Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1886)
- Date
- 1886-03-30
- Page
- Seite 221 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Pest, 28. Februar. (Literarische Notizen.) Der gegenwärtige Reichstags-Abgeordnete, Herr Dr. I. S. Bloch, hat in den letzten Jahren mehrere Borträge, wie über„Lessings Nathan", „Jean Bodin" „Den Arbeiterstand bei den Palästinensern, Griechen und Römern", von der Elementarschule und dem Erziehungswesen der alten Völker", theils in Prag, theils in Florisdorf bei Wien, seinem früheren Rabbinatssitze, gehalten und veröffentlicht. Diese einzelnen Vorträge, sowie eine 1884 erschienene social-historische Studie „ Zur Reform des Heimats- und Armenrechtes" und mehrere kleine Aufsätze aus der von ihm redigirten „Oester. Wochenschrift" hat Herr Dr. Bloch gesammelt und theils erweitert, theils unverändert unter dem Titel: „Aus der Vergangenheit für die Gegenwart. Social- und literarhistorische Vorträge und Essays" nochmals erscheinen lasse». Da über die einzeln erschienenen Vorträge in diesen Blättern (1880, S. 277; 1881 S. 475; 1882, S. 670 rc.) bereits referirt wurde, so beschränken wir uns auf die bloße Anzeige und machen auf den Artikel: „Geistliche Talmudisten", der in Ton und Schneidigkeit sich den Broschüren Bloch's gegen Rohling anschließt, besonders aufmerksam. — Die Fehde, welche zwischen dem Reichstagsabgeordneten Di-. Bloch und M. L. Rodkinssohn, dem Redakteur des „Hakol" und Verfasser mehrerer Schriften, jetzt geführt wird, hat durchaus kein wissenschaftliches Interesse, ist vielmehr rein persönlicher Natur; wir nehmen daher auch von den in diesem unerquicklichen Streite erschienen Broschüren Rodkinssohn's und „Wahrheit gegen Lüge" hier keine Notiz. — Kg. Iseuillelorr. Wir plaudern aus der Schule, in Scher; und Ernst. I Bon Mauert. (Nachdruck verboten.) III. In dem Wohnzimmer unseres Grammatikers erregte seine verhältnißmäßig reiche und gut gewählte Bibliothek unsere Aufmerksamkeit. Hebräische Werke, und unter diesen grammatische der Alten und Neueren, machten sich bemerkbar. Jndeß war Herr A. bei den Hebräern nicht stehen geblieben, er hatte sich mit gutem Erfolge auch auf das Französische und Englische geworfen, denn mehrere „Honorationen" ließen ihre Kinder bei ihm in diesen Sprachen unterrichten. Der hieraus erzielte Ertrag wurde verzinslich angelegt zur geistigen Saat, und Kapital nebst Zinsen ins Bücherbrett gestellt. — Woher hätten auch sonst die Bücher vom Sortimenter oder Antiquar kommen solle» bei achtzig Thalern per Jahr, da der Zufluß an Rosch chodesch-Schnoder- und Machazis-Haschekel-Geld etwa den Tabak deckte. An eine kostspielige Ferienreise konnte unser Mann nicht Lenken. Es war gut, daß die danialigen Gesellschaftsverhältnisse weder Bierreise noch Skat zum guten Tone eingeführt hatten, wozu übrigens die Bücher auch keine Zeit erlaubt hätten. Ein benachbarter seminarbrüderlicher College des Herrn Amberg hatte den Wandeltisch, nach dem technischen Ausdrucke, „der Lehrer ißt sich rund", diesem Vorzüge damaliger, vielfach gebräuchlicher Einrichtung, eine hochklassische Reimchronik unter dem Titel „Wandeltisch-Scenen" besungen; nämlich des Autors und seines Freundes Erfahrungen in ein Heftchen niedergelegt. Dieses neue, dem Freunde zur Ansicht übergebene Opus fiel uns in die Hände. So interessant diese „Wandeltisch - Sceneu" in ihren s Reimen „Lehrer-Leid und Freud" verweben, — ihre ©nt*! hüllung käme einem Verrathe, oder doch mindestens einer Jndiscretion gleich; — da aber unsere jetzige Lehrerwelt keine Ahnung von den Vorzügen und Annehmlichkeiten des Wandeltisches hat, dürfen wir die Gelegenheiten zu einigen Winken nicht unbeachtet entschlüpfen lassen: Konnte nicht der Wandeltisch bei täglichem Wechsel dem Lehrer jeden Tag seine Lieblingsspeise bringen, da die Gemeinde seinen Geschmack wohlgesinnt studirte? Konnte er, der Wandeltisch — nicht die pädagogische Forderung: Wechselbeziehung zwischen Schule und Haus" glänzend praktisch realisircn? Wurde nicht, und wenn schon zufriedener Mienen halber, der Lehrer zur Unparteilichkeit beim Ankauf seiner Bedürfnisse für Kiste und Schrank angeregt? Ist unser Grammatiker nicht ohne seinen Willen und sein Wissen zum Versorger seiner Lieblingsspeise geworden, was seinem befreundeten College« die Idee zu einem Heldengedichte, als Rahmen zu seinen Wandeltisch-Scenen, gab? Wir begnügen uns, die historische Veranlassung zu dem Epos: „Die Milzjade" in Folgendem kurz zu überliefern. Eines Morgens kam auf seinem Schulgange der Lehrer am Hause des christlichen Koscher-Metzgers vorbei. Nach Gruß und Gegengruß fragte der Mann in weißer Schürze neugierig: „Verzeihen Sie, Herr Lehrer" haben Sie denn jetzt an einem und demselben Tage drei Kosthäuser? „Wie kommen Sie zu dieser curiosen Frage, mein Herr? Sie sehen mich so an, bin ich denn-" „Nun, nichts für ungut! — da kamen gestern Abend