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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-30 · Heft 14 (30.3.1886) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 14 (30.3.1886)
Date
1886-03-30
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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nichts Neues wider den Glauben der Christen vorzubringen habe, was nicht schon unzählige Male von Juden und Naturalisten gesagt und wiederholt worden sei." Es sei bereits genug in der Sache replizirt und duplizirt worden — womit er auf die zwischen Lessing und dessen Gegnern gewechselten Streitschriften anspielt. Ist es doch aus Briefen Mendelssohn's bekannt, daß er es nur ungern gesehen, daß Lessing sich in die theologischen Streitigkeiten eingelassen — gewiß eine einseitige Ansicht Mendelssohn's. Von hier aus setzt nun Mendelssohn seine Ansichten über Religion und Judenthum auseinander. Er unterscheidet zweierlei Wahrheiten, „ewige Wahrheiten" und „geschichtliche Wahrheiten". Die elfteren sind ihm „entweder nothwendig, an und für sich selbst unveränderlich oder zufällig". Beide „fließen aus. einer gemeinschaftlichen Quelle, jene aber aus dem Verstände, diese aus dem Willen Gottes". „Beispiele der ersteren Gattung sind die Sätze der reinen Mathematik und der Ver-; nunftkunst; Beispiele der letzteren die Gesetze der Natur, nach j welchen dieses Weltall, Körper- und Geisterwelt regiert wird.! Die ersten sind auch der Allmacht unveränderlich, weil Götti seinen unveränderlichen Verstand nicht veränderlich machen! kann; die letzteren hingegen sind dem Willen Gottes unterworfen und nur in so weit unveränderlich, als es seinem heiligen Willen gefällt, d. h. in so weit sie seinen Absichten entsprechen. Seine Allmacht konnte andere Gesetze an ihre Stelle einführen und kann so oft es nützlich ist, Ausnahmen stattfinden lassen. Die zeitlichen, die Geschichtswahrheiten sind nach Mendelssohn „Dinge, die sich zu einer Zeit zugetragen, Sätze, die durch einen Zusammenfluß von Ursachen und Wirkungen in einem Punkte der Zeit und des Raumes wahr geworden und also von diesem Punkte der Zeit und des Raumes nur als wahr gedacht werden können. Von dieser Art sind alle Wahrheiten der Geschichte in ihrem weitesten Umfange; Dinge der Vorwelt, die sich einst zugetragen und uns erzählt werden, die wir aber selbst nie wahrnehmen können." Weiter setzt er auseinander: „Die nothwendigen Wahrheiten gründen sich auf Vernunft, wie nämlich alle niathematischen und logischen Beweise." Die zweite Klasse der Wahrheiten (die Naturgesetze) werden durch Beobachtung erkannt, und wir müssen uns hier auf Glauben und Ansehen von Anderen stützen, da „unsere Lebenszeit nicht hinreicht, alles selbst zu erfahren". Die Geschichtswahrheiten „können nur von denjenigen vermittelst der Sinne wahrgenommen werden, die zu der Zeit und an dem Orte zugegen gewesen. Von jedem anderen müssen sie auf Autorität und Zeugniß angenommen werden. Das Ansehen des Erzählers und seine Glaubhaftigkeit machen die einzige Evidenz in historischen Dingen." Mendelssohn fährt fort: „So oft es nun den Absichten Gottes gemäß ist, daß die Menschen von irgend einer Wahrheit überführt sein sollen, so giebt er ihnen zur „nothwendigen Wahrheit den dazu erforderlichen Grad der Vernunft, zum Naturgesetz den Geist der Beobachtung, zur Geschichtswahrheit, daß die Glaubwürdigkeit der Erzähler über alle Zweifel hinweggesetzt wird. Bloß in Absicht auf Geschichtswahrheiten dünkt mich, sei es der allerhöchsten Weisheit anständig, die Menschen auf menschliche Weise, d. i. durch Worte und Schrift, zu unterrichten, und wo es zur Bewährung des Ansehens und der Glaubwürdigkeit erforderlich war, außerordentliche Dinge und Wunder in der Natur geschehen zu lassen. Jene ewigen Wahrheiten I hingegen, in so weit sie zum Heile und zur Glückseligkeit der ' Menschen nützlich sind, lehrt Gott auf eine der Gottheit gemäßere Weise, nicht durch Laut und Schriftzeichen, die hier . und da, Diesem und Jenem verständlich sind, sondern durch die Schöpfung selbst und ihre innerlichen Verhältnisse, die allen Menschen leserlich und verständlich ist." Er schließt ^deshalb: „Ich glaube also nicht, daß die Kräfte der menschlichen Vernunft nicht hinreichen, sie von den ewigen Wahr-! heiten zu überführen, die zur menschlichen Glückseligkeit unentbehrlich sind, und daß Gott ihnen solche auf eine übernatürliche Weise habe offenbaren müssen." Allerdings fühlt auch wohl unser Mendelssohn schon die Unzulänglichkeit dieser Ansicht. Sein Blick wendet sich auf „einen Epikur oder Lucrez, einen Helvetius oder Hume, welche das Unvollständige in dieser Vorstellungsart rügen," d. h. doch wohl welche Skeptiker auch über das Dasein Gottes sind; erklärt dies aber für „Ausschweifung und täuschendes Spiel mit dem Worte Natur," und meint, daß diesen gegenüber „die Vorsehung wiederum andere Männer im Volke erweckt, die Borurtheil von Wahrheit trennen". — Dies ist die Fundamentirung der Theorie Mendelssohn's auch für das Judenthum und wir müssen hierbei einige Augenblicke verweilen. — Sprechen wir es unumwunden aus, diese ganze Begründung seines Systems ist, besonders nach den Erscheinungen und Erwerbungen des seit dem Tode Mendelssohns verflossenen Jahrhunderts hinfällig; seine im zweiten Abschnitt entwickelten Ansichten, wie wir sie hier kurz dargestellt, sind einseitig, ja irrig. Die „nothwendigen ewigen Wahrheiten", welche durch die Vernunft vermittelst logischer Beweise begründet und die allen Menschen in der Schöpfung selbst leserlich und verständlich sind, sind als solche gar nicht vorhanden. Denn woher käme es sonst, daß dieselben zahllosen Menschengeschlechtern gefehlt habe», und noch fehlen? daß sie von den denkenden Geistern in der verschiedensten Weise aufgefaßt und in gegenseitig sich aufhebender und verneinender Art gestaltet worden? Logische Beweise werden für die entgegengesetztesten Meinungen geführt, weil sie eben nur Folgerungen aus Prämissen, aus Voraussetzungen sind, es also auf diese ankommt, welche logische Folgerungen aus ihnen gezogen werden. Irrig ist es, daß wir in nothwendiger Weise

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