben Leutchen, wenn sie um die Milz kommen, sagen Sie — ich sei in dieser Woche bei keinem derselben in Kost — sagen Sie, wen die Milz sticht, der möchte sich einen andern als Recept gegen den Milzbrand verschreiben, ich sei kein Freund von Lachorganen." J) — Bei dem allgemeinen Nothschrei um größere Leistungen in den Schulen betreffs der Religions- und hebräischen Fächer der ja seit mehreren Jahren die Conferenzen ernstlich beschäftigt, um Wandel zu schaffen, werden manche der jetzigen Lehrer die Leistungen des Grammatikers als Scherz, als Uebertreibung, oder gar schönes Märchen betrachtet. Die ergrauenden Häupter der alten Garde Haindorfs werden aber ernst — zustimmend zunicken. „Wir kennen dich! es ist so, — aber sonst und jetzt. Wir stimmen sogar in den „Talmud leschon ibri" als dankenswerthe Zuthat und Liebhaberei für die eine Schule bejahend ein. Im Durchschnitte lernten die Kinder gründlich übersetzen den Pentateuch, dies Gebetbuch mit Ausnahme solcher Passagen, die aus pädagogischen oder sprachlichen Gründen liegen blieben, Psalmen, und andere biblische Bücher, biblische Geschichte und systematische Religionslehre gründlich und die Schulaufseher waren nicht selten hocherfreut über Kenntnisse und Befähigung in den anderen Schuldisciplinen. Woher nun aber der Rückgang in den besagten Fächern seit einer ziemlichen Reihe von Jahren? Der Hauptgrund ist schon früher angedeutet worden. — Mit diesem eng verbunden ist: Die Abnahme des allgemeinen Interesses für die jüdischen Fächer. Die Einbuße eines großen Theiles der Subjeetivität des Lehrers durch die jetzige Einrichtung. Die Abnahme in der Schätzung formaler Bildung uub Verlegung des Schwerpunktes auf die reale. (Gerade die hebräischen Fächer leisten der formalen Bildung vorzüglich Vorschub. Die Schule war mehr wie aus Einem Gusse. Diese und noch viele Gründe weiter zu erläutern, ist hier wohl nicht des Ortes, nur sei noch bemerkt, daß die Verwandlung der Elementarschulen in bloße Religionsschulen,! wie es an einzelnen Orten durch äußere Rücksichten und Ver-; J) Der Lehrer läßt bei besserem Wissen die irrige Annahme, als mache die Milz lachen — passiren. hältuiffe, wie es scheint bedingt nur ausgeführt wurde — den Leistungen in den in Rede stehenden Fächern nicht förderlich ist, nicht förderlich sein kann, was sich aus vielen schwerwiegenden Gründen Nachweisen läßt. Im Interesse unserer Schulen ist der Mahnruf zu beherzigen: „Erhaltet Eure Elementarschulen, und Eure Ainder so lange in denselben als möglich — ein Zahr länger in einer guten Elementarschule ist ein köstlicher Zeitgewinn in der gesteigerten Ausnutzung ihres späteren Unterrichtes in den höheren Schulen, — erhebet die Elementarschule zu einer öffentlichen; das ist bei gutein willen nicht schwer zu erreichen, wo die durch das Gesetz erforderliche Rinderzahl vorhanden ist." (Haben wir doch ein Beispiel, wo der Schulinspector den dahin gehenden Vorschlag dem Lehrer machte und sich verwenden wollte — aber Gemeinderepräsentanten zu der Mitwirkung nicht zu bestimmen waren.) Die Fabel eines unserer Weisen ist eigens für Israel gedichtet, die Fabel von der Axt und dem Stiele, -- ad), leider noch nicht beherzigt, noch nicht begriffen; so alt und zutreffend sie auch ist. — Sie legen den Brand ans eigene Haus, Es züngeln die Flammen, wer löschet sie aus? — Doch zurück zu unserem Grammatiker, es fehlt noch eine wesentliche Radirung und Tusche. — Wir haben ihn zwar verabschiedet, und sehen uns aus der Ferne noch einmal nach ihm um. — Wirklich hat ihm der Wandeltisch den Wanderstab in die Hand gedrückt, so ungern er von seinen Schüleru schied, die mit so vieler Liebe an ihm hingen. Er mußte das Feld verlassen, das er uncultivirt vorgefunden, und nun vor dem Segen seines Fleißes stand. Einige Zeit nach unserem Besuche erklang in der Repräsentanz der Gemeinde das Lied: Wißt Ihr auch, Ihr guten Leut' Was mir jetzo kommt zu Sinn; Wißt Ihr, daß es bald die Zeit, Daß man wieder contrahirt Mit dem Lehrer, wie's gebührt? Hierauf sang Maxsohn die Gegenstrophe; Die Kiuder mein können die Thora schon, Ich kann nun den Lehrer entbehren, Und werd' ich an Euch mich nicht kehren, Dann spare ich Kost und Lehrers Lohn.! Einen Augenblick sah er sich im Kreise stumur ringsum,; und da Niemand auf die kunstgerechte Nachahmung der alten! Griechen reagirte, so interpretirte er pathetisch: „Im Herbste kommt mein ältester Junge aus der Schule, es bleibt noch meine Schönche drin, derohalben gebe ich