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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-16 · Heft 12 (16.3.1886) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 12 (16.3.1886)
Date
1886-03-16
Page
Seite 189 (sequence 13)
Language
German
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189 Jeuiltelon. Wir plaudern aus der Schule, in Scher; und Ernst. Von Mauert. Vorbemerkung: Der geneigte Leser wolle unseren Titel nicht als etwas Nagelneues betrachten, denn er ist, wie Alles, vor einer anständigen Reihe von Jahren „schon einmal dagewesen", und was er brachte, sollte sich nicht in gelehrtem Stile auf Stelzen zeigen. Ebenso wenig führte er sich in pädagogischen Blättern ein; in einem politischen Blatte nahm die Firma bescheiden Platz unter dem Striche, da, wo die Tages-Geschichten- und Berichte nicht mehr die Neugierde reizen, wurden allgemeine Schul- und Bildungsverhältnisse wie in einem Plauderstübchen zum Besten gegeben, und zwar so, daß es im Leserkreise Aufmerksamkeit erregte und von sich reden machte. Die Frage, ob dergleichen, nämlich die Schul- und Bildungsverhältnissc unter den Juden, im engeren Kreise der Rede und Beachtung werth sei, und ob ein praktischer Beitrag zur Beantwortung dieser Frage sich für ein Blatt eigne, welches, wie kein zweites, die allgemeinen Interessen des Judenthums vertritt, so vertritt, wie die „Allgem. Zeitg. des Judenth." es thut, diese Fragen, sollte man meinen, könnten getrost mit einem fett- oder gesperrt gedruckten „Ja" beantwortet werden. Tie Beantwortung der letzten Frage ist selbstredend dem zuständigen Richterstuhl anheimgestellt, nämlich die gereifte Einsicht der Redaktion eben dieses Blattes die das Bestimmungsrecht hat. Auf ein vernehmliches „Ja" von dieser druckkundigen und maßgebenden Seite möge dann obige Firma ihre Schaufenster wieder öffnen und ihre bunten Artikel vor das Licht bringen. * „Without education 110 people nor Community can hope to enjoy prosperity and permanent happiness, for intelligence is tlie foundation of good government and a healthy condition of society,“ so läßt sich der Sacramento Daily-Beeord-Union in seinen Einleitungssätzen zu dem Schulberichte über die Bildungsanstalten in Californien (l. Jan. 1886) vernehmen. Dieser Lockton auf der Schmeichelschalmei der Werber um die Schule stimmt ein in die unendlich vielen Preisaccorde, wie wir sie zu hören und zu lesen bekommen, als da sind: „Wer die Schule hat, dem gehört die Zukunft" — „die Schulmeister haben anno 1866 und später die Schlachten geschlagen", — „man kann die Cultur eines Volkes darnach beurteilen, wie es seine Schullehrer achtet und stellt" u. s. w. Solche schöne Liebeslieder lassen die Schule als eine viel umworbene Braut erscheinen, der eine Warnung vor Eitelkeit und Einbildung nicht überflüssig wäre. Freier strecken von allen Seiten die Hände nach ihr, so daß sie von ihren Werbern: Staat, Kirche, Geistliche, Gemeinden, Industrielle rc. vor lauter Liebe schier erdrückt wird. Wer könnte unter solchem Liebesdrang daran zweifeln, daß der Schulmeister auf Rosen gebettet sei, — wenn aber in dem Eifer des Rosenpflückens die Verehrer vergaßen, oder vergessen, in Ruhe vorsichtig die Dornen zu entfernen, so muß der heilige Eifer entschädigen und den Lehrer das Stechen der Dornen nicht schmerzen, vielmehr muß er es als Würze seines Amtes mit Freuden hinnehmen. — Wenn die An- und Aussprüche des Alters nach Gesetz und Recht der Würdigung werth sind, dann muß es um die jüdischen Lehrer und Schulen wohlbestellt sein, und unsere Schulmeister haben einen weiten Vorsprung auf dem Blumenwege zum Paradiese vor ihren anderen College« voraus. Denn die Juden sind das eigentliche Lern- und Schulvolk von Alters her. In ihrer heiligen Urkunde wird der Jugendunterricht zum Hauptgebote erhoben, und diesem Gebote lag es eifrig auch dann noch ob, als es aus seinem Erb- und Vaterlande vertrieben war, denn ein Weiser hatte die Weisung gegeben, daß die Erhaltung der Lehre durch die Einrichtung und Pflege der Kinderschulen als Ersatz für den Verlust des National-Heiligthumes, des Tempels anzusehen sei. Und in der Thal, Israel wandert« mit den Büchern in der Hand lernend durch Länder, Zeiten und Völker; Kinder, Jünglinge, Männer und Greise führten ihre Lernbücher sorglich mit sich. Ueber das Lernen vergaßen sie der lärmenden Vorgänge um sich. Während die Recken des Mittelalters auf Abenteuer ausgingen und sich um ihre wirkliche oder erträumte Geliebte in Eisenschienen steckten, Lanzen brachen und tüchtig tranken, oder auf offener Straße heldenmüthig dem Kaufmanne Erleichterung von seinem sauer erworbenen Gute verschafften, Bauern knebelten oder Städte niederbrannten, saßen die Juden wie weltvergessen in ihren engen Stübchen und guckten in ihre Bücher. Wie konnten sie auch anders? Ging ihnen doch jeder Geschmack an Romantik ab; an dem patriotischen Liebes- und Lanzendienste der edlen Raubritter auf den Felsennestern, deren Wappen in Stein Löwen, Adler, Bären und dergleichen furchteinflößendes Gethier zeigte. — Dagegen erzeugte die Lernlust in Israel manchen Ritter des Geistes und des Gedankens. Diese Ritter des Geistes haben aber nicht bloß in die Bücher ihrer Nationalbibliothek geschaut, sie haben auch die Kinder des Geistes anderer Nationen in den Kreis ihres Studiums gezogen und sind den Spuren der Wahrheit und des Wissens nachgegangen, woher diese auch kommen mochten. Wo sie auf ihrem dunkeln Gange auf Lichtpunkte stießen und dazu frei aufathmen durften, da traten sie aus innerem An-

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