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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-23 · Heft 13 (23.3.1886) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 13 (23.3.1886)
Date
1886-03-23
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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begegneten, und es dauerte Jahrhunderte, bis die Christen den Beweis zu liefern in der Lage waren, daß diese Anschuldigungen auf nichts beruhten. Im Mittelalter wurde ganz dieselbe Anklage, welche von den Römern gegen die Christen erhoben worden war, gegen die Juden erhoben, die Anklage wegen des rituellen Mordes. Wer hätte nun geglaubt, daß heute, im neunzehnten Jahrhundert, dieses Ammenmärchen abermals nicht nur aufgewärmt würde, sondern daß man sich die Mühe nehmen werde, einen großen, scheinbar gelehrten Apparat in Bewegung zu setzen, um dieses Märchen auf eine scheinbar wissenschaftliche Autorität zu stützen. Welcher Fälschungen aber man sich dabei schuldig gemacht hat, welche Verlogenheit dabei im Spiele war, mit welcher Frechheit man die Lüge mit dem Mantel der Wahrheit drapirte, das beweist das Buch unseres verehrten Kollegen Josef Kopp (lebhafter Beifall; höhnisches Gelächter auf der Antisemitenbank), für welches die moderne Kultur und Bildung ihm zu lebhaften Danke verpflichtet ist. Abgeordneter Ritter v. Schönerer ruft: „Wo ist denn die Leiche der Esther Solymossy?" (Schallende Heiterkeit im ganzen Hause.) Abgeordneter Bloch ruft Schönerer erregt zu: Suchen Sie sie in Ihrem Hause! (Welche Einwohnerschaft das Haus Schönerers beherbergt, ist aus einer gerichtlichen Verhandlung bekannt.) Abgeordneter Schönerer schreit: „Die Juden sollen sich selbst vertheidigen und nicht immer die Christen die Juden!" (Applaus auf der Galerie.) Abgeordneter Haase fährt fort: Das gebe ich dem Abg. Türk zu, daß der Antisemitismus nicht ausschließlich auf religiöser Intoleranz beruht. Der Antisemitismus bedeutet nicht bloß die religiöse Intoleranz, sondern auch einen Rassenkampf; er ist der unter der Ausrufung der niedrigsten Leidenschaften geführte Kampf gegen einen Theil der Bevölkerung. Der Antisemitismus ist die Verleugnung der Cultur und Civilisation unserer Zeit; er ist die Verleugnung der allgemeinen Menschenliebe, der Sittlichkeit und Christenliebe. (Beifall links. Auf der Antisemiten-Bank wird fortwährend gehöhnt.) Haase erklärt, sich von den Schönerer'schen Zwischenrufen nicht irre machen zu lassen. „Ich will nur", fährt Redner fort, „meinen Gefühlen Ausdruck geben, welche mich so oft persönlich berührt haben, und bei gewissen Scenen, welche sich selbst in diesem Hanse abgespielt haben. (Beifall links.) Wir sind in unserer Jugend in den Traditionen der allgemeinen Menschenliebe ausgewachsen, man hat uns gelehrt die Achtung für die Mitmenschen aller Nationen und aller Confessionen. (Abg. Prior Posselt, der Nestor der Verfassungspartci und gewesener Alterspräsident des Hauses, stimmt bewegt den Ausführungen Haase's zu.) Das ist uns in unserer Jugend gesagt worden. Wir haben mit Stolz die Glaubens- und Gewissensfreiheit auf unsere Fahne geschrieben, wir haben uns mit Freuden der allgemeinen Menschenliebe hingegeben, und nun kommt der — Antisemitismus, die allgemeine Menschenliebe gilt ihm nichts, die Glaubens- und Gewissensfreiheit gilt ihm nichts; die Gleichheit der Staatsbürger vor den Gesetzen gilt ihm nichts, er verzichtet lieber auf die ganzen Staatsgrundgesetze, ihm ist es lieber, wenn er auf die Juden schimpfen, die Juden hassen und verfolgen kann. (Sehr gut! links.) In immer weiteren Kreisen macht sich der Antisemitismus geltend; in Büchern wird aufgehetzt, bei Juden nicht zu kaufen, mit Juden nicht zu verkehren, sie aus der Gesellschaft auszuschließen. Was an dem Antisemitismus zu beklagen ist, ist aber nicht nur die Sache, sondern die Methode. Diese besteht darin, Fehler, welche man an einem einzelnen Individuum wahrnimmt, auf die Allgemeinheit zu übertragen und gute Eigenschaften, deren sich die Allgemeinheit erfreut, auch an dem Einzelnen nicht mehr zu erkennen und nicht zu würdigen. Ich werde die Fehler der Juden nicht entschuldigen, denn das ist ja zuzugeben, daß sie Fehler haben, wie jede andere Religionsgesellschaft sie auch hat; aber andererseits gehört kein großer Scharfsinn und keine besondere historische Kenntniß dazu, einzusehen, daß ihre Fehler ganz andere sind, wo sie in der Unkultur stehen und verfolgt werden, als dort, wo ihnen das bürgerliche Leben, alle Gewerbe, Handel und Industrie offen stehen. Wenn der galizische kleine Handelsjude, der alltäglich mit Füßen getreten wird, eine arme feige Seele ist, so ist das wahrscheinlich kein Wunder. Wenn wir nach Frankreich sehen, so finden wir, wie der Armee mehrere Hundert Officiere angehören, welche Juden sind, darunter fünf Generale. Schon Mirabeau hat im vorigen Jahrhundert es ausgesprochen, daß, wenn man die Juden zu besseren Menschen und nützlichen Bürgern machen wolle, man alle erniedrigenden Scheidungen beseitigen und ihnen alle Wege der Subsistenz öffnen müsse. (Lueger: Zur Sache! Dae gehört nicht zur Börsensteuer!) Ich werde mir nur noch erlauben, Sie daran zu erinnern, in welcher Weise Kaiser Josef U. sich den Juden gegenüberstellte, wie er die schweren Bedrückungen derselben beseitigte und wie ein Erlaß nach dem andern zu diesem Zwecke erschien. Präsident: Ich muß darauf bestehen, daß der Herr Abgeordnete zur Sache spreche. Haase (fortfahrend): Ich schließe, indem ich noch Fol gendes sage: Ich wünsche, daß sich die gesunden Elemente aller Nationen und Konfessionen die Hand biete» möchten zur Unterdrückung der antisemitischen Allüren, damit durch das Eindämmcn derselben nicht die Geister verwirrt, nicht die Herzen und Gemüther verroht werden und damit man sich

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