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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-30 · Heft 14 (30.3.1886) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 14 (30.3.1886)
Date
1886-03-30
Page
Seite 211 (sequence 3)
Language
German
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211 bestimmte ewige Wahrheiten in der Schöpfung leserlich und verständlich finden. Dieselbe Schöpfung veranlaßte die Braminen zu ihrer Trinität, die Buddhisten zu ihrer Nirwana, die Magier zur Feueranbetung, die anderen antiken Völker zu ihren mythologischen Religionen, in welchen die Kräfte und Erscheinungen der Natur als Gottheiten erfaßt und diese dann vermenschlicht wurden; dieselbe Natur gab und giebt den Pantheisten, den Monisten, den Skeptikern, den Materialisten und Atheisten die Grundlage und den Stoff zu allen den Systemen, welche den „ewigen Wahrheiten vom Dasein Gottes von der Welt, der menschlichen Seele und ihrer Unsterblichkeit," wie Mendelssohn und wir mit ihm sie bekennen, völlig entgegengesetzt sind. Mendelssohn begriff noch nicht, daß wir in der Natur nur für das Beweise finden, nur das uns aus ihr zur Anschauung fördern, lvas wir zu ihrer Betrachtung mit uns bringen, daß wir aus ihr hcrauslesen, was wir in ihr zu lesen suchen, daß sie nur einen Wiederhall der Gedanken bietet, die wir mitbringen. In diesem großen Chaos der Ansichten und Anschauungen, wie es sich bis jetzt innerhalb der Menschheit entwickelt hat, kann man nicht von nothwendigen, der Vernunft sich unabweislich aufdrängenden Wahrheiten sprechen, die, sobald wir die Vernunft anwenden, sich in der bestimmtesten Weise uns aufnöthigen sollen. Nein, diese Wahrheiten sind uns nur von der monotheistischen Religionslchre gegeben, und diese finden wir daun mit unserer Vernunft begreiflich, von unserem Herzen empfunden, also mit Vernunft und Herz übereinstimmend, und von der Natur in ihrer Ganzheit und in ihren einzelnen Wesen und Erscheinungen erhärtet. Ja, die Vielen, die diesen Wahrheiten anhängen, haben sie aus ihrer Erziehung und ihrem Unterricht mitgebracht, sie haben sie von der monotheistischen Religionslehre empfangen — sie wissen dies oft selbst nicht — und sie auf ihren Bildungsgang in sich gefestigt. — Und nun erst die „Geschichtswahrheiten", die doch nur durch „die Glaubwürdigkeit des oder der Zeugen" als wahr erscheinen. Wenn unser Mendelssohn die Evidenz der fortschreitenden Entwickelung aus der Geschichte leugnet — wie er es S. 317 (Leipziger Ausgabe 1843, Bd. III.) that — was ist dann wohl geschichtliche Wahrheit? wo bleibt dann die göttliche Weltordnnng? die göttliche Vorsehung, die sich doch nicht auf die Geschicke der Einzelnen beschränken kann, | sondern sich auch über die Völker und die ganze Menschheit j erstrecken muß? Wenn wir auf „die Glaubwürdigkeit desi oder der Zeugen" angewiesen sind, wird nicht jede Partei, jede Religionspartei die Glaubwürdigkeit ihrer Zeugen,^ Propheten, Apostel, Kirchenväter, in Anspruch nehmen und die der anderen leugnen? Und wenn die Zeugen sich widersprechen? Wo ist eine historische Thatsache von Wichtigkeit, welche nicht von der historischen Kritik nach ihrem Verlaufe und ihrer Bedeutung bezweifelt, geprüft und nach der sub-, jektiven Ansicht des einzelnen Kritikers verschieden aufgefaßt und dargestellt wird? In der That wird auf diesem Gebiete der Glaube in einem allzu hohen Maße beansprucht. Denn wie haben wir uns, auch vom Standpunkte Mendelssohn's, zu verhalten, wenn die tradirte Darstellung und Meinung unserer Vernunft widerspricht? Müssen wir sie dennoch als „geschichtliche Wahrheit" anerkennen, blos weil sie so und nicht anders tradirt ist? . . . Aber selbst hinsichtlich der von Mendelssohn als „zufällige ewige Wahrheiten" bezeichneten Naturgesetze können wir die Ansicht Mendelssohn's nicht theilen. Wenn er von diesen sagt: „Gottes Allmacht konnte andere Gesetze an ihre Stelle einführen und kann, so oft es nützlich ist, Ausnahmen stattfinden lassen," so hätten wir von Mendelssohn das Gegentheil erwartet. Die Allmacht Gottes ist doch von seiner Allweisheit nicht zu trennen; Gott mußte deshalb stets die besten Zwecke haben und für diese die besten Mittel verwenden; die Naturgesetze müssen also die weisesten sein und deshalb unveränderlich. „Ausnahmen" würden eine Aufhebung dieser Naturgesetze bedeuten, und das von Gott geschaffene All' würde durch solche Ausnahmen, wenn sie selbst nur in einzelnen Theilen bestünden, in Verwirrung und Vernichtung gerathen. Mendelssohn hat wohl hier nur die metaphysischen von den physischen „ewigen Wahrheiten" unterscheiden wollen, und ist hier die Bezeichnung „zufällig" gewiß unpassend gewählt. Uebrigens weiß man, wie die Ansichten der Forscher über die physikalischen Gesetze stets in Gährung und Veränderung befangen sind, und welche völlige Umgestaltung gerade auf diesem Gebiete in dem Jahrhundert seit Mendelssohn sich herausgearbeitet hat. Mit diesen kurzen Zügen wollten wir das System Mendelssohn's in seinen Schwächen, ja in seiner Hinfälligkeit zeichnen und wollen nun die Folgerungeil betrachten, die er daraus für das Judenthum zieht. (Forts, folgt.) Brünn, 18. März. politisches aus der österreichischen Reichshauptstadt. Von Dr. G. Deutsch. Die letzten Reichsrathsverhandlungen haben sich viel mit den Juden beschäftigt. Zunächst haben die Antisemiten zeigen wollen, daß sie auch etwas Positives zu leisten vermögen. Da haben sie denn einen Börsensteuer-Gesetz-Entwurf angeregt, über dessen Fertigstellung sie der Regierung gestatten, sich den Kopf zu zerbrechen. Uns ginge es im Grunde nichts an, an welcher Stelle des Erwerbslebens die Regierung die Steuerschraube ansetzen will, wenn man nicht diese Sache mit dem Judenthum als solchem in Verbindung gebracht hätte. Es ist überflüssig zu sagen, wie unrecht das ist, und es würde wohl nichts helfen, wenn man zum so und sovielten 14*

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