Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1886)
- Date
- 1886-03-30
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ri5 beiten geliefert hat. Der Gegenstand seiner Vorlesung war „der Jude auf der Bühne (le juif au theatre). Einen Auszug lasen wir im Pariser „Temps" und in der Brüsseler „Gazette", der uns jedoch zu einer Besprechung nicht veranlaßte. Jetzt liegt der Vortrag uns in seinem ganzen Wortlaute in Nr. 11 der Berne politique et litteraire vom 13. März 6. *) vor, und ist er interessant genug, um darüber berichten zu müssen. Die Bemerkung wollen wir voranschicken, daß solche Borträge von französischen Autoren ganz besondere Vorzüge hinsichtlich ihrer Form und Darstellungsweise haben, und deshalb von deutschen Rednern studirt zu werden verdienen. Es verbindet sich bei jenen die Leichtigkeit, Gefälligkeit und Eleganz der Vortragsweise mit der Gründlichkeit der Behandlung, so weit diese in solchen Vorträgen beansprucht werden kann. Herr Drehfus giebt nach einer gefälligen Einleitung eine kurze Schilderung seiner desfalsigen Studien und stellt hier als Resultat auf, „daß der Jude auf dem Theater bald gehässig, bald grotesk oder gehässig und grotesk auf ein Mal dargestellt wird," und daß dies conventionell geworden. Er fügt hinzu: „Nicht daß der französische Zuschauer — ich spreche im Augenblicke nnr von diesem — die Juden verabscheue. Nein, sicherlich nicht! Seit der Revolution, die ihnen gleiche Rechte mit den anderen Bürgern zugesichert hat, werden die französischen Juden, welche ihre Pflichten treu erfüllen, von Allen geschätzt, und besonders in Paris, wo die kleinen Eifersüchteleien des Kirchthurinssprengels unbekannt sind, vermochten sie dauernde Freundschaften mit den Bekennern aller Culte zu schließen. Aber ein Uebereinkommen, das mächtiger als alle möglichen Sympathien oder Antipathien ist, hat über die Rolle entschieden, welche der Jude im Theater spielen sollte, und der französische Zuschauer ist der Sklave dieses llebereinkommens. Ja der Zuschauer ivird sogar sehr erstaunt iein, wenn er einen Israeliten zum Nachbar hat und der Israelit theilt seine Heiterkeit nicht über irgend einen Sittenzug oder irgend ein beleidigendes Wort betreffs der jüdischen Gesammtheit." Dies bewährt sich denn auch in den viele» französischen Theaterstücken, die der Redner durchgeht, sowohl in den längst vergessenen früherer Zeit, als auch in den modernen, die gleichem Schicksal entgegengehen. Und auch darin bewährt es sich, daß die ganze dramatische Literatur der Franzosen kein Stück aufzuweisen hat, wo der Jude eine Nolle zu spielen hat, wie in Lessings Nathan und dessen „Juden"; aber auch nicht einmal wie in dem englischen Stücke der Jude von Cumberland, wo der Jude zwar geizig, aber auch höchst dankbar und großmüthig dargestellt wird. Wenn Herr Drehfus sich rühmen darf, alle französischen Stücke, worin Juden Vorkommen, gelesen und besprochen ’) Wir haben dem überaus thätigen und verdienstvollen Herrn Isidore Loeb unseren besten Dank für die srenndliche Uebersendung dieses Heftes der genannten Revue zu sagen. zu haben, so ist dies hinsichtlich der englischen Literatur nur mit Shakespeare's Shylock und Marlow's barbarischem Stücke „der Jude von Malta" der Fall. Das angeführte Stück von Cumberland ist, wie manches andere, ihm entgangen. Bon deutschen Stücken führt er nur „Unser Verkehr", „Nathan der Weise" und „die Juden" von Lessing, sowie Lindau's „Gräfin Lea" an. Bekanntlich giebt es aber noch eine Menge anderer, wie z. B. Jreytag's „Journalisten" und viele, in welchen der jüdische Banguier lächerlich gemacht wird. Der Rolle, welche das französische Drama dem Juden zuertheilt, gegenüber, ist die der Jüdin, wie der Verfasser hervorhebt, ganz entgegengesetzt. „Denn im Theater, bemerkt er, sind, je abstoßender die Juden sind, desto verführerischer und schöner und zwar von einer fatalen Schönheit, die Jüdinnen. Sie flößen stets Christen eine heftige und verhängnißvolle Liebe ein." Auch hierfür bringt er Beispiele heran. Merkwürdiger Weise greifen die französischen Dramatiker, wenn sie irgend eine bessere Rolle einen Juden spielen lassen wollen, zum „Rabbiner", um ihn sofort als Ausnahme von der Regel bemerklich zu machen, wie in Erckmann's Ami Fritz und in Mendes Les m&res ennemies. Der letztere ist freilich selbst Jude. Auf diese Weise scheiden wir viel williger von der französischen Bühne als vom Verfasser des Vortrages. — Wir schließen dem einen deutschen Bortrag an, der im Verein für die Wissenschaft des Judenthums zu Prag von Di-. G. Deutsch, israelitischem Religionslehrer in Brünn gehalten worden: Die Symbolik in Kultus und Dichtung bei den Hebräern (Brünn, Epstein 1866). Bei solchen Vorträgen für das allgemeine Publikum ist in erster Linie die Wahl des Gegenstandes und dann die Behandlungsweise des Stoffes von Bedeutung. Wir haben oben die gefällige und lebhafte Form gerühmt, welche in der Regel die Franzosen solchen Vorträgen zu geben verstehen. In dem vorliegenden Bortrage hat der Verfasser in den Ernst der Darstellung hier und da einen leichten Humor hineingebracht, der den Zuhörern manches Lächeln abgewonnen haben wird. Wir gestehen, daß wir solchem Verfahren in keiner Art von Rede und Vortrag, mit Ausnahme der Kanzelberedsamkeit, abhold sind, wenn der Humor nicht platt und der Ernst des Gegenstandes nicht geschädigt wird, was in dem Vortrag des Herrn Deutsch nicht der Fall ist. Was den Gegenstand betrifft, so ist er ein solcher, der zwar der Aufmerksamkeit sehr würdig und dem richtigen Verständniß der heiligen Schrift sehr förderlich ist, der aber so umfänglich und so zur Vertiefung geeignet ist, daß er in dem engen Rahmen eines Vortrages nur oberflächlich behandelt werden kann. Der Verfasser hat daher mit richtigem Takte nur dahin gestrebt, seinen Zuhörern das psychologische Entstehen des Bildes und Symbols deutlich zu machen, an einigen frappanten Beispielen die symbolische Bedeutung, wenn auch nicht erschöpfend, zu erklären und