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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-30 · Heft 14 (30.3.1886) · p. Seite 217

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 14 (30.3.1886)
Date
1886-03-30
Page
Seite 217 (sequence 9)
Language
German
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217 zeichnen Pflegt. Die verschiedenartigsten Versuche, um dieses i Ziel zu erreichen, sind gemacht worden; der Vortragende be-! schränkte sich darauf, nur auf jene Bestrebungen hinzuweisen, die im Anschluß an die christliche Religion die Lösung der sogenannten sozialen Frage versucht haben. Redner that zuerst der christlich-sozialen Partei Erwähnung, die unter Leitung des Herrn Stöcker im Jahre 1878 sich aus dem sozialen Reformverein des Pfarrers Todt entwickelt hat. Eine Zergliederung des Programms jener Partei ergab, daß klar formulirte soziale Aufgaben selbst nicht zu Beginn von Herrn Stöcker und seinen Genossen ins Auge gefaßt wurden. Das Programm der Partei ist überwiegend politisch, und so weit es politisch ist, erweist es sich als rein konservativ, verbrämt mit einigen Wendungen, die auf das Christenthum Hinweisen; was daneben an sozialen Forderungen sich findet, ist fast völlig werthlos. Die sozialen Aufgaben werden so unbestimmt formulirt, daß das Programm nach dieser Richtung kaum einen faßbaren Kern enthält; für die Verwirklichung jener wenigen klarer präzisirten sozialen Forderungen, die die Partei aufgestellt hat, wie für progressive Einkommensteuer, Erbschaftssteuer, ist aber niemals etwas geschehen; nicht einmal der kleinste Versuch ist gemacht worden, um diese Ziele zu erreichen. Was die Partei an Erregung von Haß geleistet hat, ist bekannt; als soziale Reformpartei hat sie dagegen nie das Geringste zu Wege gebracht. Ganz anders verhält es sich mit den katholischen Bestrebungen, die jedoch auch etwas Politisches mit sich tragen, wovon man nur in England sich frei hält. — Berlin, 18. März. (Privatinitth.) Soeben verbreitet sich die Trauerkunde, daß der Nestor der jüdischen Wissenschaft, der Bahn brechend für dieselbe gewirkt hat, vr. Leopold (Lippmann) Zunz gestern Abend 6 l[.2 Uhr an Altersschwäche entschlafen ist. Zunz war am 10. August 1794 in Detmold geboren, kam als Kind mit seinen Eltern nach Hamburg und nach dem Tode seines Vaters, durch den er den ersten Unterricht erhielt, 1803 nach Wolffenbüttel in die Samson'sche Freischule, welche im Juni d. I. ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Seit 1810 wirkte Zunz an dieser Schule als Elementarlehrer und besuchte zu gleicher Zeit zu seiner weiteren Ausbildung das Wolffenbütteler Gymnasium. In den Jahren 1815—19 studirte er an der Universität Berlin Philologie, wirkte von 1820—22 als Prediger an der hiesigen Deutschen Synagoge, 1824—32 als Redakteur an der Spener'schen Zeitung und leitete gleichzeitig von 1825—29 als Direktor die neugegründete jüdische Gemeindeschule. Im Jahre 1835 erhielt der verdiente Gelehrte einen Ruf als Prediger nach Prag, kehrte indessen bald nach Berlin zurück und erhielt hier die Leitung des 1839 errichteten Lehrerseminars, welche Stellung mit dem Seminar selbst im März 1850 aufhörte. Seitdein lebte er als Privatgelehrter, thätig auf dem Gebiete der jüdischen Literaturgeschichte. Politisch wirksam für seine Glaubensgenossen war er durch seine Schrift „Die Namen der Juden" (Leipzig 1837), wodurch er die preußische Cabinetsordre, daß die Juden nur jüdische Namen führen sollten, vereitelte, indem er ihre Gegenstandslosigkeit erwies. Schon 1818 trat er mit einer Abhandlung „Etwas über die rabbinische Literatur" (Berlin 1818) auf, redigirte 1822 die „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums", die jedoch nur einen Jahrgang von 3 Heften erlebte, aber maßgebend für die Bestrebungen der Folgezeit war. 1823 gab er 16 Predigten, die er in der neuen, bald wieder geschlossenen Synagoge mit reformirtem Gottesdienste gehalten (Berlin 1823), heraus. In diesem Blatte veröffentlichte er 1838—1840 den „Ritus der Synagoge zu Avignon." Außer vielen einzelnen Reden und zahlreichen Abhandlungen in Zeitschriften, sind als seine Hauptwerke „Die gottesdienstlichen Borträge der Juden" (Berlin 1832), „Zur Geschichte und Literatur der Juden" (Berlin 1845), „Die synagogale Poesie des Mittelalters" (Berlin 1855), und „Die Ritus des synagogalen Gottesdienstes" (Berlin 1859) aufzuführen. In politischer Beziehung gehörte Zunz zu der Fortschrittspartei, und wir besitzen über seine Ansichten einen Vortrag im 4. Wahlbezirk von Berlin gehalten, und einen solchen über „die Prinzipien der Demokratie" (Berlin 1849); indeß konnte eine Wahl desselben in ein Parlament nicht durchgesetzt werden. Ein Amt, einen Orden hat er weder erhalten noch gesucht; dafür zeichneten ihn seine Glaubensgenossen durch die regste Theilnahme aus, die sich an seinem 70. 80. und 90. Geburtstage aussprach. Seine glückliche Ehe war kinderlos. Berlin, 18. März. (Privatmitth.) Endlich wird auch die seit Jahrzehnten beabsichtigte Statue Lessings, für welche bereits ein großes Kapital bereit liegt, zur Ausführung kommen. Der Kaiser hat für dieselbe einen Platz des Thiergartens im Zuge der Lenrwstraße genehmigt, und das Count«; wird nun die weiteren nöthigen Schritte alsbald thun. Zur Gründung einer Stiftung zum Andenken Straßmanns ist soeben ein Aufruf erschienen, welcher von vielen bedeutenden Männern Berlins unterzeichnet ist. Die Stiftung soll den Zweck haben, Unterstützungen zu gewähren a) an Personen, die in Folge körperlicher Gebrechen oder Schwäche nur beschränkt erwerbsfähig find, b) in Fällen, wo aus Rücksicht für den zu Unterstützenden die Angelegenheit streng vertraulich zu behandeln ist. — Wegen Beleidigung der Reichstagsabgeordneten Singer und Ludwig Löwe als Juden „durch eine Fluth von Schimpfwörtern schwersten Kalibers" wurde der Agent Gottlieb Parchnatz mit 30 Mark Geldbuße bestraft. — Gegen Hofprediger Stöcker erläßt der Professor der Theologie Baumgarten im „Prot. Sonntagsblatt" folgende Erklärungen: 14

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