Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1886)
- Date
- 1886-03-30
- Page
- Seite 219 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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f.ähigungsprüfung gemacht und ein Befähigungszeugniß erhalten hat. Auf die deshalb von Versammlungen n. s. w. an die Staatsregierung gerichteten Petitionen, bedenkt diese sich doch, abermals wieder, wie sie schon bezüglich des Handwerks gethan, die gewerbliche Freiheit zu beschränken, was doch gerade der Handel am wenigsten verträgt. Sie hat deshalb die Handels- und Gewerbekammern des Landes aufgefordert, ihr Gutachten darüber abzugeben. Graz u. a. haben dafür gestimmt, Wien und Krakau dagegen. Hier in Lemberg liegt die Sache so eigenthümlich, daß sie auch in diesem Blatte eine Erwähnung verdient. In der hiesigen Handelskammer befinden sich eben so viele jüdische wie christliche Mitbürger und diese stehen sich in obiger Frage schnurstracks gegenüber. Die christlichen sind für, die jüdischen gegen die Befähigungsprüfung. Ein Votum ist deshalb unmöglich. Sobald die Frage auf die Tagesordnung gesetzt ist, verläßt die eine Partei den Saal und macht die Versammlung beschlußunfähig. Krakau, 12. März. Zum „Sieg des Rechts!" Von hier schreibt man: Der Mitangeklagte der Eheleute Ritter, Stahlinski, hat einige Stunden vor dem Tode in Gegenwart des Präsidenten Czyszezan und des Landesgerichtsrathes, nachdem er mit den Sterbesaeramenten bereits versehen war, feierlich erklärt, er und die Familie Ritter hätten die Francisca Minch nicht gemordet. (Bekanntlich hatte dieser Mann bei allen öffentlichen Verhandlungen behauptet, daß seine, dann förmlich zurückgenommenen anfänglichen Geständnisse ihm von den Gensdarmen durch Mißhandlungen abgezwungen worden.) Italien. Rom, 8. März. Die „Capitale" schreibt von hier: Ein reicher Israelit kaufte im Quartier Prati bei Castelli, dicht am Monte Mario, eine größere Fläche, die bis dicht an die Ringmauern des Vatieans reicht, um hier einen gigantischen Tempel zu errichten. Der Ingenieur Araldi ist mit dem Entwurf und der Ausführung des Riesenbaues betraut worden. Im Vatiean ist man selbstverständlich durch diese kuriose Blokade sehr unangenehm berührt und die gesammteVaticanischePresse drückt ihr Mißvergnügen darüber aus. Rußland. Moskau, 17. März. (Privatmitth.) Wir leben jetzt im Monat, wo die Freude willkommen geheißen wird, und es dürfte daher eine freudige Mittheilung aus Moskau, dem russ. Nom, die jüdischen Leser Ihres geschätzten Blattes mit nur um so mehr Befriedigung erfüllen, als sie ja leider in den letzten Jahren aus Rußland zumeist nur von systematischen Verfolgungen und mittelalterlichen Einschränkungen ihrer Glaubensgenossen zu lesen bekamen. Diese Mittheilung be-! trifft die Eröffnung einer Synagoge, die der wirkliche Staatsrath Herr Lazar Poliakoff und seine Frau Rosalie erbauen ließen, der ersten, die in Moskau zum Zwecke eines Bethauses von vorherein aufgeführt wurde. Denn trotzdem, daß hier an 30000 Inden wohnen, mußten sich dieselben bis jetzt unter den sie so sehr beschränkenden Jnkolatsgesetzen bloß mit Adaptirungen alter Gebäude zu Bethauszwecken bescheiden. Erst durch die hier zulande allgemein gekannte Munifizenz des Herrn Poliakoff und seine einflußreiche sociale Stellung ist den hiesigen modernen Juden eine Betstätte zutheil geworden, wie sie nicht nur einem großherzigen Individuum, sondern auch einer größeren opferbereiten Gemeinde zur Zier und zum Ruhme gereichen kann. Die Eröffnung begann mit dem Einzuge von acht „gekrönten" und herrlich eingekleideten Thorarollen, die von den hiesigen drei Rabbinen, dem Stifter Herrn Poliakoff, seinem ältesten Sohne, dem Vorstande Herrn | Segaloff u. A. zum Tabernakel — den Herr Poliakoff mit einem goldenen Schlüssel öffnete — inmitten der feierlichen Versammlung unter herzerhebenden Choralgesängen des Cantors Matenko getragen wurden. Hierauf hielt der hiesige Prediger Dr. Minor die Einweihungsrede in russischer Sprache und nachdem auch noch das Freitag-Abendgebet vom Cantor und! feinem aus 20 Personen bestehenden wohl einstudirten Chore! vorgetragen wurde, war die Feier, bei der das ganze Gotteshaus von geladenen Gästen gedrängt voll war, zu Ende. Turek, 15. März. (Privatmitth.) Nicht bloß in den jüdischen, sondern auch in den Regierungskreisen erkennt man die Nothwendigkeit des geregelten jüdischen Religionsunterrichtes an, da bis jetzt die aus den Chedern entlassenen Kini ber nach ihrem Eintritt in die mittleren und höheren Lehr- : austalten jedes Religionsunterrichtes entbehrten und deshalb religionsloser Gesiuuuug leicht anheimfielen. Da nun an geschulten Religionslehrern ein großer Mangel besteht, so hat jetzt ein Regierungserlaß die Erlaubniß ausgesprochen, daß auch tüchtige Melamdim au den mittleren und höheren Lehranstalten den jüdischen Religionsunterricht ertheilen dürfen. Nun wandte sich unlängst der viel verehrte Gouverneur von Jekaterinosslaw, auf Veranlassung der dortigen jüdischen Gemeinbe, an das Ministerium des Innern mit dem Gesuche, daß in säuuutlichen Lehranstalten für Kinder jüdischer Coiifession ein obligatorischer Religionsunterricht eingeführt werden sollte, wozu von der Schulobrigkeit besonders geprüfte Lehrer anzustellen seien, die aus ben Gemeindecassen erhalten; werden sollen. Das bezeichnete Miuisterium übergab dieses! Gesuch mit seinem Votum dem gelehrten Conseil des Ministeriums der Volksaufklärung, und es wurden von Seiten : des Unterrichtsministeriums darüber Gutachten sämmtlicher Curatoren der Lehrbezirke und Direktoren der Gymnasien und Realschulen eingeholt. In den bis jetzt eingegangeneu Gutachten wird von der Mehrheit die Ertheilung des Reli-