Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1886)
- Date
- 1886-03-30
- Page
- Seite 214 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227624--43414-3263773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
214 dcr jüdischen Cultusangelegenheiten befindet. Zum Schluß mag ein Witzwort erwähnt sein, welches der bekannte Chroniqueur der „Neuen freien Presse", Daniel Spitzer, geliefert hat. „Der Herr Baron Oppenheimer betheuert, nichts von der Börse zu verstehen, obwohl er Baron ist." Mein seliger Großvater pflegte zu sagen: Ich möchte auch lachen, wenn dcr Narr nicht mein wäre. Wohlthätige Werke. IV. Bekanntlich hat der Deutsch-israelitische Gemeindebund zu Berlin zur silbernen Hochzeit des kronprinzlichen Paares vor drei Jahren eine „Fricdrich-Wilhelm-Bietoria-Stiftung" begründet, über welche er in diesen Tagen einen Bericht veröffentlichte. Die Stiftung hat den Zweck, jüdischen Gemeindcbeamten durch einen Zuschuß den Einkauf in die Lebensversichcrungsgcsellschast Victoria, mit welcher deshalb ein Vertrag geschlossen worden, sowie den Eintritt in die Achawa oder eine sonstige Lehreruuterstützungskaffe zu erleichtern. Die Stiftung begann mit einem Fonds von 13,000 M., der in diesen drei Jahren zu 50,000 M. angcwachsen ist und für welchen neue Sammlungen erbeten werden. Bereits sind durch die Hilfe dcr Stiftung Beamte und Lehrer mit einer Summe von -157,000 M. versichert, von welchen bei zwei Todesfällen schon 13,000 M. zur Auszahlung gelangten. In den verflossenen 3 Jahren gingen bei der Verwaltung 222 Gesuche ein, von welchen durch Bewilligung 159 erledigt wurden. Die Verwaltung verführt hierbei mit solcher Besonnenheit, daß „zur Zeit kein Grund zu der Befürchtung vorhanden ist, daß die Fortsetzung dcr Unterstützung (zur Prämienzahlung) unmöglich gemacht werden sollte oder sie reducirt werden niüßte." Von den gewährten 157 Vergünstigungen betrafen 112 Versicherungen bei der Victoria und 45 Beitragszahlungen an Lehrerkassen. Die Prämienzuschüsse erreichen in diesem Jahre 3627 M. und die Jahresbeiträge zu den Lehrcrkassen 389 M. Der Bericht schließt deshalb mit folgenden Worten: „Jeder, der mit Wohlwollenheit und praktischem Sinn diese Thatsachcn erwägt, wird auf dieselben mit Befriedigung Hinsehen und gern anerkennen, daß nach so kurzem Bestehen der Stiftung schon sehr Erfreuliches erreicht worden ist. Ja selbst Uebelwollende werden dem ernsten Bestreben der deutschen Judenhcit die Anerkennung nicht versagen dürfen, daß, so lange gesetzliche Bestimmungen die Fürsorge des Staates für unsere Beamten nicht zulassen, die jüdischen Gemeinden und Beamten etwas sehr Löbliches thun, wenn sie durch Selbsthilfe die fehlenden! gesetzlichen Beneficieu zu ersetzen suchen; und nach den Erj folge», die bereits erzielt sind, wird auch das Zeugniß eines redlichen Arbeitens uns nicht vorenthalten werden dürfen." In Diez a. d. Lahn Hot sich ein Verein (?) gebildet, welcher Zweigvereine in ganz Deutschland zu gewinnen sucht. Der Verein hat sich „die Errichtung eines israelitischen Erziehungshauscs für arme Waisen und Kinder unbemittelter Eltern und zwar für ganz Deutschland" (!!) zur Aufgabe gemacht. Der jetzige Vorsitzende, Herr S. Lomnitz in Diez, sagt in der ersten, bereits erschienenen Mitgliederliste: „Bis heute hat man in rühmenswerthester Weise für die Erziehung armer Waisen fast hinreichend gesorgt. Es giebt aber zweifellos Kinder mittelloser Eltern, die eher verwaist unv verwahrlost zu nennen, sittenverderbenden Einflüssen mehr überlassen sind als arme Waisen, bei denen die Commune Vaterstelle übernommen. Diesen Kindern soll das zu errichtende Haus zur Heimath werden, zur Pflanzstätte echt religiösen Geistes, geistiger Tüchtigkeit und körperlicher Geschicklichkeit. Der Segen einer solchen Anstalt erstreckt sich nicht allein auf die Kinder, sondern auch auf die Eltern, ja auf das Judenthum im Allgemeinen, da der druckenden Armuth zu häufig Elemente entwachsen, die dem Judcnthum am wenigsten zur Ehre gereichen. Zur Beschaffung der Fonds sollen allerorts Zwcigvcreine gebildet und Mitgliedskarten ü 50 Pfg. ansgegebeu werden. Wir sind gerne bereit. Gesuche um Mitgliedskarten event. Beiträge weiter zu befördern, wenn man cs nicht vorziehen sollte, sich an obengenannten Vorsitzenden zu wenden. Möge ein Jeder das Seinige thun, damit das hochherzige Werk bald vollendet sei." — In der Beurthcilung dieses Gedankens ist es zunächst fraglich, ob die in einer so kleinen Provinzialstadt vorhandenen Kräfte ausreichen, um ein so großes Werk zweckentsprechend auszuführen? Dazu gehören Männer von großer Einsicht, Energie und Erfahrung. Aus den Berathungen solcher Männer muß das Unternehmen hervorgehen, wofür die beiden Herren Lomnitz und Königsberger, die sich als „Vorsitzender" und „Cassirer" unterzeichnen, allein keine genügende Garantie bieten. Dan» ist aber auch die Idee viel zu groß und wcitschichtig gefaßt. Da wäre für einige Tausend Kinder zu sorgen und diese — selbst beim Gelingen — zusammcnzuschichten, wäre die abenteuerlichste, ja eine gefährliche Idee. H Literarischer Wochenbericht. Bon», 16. März. Wie unsere Leser wissen, veranstaltet die Pariser soeisUdes litudes juives im Winter eine Reihe von Borträgen, und den letzten hielt vor einigen Tagen Herr Abraham Drcyfus, ein fleißiger und geistreicher Dramaturg, der, wenn wir nicht irren, auch einige dramatische Ar-! 1) Wir sind bereits von einigen Orten her über unsere Meinung i gefragt worden, und haben in obigem Sinne geantwortet.