Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1886)
- Date
- 1886-03-16
- Page
- Seite 190 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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190 triebe in den Wettstreit für Wahrheit und Wissenschaft ein. Die Pflicht des Unterrichts in den Religions- und Gesetzbüchern entfloß als Gebot aus eben diesen Büchern; die Erweiterung des geistigen Gesichtskreises in den sogenannten profanen Dingen wurzelte in einem eigenartig kräftigen Zuge »ach Stillung der Wißbegierde und boten diesem Antriebe eben jene Gesetzesbücher reichlich Nahrung, da sie mit ihren Fragen, Antworten und Entscheidungen das praktische Leben nach allen Richtungen hin durchäderten. — Alles dies weiß Jeder, der einen Blick in die Geschichte der Juden gethan hat, ein Weiteres dürfte, zumal an diesem Platze, überflüssig sein. Nur soll Niemand in Abrede stellen, daß Israel als Lern- und Schulvolk zu den Werbern um die holde Braut, Schule genannt, zählt, und also auch folgerichtig, wenn der Freier nicht ungalant sein will, dem Lehrer, wenn auch kein Rosenbett, das ja auch leicht betäuben könnte, so doch eine Lanze ohne „Hangen und Bangen, in schwebender Pein" bereiten sollte. — Mögen die wallenden Nebel sich über Romantik und Mittelalter gespensterhaft hinziehen und die Beinhäuser und Schädelstätten sammt Ketzergerichten, Hexenprocessen verhüllen und verschleiern das Würfelspiel, welches einzelne bevorzugte Klassen oder gepanzerte Gewalthaber mit der großen Masse, dem Volke, getrieben; die Lüftung der dunkeln Decke bleibe die wenig erfrischende und noch weniger erfreuende Beschaff tigung des forschenden Historikers. — Die grauen Nebel haben lauge, lange, drückend die Völker umnachtet; von Zeit zu Zeit, bald hier, bald da, schienen sie sich zu Gewitterwolken zusammenzuballen, aus denen matte Blitze zuckten. Am Ende des vorigen Jahrhunderts brach der weltgeschichtliche Gewittersturm los. In blutigroten Zeichen wurde das Donnerwort Menschenrechte im fernen Westen vernommen und es hallte wieder von Ufer zu Ufer des Oceans herüber. Zuin Verständnisse des Macht- und Mahnwortes hatten Druck und Jammer angefacht; da hatten feurige Geister keck vorbereitet, hier Dichter und Denker die Menschenwürde zum Bewußtsein gerufen. Der luftreinigende Sturm brauste mächtig, einem Jünglinge gleich, der mit übersprudelnder Kraft zugleich mit dem morschen Gezweige auch manchen gesunden Ast brach. Und der Jüngling war freigebig; er lud alle gleichberechtigt zum Genüsse der Anerkennung des Menschenwerthes. Warum sollte Israel dem Zuge nicht folgen? Ging doch aus seiner Mitte ein Denker und Dichter hervor, der so bescheiden, wie groß, sich würdig des Mitkampfes um die geistigen Güter erwies und seinem Volke den Weg zur Cultur durch Pflege der ererbten Lehre, wie durch Betheiligung an der Förderung der allen Menschen gemeinsamen Geistesschätze vorzeichnete. Zwar folgen oft auf die befruchtenden Frühlingsgewitter noch manche zurückdrängende Nachtfröste und es werden bisweilen Rückläufe zu alterthümlicher Sonderung der Menschen in Kasten versucht, auf daß nach Gefallen das, was wie Wasser und Luft gemeinsam ist, an berechtigte Klassen vertheilt werden soll: Die Geschichte aber geht ihren Gang und ein Rückschlag dient dann nicht selten zu neuer Kraftsammlnng. „Und dräut der Winter noch so sehr, Es muß doch Frühling werden." * * * Steigen wir besser ans der orientirenden loeltgeschichtlichen Höhe in die Niederungen der trauten Erde und pochen an die Thürm der Schule, aus der ja geplaudert werden soll! Geduld, lieber Leser! noch einen Augenblick! Ist der Wagen vorsichtig geschmiert, dann geht's noch einmal so glatt und unter Geplauder und Lächeln die Landstraße hin; die Pferde sind schnell angeschirrt, ein Peitschenknall — und fort gehts lustig zur — Schule. Also zum Einschirren und Knallen noch einen Moment! — Was vor dem Gewittersturme auf den Höhen sich in den Schulen begeben, ist kaum der Rede werth; denn es gab einfach keine Schulen in dem heutigen Sinne der Volksschule, welche alle Kinder des Volkes aufzunehmen und in den Fundamenten des gemeinnützigen Wissens zu unterrichten berufen und staatlich verpflichtet gewesen wäre. Was Schule genannt wurde, stand unter dem Regiment der Kirche und diente in erster Linie deren Zwecken. — Und wenn auch in einzelnen Ländern oder Ländchen ein Mehres vorgeschrieben und verschrieben war, so wollte das nicht viel sagen, selbst auch dann noch nicht, als man abgcdaukte Soldaten, verpfuschte Schneider, Schuster und Gemeindehirten (in deren Hutlosen Zeit) nach einem Examen in den Anfangsgründen im Lesen und Rechnen mit der Schulruthe betraute. Nach dem Sturme erst wurde durch den Zusammenfluß verschiedener Umstände und durch das Drängen edler Menschen und Jugendfreunde, und als diese hochherzig und begeistert für vernünftige und naturgemäße Jugendbildung in Wort und mit ihrem praktischen Wirken eintraten, erst da wurden Volksschulen für die Gcsammtheit eingerichtet und zu deren Besuch alle Landeskinder verpflichtet. Dazu sollten auch die Juden gehören, und diese durften und wollten nicht Zurückbleiben. Wurden zwar keine israelitischen Jünglinge, wenn solche sich als Lehrer für die allgemeinen Schulen vorgebildet, zur Mitwirkung an diesen zugelassen, so war doch die Möglichkeit gegeben, daß sie unter Nachweis der Befähigung an Schulen in den jüdischen Gemeinden der Forderung an den Jugendunterricht genügen — durften. Die erste, vom Staate anerkannte, öffentliche, jüdische Elementarschule war wohl die von dem edlen Jacobsohn (Israel), demConsistorial-Präsidenten 1809 zu Cassel ins Leben gerufene Elementarschule, mit der viel