Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-23 · Heft 13 (23.3.1886) · p. Seite 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 13 (23.3.1886)
Date
1886-03-23
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227623--43402-3263760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zogen zu errichten: damals gehörte Finnland noch zu Schweden Unter den bestimmten wohnungsberechtigten Orten war keine finnische Stadt. Später wurden die Gesetze über diese Materie nicht gegeben, und noch heute, bei der Vereinigung Finnlands mit Rußland gilt im Wesentlichen die schwedische Verfassung, so weit sie nicht durch spätere Bestimmungen ausdrücklich ausgehoben ist. Hiernach galten also die hier domicilirten Juden, nach der officiellen neuesten Zählung 619 Familien, für unberechtigt. — Bekanntlich wurde diese Angelegenheit im vorigen Jahre auf Anordnung des dirigirenden Senats zuerst dem Landtage Finnlands zur Entscheidung übergeben, der Meinungsdifferenzen halber jedoch wurde die Entscheidung aufgeschoben und darauf eine specielle „Prüfungssog. Petitionscommissiou" in dieser Angelegenheit eingesetzt. — Die oben berührte Bestimmung des Niederlassungsverbotes sei, so meint eben jetzt die Commission nach dem Gutachten, noch heutigen Tages der Rechtsboden für Finnland, da dieses Gesetz mehrere Male durch neue Verordnungen, deren letzte erst vom Jahre 1862 datirt, ausdrücklich anerkannt sei. So solle das „schwedische Judenreglement von 1782" aufrecht erhalten werden, und den Juden bis zur Aufhebung desselben der Aufenthalt in Finnland untersagt werden. Ausgenommen sind solche, die ihrer Dienstpflicht im hiergarnisonirenden russischen Heere genügt hatten, welche nach den Verordnungen von 1858 in Finnland Niederlassungsrecht besitzen. So steht die Angelegenheit heute und es bleibt abzuwarten, welche Stellung die hohe Regierung einnehmen wird, denn es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht. — Es ist zu bewundern, daß in Schweden seitdem die Gleichberechtigung aller Confessionen in absolut freiheitlichem Sinne längst anerkannt ist; in Finnland, das nun so lange nicht mehr schwedisch ist, will man — schwedischer als Schweden sein. — Jedenfalls zeigt Obiges wieder, wie dringend die staatliche Stellung der Juden in Finnland einer autoritativen Regelung bedarf. — Im „Hametitz" wird ein neues, sehr zeitgemäßes Vroject zur Verbesserung der prekären Lage der Juden in Rußland besprochen, nämlich: Fabriken zu errichten und die Fabrik-Arbeit unter den Juden zu verbreiten. Ackerbau dürfen die Juden in Rußland gemäß den modernen Maßregeln jetzt nicht mehr selbständig betreiben; der „Verein zur Verbreitung der Handwerke unter den Juden Rußlands" kann, im Verhältniß zur Anzahl der Dürftigen, kaum Nennenswerthes leisten, umsoweniger als die Bedeutung des Handwerkes in unserem Zeitalter von der Dampskraft so sehr geschmälert ist. Die so nützliche Idee, durch Fabrik-Arbeit einzugreisen, scheint eine glückliche. — Was kaum glaublich erschien, ist doch unbedingt wahr, — daß nämlich die Theilnahme ') Es war »och schwedisch bis zum Frieden von Fredricksholin Scpt. 1809). des wackeren Hofpredigers Stöckers und Consorten an den bevorstehenden Arbeiten der sogenannten „Pahlenschcn Judencommission" eine indirekte, aber vielleicht nichtsdestoweniger sehr wirksame ist. Denn wie ich einer sicheren, gut verbürgten Quelle entnehme, hat im vorigen Sommer das Ministerium des Innern einen seiner Beamten, einen offenkundigen Antisemiten von echtem Schrot und Korn, Herrn S—zen, nach Berlin abcommandirt, um an Ort und Stelle den „christlichen Socialismus" und die „antisemitische Hetzbewegung" zu studiren und die Resultate dieses seines „Studiums" dem bezeichneten Ministerium in einem Memorandum zu unterbreiten. Natürlich bei seiner Anwesenheit machte Stöcker Propaganda, und dieser S—zen soll sich eng an seine großen Gesinnungsgenossen, wie Stöcker, Treitschke und dergl., angeschlossen und von ihnen reichliche Belehrung und gründliche Anleitung in seinen Arbeiten erhalten haben. Diese Arbeiten über die „verfl. .. te Frage", wie S—zen sie benennt, sind jetzt zur großen Freude der Antisemiten von dem Ministerium mit einigen Bemerkungen der „Judencommission" zugestellt. M. Feinkind. Kiew, 27. Febr. Bon den wegen Rückführung einer getauften, der russischen Landeskirche angehörenden Jüdin zur mosaischen Religion angeklagten Juden und Jüdinnen verurtheilte das hiesige Bezirksgericht sieben Personen zu fünf- und zwei Personen zu dreijähriger schwerer Bergwerksarbeit. Eine weibliche Angeklagte wurde freigesprochen. (O, neunzehntes Jahrhundert!) Bonn, 14. März. (Notizen.) Aus Mosbach (Württemberg) schreibt man vom 27. Februar: Der Bezirksrabbiner für Mosbach, zugleich Verweser für Merchingen, Herr vr. Weill, verstarb heute abend 8 Uhr nach längerer Krankheit. Sein Hinscheidcn erregt allgemeine Theilnahme. — Wir haben bereits die feierliche Einweihung der neuen prächtigen Synagoge zu Kaiserslautern am 26. Febr. erwähnt. Dieselbe ging unter großer Theilnahme der ganzen städtischen Bevölkerung, welche viele Häuser beflaggt hatte, vor sich. Außer dem Regierungsvertreter, vielen Beamten und Honorationen wohnte auch die evangelische Geistlichkeit der Einweihung bei. Diese machte aber auch durch die ausgezeichnete Festrede des Bezirksrabbiners vr. Laudsberg, durch das Spiel auf der vortrefflichen Orgel, den gut eingeübten Synagogenchor und den schönen Vortrag des Cantors Herrn Feibelmann einen liefen Eindruck auf alle Anwesenden. So bietet nicht nur das Gebäude einen weihevollen Anblick, sondern auch der wohlgeordnete Gottesdienst die Hoffnung, daß sich in diesem Gotteshause viele Geschlechter erbauen und religiös läutern werden. — Bonn, 14. März. (Literarische Notizen.) Herr vr. G. Wolf hat in einem österr. Fachblatte eine Abhandlung veröffentlicht, „jüdische Aerzte in der vorjoseffnischen Zeit in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.