Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1886)
- Date
- 1886-03-30
- Page
- Seite 220 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227624--43420-3263779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
220 gionsunterrichts an jüdische Schüler sehr wünschenswerth anerkannt, schon deshalb, weil diese während des christlichen Religionsunterrichts sich ohne Beschäftigung umhertreiben. Mehrere jüdische Gemeinden erwirkten die Erlaubniß, aus eigenen Mitteln an den mittleren und höheren Lehranstalten jüdische Religionslehrer anzustellen. In sämmtlichen Gymnasien des Wilnaschen Lehrbezirks wurde der jüdische Religionsunterricht obligatorisch eingeführt, und die Religionslehrer werden aus den Renten der von dem hochherzigen Geheimrath S. Poljako w zur Verfügung gestellten 30,000 Rbl. angestellt, und in einigen Gymnasien der Ostseeprovinzen wird der Religionsunterricht von den Rabbinern oder von Privatpersonen unentgeltlich ertheilt. Auch in Libau erhalten von nun an zum ersten Male die jüdischen Gymnasiasten Religionsunterricht, welchen Herr Rab. vr. P. Klein gratis ertheilt, und am Nachmittag jedes Sabbaths oder Feiertages hält er einen Schülergottesdienst, und am Abend Vortrag über Religion und jüdische Geschichte. — Auf dem diesjährigen Actus der Universität zu Petersburg haben sich Juden abermals recht vortheilhaft ausgezeichnet. Von den vertheilten wenigen Prämien haben, dem „Hajom" vom 20. Febr. zufolge, jüdische Studenten in der juristischen Facultät 4 erhalten, während von den 2282 Studenten der betreffenden Universität blos 268 Inden sind. Sie zählt gegenwärtig 6 christliche weniger und 22 jüdische Studirende mehr als voriges Jahr. Erhalten haben für die Ausarbeitung der von dieser Facultät preisgekrönten Schriften der Jurisprudenz in Anerkennung des außerordentlichen Wissens und Fleißes: Schlosberg die große goldene und Gordon, Abramowski nnd Wolff je eine silberne Medaille. — In den Schulen daselbst finden sich unter 9976 Schülern > nur 368 jüdische. — In den Gymnasien in Grodno kommen j auf 100 Schüler 18,75 jüdische. — Einen schweren Verlust hat die Gemeinde in Pultawa durch den am 24. Febr. erj folgten plötzlichen Tod ihres verehrten Regierungsrabbiners! Herrn Leb Seidener in seinem 48. Lebensjahre erlitten. Dem „Haj melitz" Nr. 15 zufolge, erhielt Seidener gerade an demselben Tage die „dritte" große goldene Verdienst-Medaille, die ihm Se. Majestät bis dahin zu verleihen geruht hat. Tief betrauern seinen Verlust die Armen, Wittwen und Waisen, deren Seelsorger und Berather der Verblichene war. Während der 23 Jahre, die er in dieser Gemeinde amtirte, war sein Hauptverdienst außer auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit und Humanität in der Religionsunterrichtspflege in den dortigen Lehranstalten. Durch seine Gelehrsamkeit gewann er höchstes Ansehen. Das Leichenbegängniß fand unter imposanter Betheiligung statt. Auch erschienen sämmtliche Schüler der dortigen Lehranstalten mit den Lehrern an der Spitze. Die Geschästsläden waren diesen Tag geschlossen. In den Ostseeprovinzen finden jetzt die Wahlen neuer Abgeordneten für die städtische Verwaltung statt. Nach den neuesten Reformen kann von der Gesammtzahl der zu wählenden Stadtverordneten ein Dritttheil aus Juden bestehen, während in den alten Communalinstitutionen kein Jude zu irgend einer Funktion zugelassen wurde. In der Gouvernementsstadt Mitau wurden durch die Juden 16 jüdische Candidaten ins Stadtverordneten-Collegium gewählt. Es macht den christlichen Bürgern keine große Freude, die neuen Gäste in einer solchen angemessenen Anzahl in ihrer Mitte als Abgeordnete zu sehen. — Im Aufträge eines Mitgliedes der „Pahlenschen Judencommission" verfaßte der gelehrte Publicist Herr Gradowsky ein streng wissenschaftliches Werk über die „Judenfrage" in Rußland, welches vor kurzem erschien. Dieses umfassende Werk ist hauptsächlich für die betreffenden Arbeiten der erwähnten Commission bestimmt. Moses Feinkind. Bonn, 21. März. (Notizen.) Wie wir erfahren, ist an Stelle des emeritirten Herrn vr. Arnheim zum Direktor der Jacobson-Schule zu Seesen Dr. Emil Philippson gewählt worden, der bis jetzt als Oberlehrer an der israelitischen Realschule zu Frankfurt a. M. thätig gewesen und sich die Anerkennung als tüchtiger Pädagoge erworben hat. Der jüngere Bruder desselben, vr. Robert Philippson ist vor einigen Monaten bei dem Realgymnasium in Magdeburg als ordentlicher Lehrer angestellt und vom Unterrichtsministerium als solcher bestätigt worden. — Aus Judroschin schreibt man uns: Am 7. Adar wurde das 50 jähr. Bestehen des Kranken- und Verpflegungsvereinsdurch einen feierlichen Gottesdienst mit erhebender Predigt des Rabb. vr. Loeb aus Rawitsch, und dann durch ein Festessen begangen. — Aus Nienburg a. d. W. schreibt man uns: Am 7. März feierte unser seit 20 Jahren unermüdlich thätiger Gemeindevorsteher, HerrJonasBalentin, seinen 70 jähr. Geburtstag. Namentlich um die Herstellung eines freundlichen Friedhofes, statt einer öden Trümmerstätte, hat er sich viele Verdienste erworben. Die Gemeinde übergab ihm deshalb außer einer Adresse 500M., die zu einem Fond für Herstellung einer Friedhofshalle gesammelt waren. Der deutschisrael. Gemeindebund, dessen eifriger delegirter Herr V. ist, sandte nebst einer Adresse den Anfang einer Valentin Bibliothek mit 51 Nummern. Seit 17 Jahren ist V. auch Bürgervorsteher, und hat als solcher namentlich durch Vermittelung von Legaten genützt. An Beweisen der Anerkennung auch für diese Thätigkeit fehlte es nicht. Möge dem edlen Greise noch eine lange Wirksamkeit beschieden sein! — Die Academie des Sciences in Paris hat den Artillerie-Schwadron-Chef G. Halphen (Israelit) zu ihrem Mitgliede in der Section der Geometrie mit 49 Stimmen unter 51 gewählt. —