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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-23 · Heft 13 (23.3.1886) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 13 (23.3.1886)
Date
1886-03-23
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 Verwerfung des Todesurtheils als Begründung beigegeben hatte. Daß aber Herr Prof. Rohling in einer Eingabe an das Lemberger Oberlandesgericht blindlings seine feste Ueberzeugung von der Vollbringung des rituellen Mordes ausgesprochen hatte, das kam zu den Proceßakten und wurde den Krakauer Geschwornen eingeschärft." — In welchem Lichte erscheinen uns da die galizischen Polen, ihre Intoleranz, ihre Feindschaft gegen Alles, was nicht polnisch ist! Ihnen ist nicht das Heiligthum der Justiz und nicht das Heiligthum ihrer Kirche heilig! Alles muß ihrer Jntrigue, ihrer Gehässigkeit dienen — die Anklage des Staatsanwalts, das Amt des Untersuchungsrichters, das Verdikt der Geschworenen ein-, zwei-, dreimal! — Der Hirtenbrief des Bischofs, die Kanzel, die Tribüne des Landtages... Wie soll da das Volk gedeihen, wenn seine politischen und kirchlichen Führer eine solche Rolle spielen!... Es ist ein trauriger Anblick, ein tief betrübendes Schauspiel!') Gegen die Antisemiten im österreichischen Äbgeordnetenhause. Der Antisemit Türk hatte einen Antrag auf eine Börsensteuer im Abgeordnetenhause des cisleithanischen Reichsrathes eingebracht und bei dieser Gelegenheit gegen die Juden eine Hetzrede gehalten. Ihm antwortete — nicht ein jüdischer Abgeordneter, bei Leibe nicht!!! sondern — der evangelische *) Die Magdeb. Zlg." fügt ihrem Berichte Folgendes hinzu: „Zwei wichtige Lehren aber mögen die maßgebenden Körperschaften Oesterreichs aus dem Verlause dieses Processes ziehen. Die erste ist die, daß der verstorbene Justizminister G läser nur zu sehr im Rechte war, als er bei Einführung der Geschworenengerichte das 2and Galizien als ein culturell zurückgebliebenes ausgeschlossen wissen wollte. Die Polen erhoben damals dagegen Einsprache und setzten es bei Negierung und Parlament durch, daß das Jurygesetz auch aus Galizien ausgedehnt wurde. Nichtsdestoweniger haben sie während eines Zeitraumes von 15 Jahren nicht das Geringste gethan, um ihre Landsleute für den edlen, aber auch verantwortlichen Beruf der Selbstgerichtsbarkeit zu erziehen. Der Proceß Ritter hat zu ihrer Beschämung dargethan, daß selbst die höchste juristische Autorität zweimal vergebens bemüht war, galizische Geschworene von der Haltlosigkeit mittelalterlicher, aus antisemitischen Vorurtheilen lernhender Beweisgründe zu überzeugen. Die zweite Lehre mögen unsere gesetzgebenden Körperschaften aus dem peinlichen Rechtsfall ziehen. Mojes und Gitel Ritter sind zwar frei, als schuldlos angeklagt, der menschlichen Gesellschaft wiedergegeben; wer aber entschädigt sie für ihre gewaltsam gestörte oder zerstörte Existenz, für die erduldeten körperlichen und Seelenqualen, da sie dreimal den Stab über ihr Leben gebrochen sehen und durch vier Jahre täglich dem Tode durch Henkershand angsterfüllt ins Antlitz blicken mußten? Der Abg ordnete Jaques hat sicherlich mit Rücksicht auf die jüngste Entscheidung des Cassationshofes seinen bereits im Vorjahre eingebrachten Antrag auf Entschädigung Unschuldig Berurtheilter in der gestrigen Plenarsitzung erneuert. Möge der Fall Ritter einen wirksamen Hebel zur schleunigen und günstigen Erledigung dieses Antrages bilden und so der Staat die tragische Schuld eines unentwickelten Theiles seiner Bevölkerung wenigstens theilweise sühnen." Superintendent I>r. Theodor Haase in der Sitzung vom 5. März. Abgeordneter Dr. Theodor Haase vermißt in dem Anträge Türk's jede nähere Ausführung. Der Antrag Türk's enthält blos eine Aufforderung an die Regierung, ein Börsensteuer-Gesetz vorzulegen, und zur Berathung dieses Antrages soll ein vierundzwanziggliedriqer Ausschuß eingesetzt werden? Was wird denn dieser Ausschuß dann beantragen? Wieder: Die Regierung wird aufgefordert u. s. w. Ich bin kein Fachmann — sagt Redner —, war nie auf der Börse, habe nie mit Effekten gehandelt, nie Zeitgeschäfte gemacht und bin nie in die Koutremine gegangen (Heiterkeit), aber so viel weiß ich, daß man nicht als Motiv für die Börsensteuer anführen sollte, daß an der Börse neun ZehntelJuden sind. Das muß doch gleichgiltig sein, ob ein Zehntel oder neunZehntel derBörsem besucher Juden sind. Oder ist das vielleicht ein Motiv für die Börsensteuer, daß sich im Börsengebäude ein Orientalisches Museum befindet, oder daß, wenn man die Börse betritt, Einem ein solcher Lärm entgegentöut, daß man sich fürchten müsse? (Abg. Fiegl: Zur Sache!) Ich selbst bin einverstanden mit der Börsensteuer, denn die Forderung nach derselben tritt immer lauter zu Tage und die Bolsvertretung darf sich solchen Forderungen nicht verschließen; aber ich verhehle mir andererseits nicht, daß man oft den Wunsch nach Besteuerung der Börse aussprechen hört, nicht nur mit antisemitischen, sondern auch mit sozialistischen Allüren. Man sagt einfach: Auf der Börse macht man Geschäfte nach Millionen, dort ist Geld, dort muß man es holen. (Abgeordneter Lueger: Sehr richtig!) Dieser Standpunkt müßte in letzter Konsequenz zur Expropriirung nicht bloß der Börsianer, sondern der ganzen besitzenden Klaffe führen. (Gelächter auf der Antisemitenbank.) Am Börsenschwindel sind nicht nur die Verführer schuld und die öffentlichen Organe, welche den Akt derBerführung mit angesehen haben, sondern auch die Bornirtheit des Publikums, Derjenigen, welche sich haben verführen lassen. Die Leute sollten nicht in erster Linie auf die Juden schimpfen, sondern ihren Verstand schärfen, damit sie nicht jedem Gimpel auf den Leim gehen.' Hiermit, sagt Redner, komme ich auf die Frage des Antisemitismus zu sprechen. Der Abgeordnete Türk erklärte, daß demselben religiöse Intoleranz nicht zu Grunde liege. Ich greife ihn auch nicht persönlich an, aber die Parteirichtung, der er angehörte, ist durch und durch von religiöser Intoleranz erfüllt. (Abgeordneter Schönerer ruft: Er versteht die Judenfrage gar nicht!) Nach dem Zeugnisse eines Kirchenschriststellers aus dem dritten Jahrhundert wurden die Christen damals von den Heiden beschuldigt, daß sie bei ihrer Zusammenkunft Kinder ermordeten, allerlei Unzucht trieben, daß blutige Grausamkeit und Wollust Attribute des christlichen Gottesdienstes seien. Dadurch wurden die Heiden gegen | die Christen aufgehetzt, welche allgemein dem öffentlichen Haß

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