Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-30 · Heft 14 (30.3.1886) · p. Seite 216

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 14 (30.3.1886)
Date
1886-03-30
Page
Seite 216 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227624--43416-3263775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

216 eine Menge von Bildern aus dem poetischen Schatze der heiligen Schrift vorzuführen. Bei den jüngern jüdischen Autoren ist es Brauch geworden, etwa bei Aben Esra stehen zu bleiben und von neueren Arbeiten keine Notiz zu nehmen, während diese gerade auf dem Gebiete der Symbolik des fortgeschritten sind. Dem Verfasser des vorliegenden Vortrages machen wir aber hieraus insofern keinen Vorwurf, als er die neuere Auffassung in diesem Rahmen seinen Zuhörern verständlich zu machen kaum ermöglichen konnte. Jedenfalls empfehlen wir denselben, weil er in Stande ist, dem größeren mosaischen Cultus entschieden gegen die früheren Exegeten! Publikum für diese Betrachtungsweise Interesse einzuflöjzen. %eikuMcy}vvac fyzi.c fjl en. Deutschland. Berlin, 14. März. Bon wie geringer Wirksamkeit und wenigem Anklang die Sippe der Stöcker'schen „Christlich- Sozialen" ist, hat eine jüngste Bersammlung bewiesen. Die „Voss. Ztg." berichtet darüber: Die Christlich-Sozialen hatten gestern ans die Tagesordnung der nach „Sanssouci" einberufenen Parteiversammlung das Thema „Der Kern des sozialdemokratischen Programms" gesetzt und hatten dabei reichlich Gelegenheit die Sozialdemokraten kennen zu lernen. Arbeiter, an ihrer Spitze der Abgeordnete Heine, der Stadtverordnete Milan, der Buchbinder Michelsen und andere Führer waren in hellen Haufen erschienen. Stöcker selbst war nicht anwesend, er muß das Haus hüten, da er sich beim Abspringen von der Pferdebahn den Fuß verstaucht hat. Referent war Prof. Wagner. Schon bei Beginn der Bersammlung wurde eine kurze Vertagung nöthig, weil die Arbeiter „Bureauwahl" verlangten. Nur mit Mühe konnte Prof. Wagner sein Referat beginnen, in dem er fortwährend durch Lachen unterbrochen wurde. Einer der Humoristen wurde vom überwachenden Polizeilieutenant öffentlich nach Namen und Wohnung gefragt, in Folge dessen verlangten später die Arbeiter, daß Christlich-Soziale, die angeblich Unterbrechungen herbeigeführt hatten, auch „ausgeschrieben" würden. In der Debatte nahm zunächst Arbeiter Quintern das Wort: „Wenn der Vortragende ein wenig besser die Arbeiter-Epidemien studirt hätte, (Heiterkeit) würde er wissen, daß Arbeit und Sklaverei Zusammenhängen. Sie wollen die Sozialdemokratie ausrotten. Sie aber sind es gewesen, welche die Sozialdemokratie das Banner haben entfalten lassen. Schon in der Bibel heißt es: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Heiden" (Zuruf „Juden", Heiterkeit). Tie Ausgewiesenen sind die Apostel...." Da der Polizeioffizier sich bereits erhob, wurde der Redner am Weitersprechen verhindert. Buchbinder Michelson; „Sie 150 Mann von der bezahlten Claque des Hrn. Stöcker..." (Stürmische Unterbrechung.) Prof. Wagner: „Der Redner hat nicht das Recht, an unserer Ueberzeugung zu zweifeln." Unter lebhaftem Tumult wurde dem Redner das Wort entzogen. Stadtv. Mitan: „Es giebt ein Wort, das lautet: «Richtet Euch nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Thaten" (Beifall). Die Parteigenossen des Herrn Wagner in der Stadtverwaltung haben in ihren Thaten sich nicht sehr arbeiterfreundlich gezeigt, auch die konservative Partei im Parlament nicht (Prof. Wagner: „Ich habe nicht als Mitglied der konservativen Partei gesprochen"). Nun ich weiß nicht, ob sich Hr. Wagner nicht mehr zu den Konservativen rechnet, sollte er zu uns kommen wollen, es sollte mir angenehm sein (Heiterkeit), wir können Männer der Wissenschaft gebrauchen, denn auf der Basis der Wissenschaft wollen wir unser Haus bauen und die Zukunft gehört uns." (Beifall.) Als Prof. Wagner antivorten wollte, entstand wieder ein solch wüster Lärm, daß St.-B. Mitan selbst seine Parteigenossen um Ruhe ersuchen mußte. Inzwischen hatten sich Sozialdemokraten unter Michelsen» Führung vor der Tribüne aufgestellt, uni fortgesetzt zu stören, bis schließlich Wagner mit einem „Donnerwetter" sich das „unverschämte Auftreten der Gäste" verbat. Diese verlangten ihrerseits ihren „Groschen" wieder und unter lebhaftem Tumult und Hochrufen wurde endlich gegen Mitternacht die Versammlung geschlossen. — Neben dieser äußeren Erscheinung hat gewiß mancher Leser schon nach der innern Bedeutung der „Christlich- Sozialen" Partei gefragt. Was ihr „Christlich" werth ist, wissen wir gar zu gut — was aber ihr „Sozial"? Ein unparteiischer Zeuge soll reden. Am vergangenen Sonnabend sprach i» der Volkswirthschaftlichen Gesellschaft zu Berlin Herr Reichstagsabgeordnetcr Karl Schräder über „Christlichen Sozialismus in England und Deutschland". Der Vortragende wies darauf hin, wie mit der großen französischen Revolution der dritte Stand zuerst in das staatliche Leben eingetreten und wie mit diesem Emporkommen des bürgerlichen Elements dann gleichzeitig der Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit für alle Menschen erklungen sei. Nach der Emanzipation des dritten Standes mußte gerade auf Grund jenes Schlachtrufes schnell die Frage auftauchen, wie jene Schaaren einer höheren Entwickelung entgegen zu führen seien, die man heute als den vierten Stand zu be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.