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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-16 · Heft 12 (16.3.1886) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 12 (16.3.1886)
Date
1886-03-16
Page
Seite 183 (sequence 7)
Language
German
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183 Hirchfeld derjenige, welcher nach reiflicher und eingehender Prüfung dem Ministerium als die durchaus geeignetste Persönlichkeit zu Besetzung dieses Lehrstuhls erschien. — Abg. Bebel war mit dieser Auskunft nicht zufrieden, da man hier nur eine im Kreise sich bewegende Entschuldigung sehen könne. Der Minister schütze die Fakultät vor und diese den Minister, der ja an ihre Vorschläge garnicht gebunden sei. Nun, daß Juden, und wären sie die größten und verdienstvollsten Gelehrten, an der kön. Universität zu Leipzig keine Anstellung als ordentliche Professoren finden, ist längst kein Geheimniß. Der vorliegende Fall zeigt nur, daß die neueste Zeit keine Veränderung hierin gebracht hat. Karlsruhe, 26. Februar. Vom Ministerium wurde die Erlaubniß zur Anordnung einer allgemeinen Sammlung unter den Israeliten des Landes ertheilt. Der Ertrag ist bestimmt zur Beseitigung des sogenannten Wandertisches der Lehramtsbeflissenen, sowie für die Besserstellung der Hinterbliebenen der israelitischen Religionslehrer und Vorsänger. Königsberg i. Pr., 5. März. Ueber „russische Repressalien" berichtet die „Königsb. Allg. Ztg."-. Die Ausweisungen russischer Juden aus Preußen sind jetzt von Seiten Rußlands damit beantwortet, daß die strengste Anweisung an die russischen Consulate ergangen ist, eine alte, längst vergessene und unbeachtet gebliebene Bestimmung fortan zur Ausführung zu bringen, wonach die Pässe deutscher Juden nicht visirt werden dürfen, wenn nicht von Petersburg aus vom Minister des Innern die specielle Genehmigung dazu ertheilt worden, das heißt also, daß deutsche Juden hinfort nicht nach Rußland hinein dürfen. Ausgenommen hiervon sind nur die Directoren erster Banken und die Chefs erster Bankhäuser, welche sich wegen Finanzoperationen nach Petersburg begeben. Das ist ins Moderne übersetzt das mittelalterliche „Haust Du meinen Juden, hau" ich Deinen Juden", und das passirt Ende des 19. Jahrhunderts! Posen, im März. (Privatmitth.) Hier ist folgendes Circular verbreitet worden: „Es hat sich hier ein größeres Comito von Gemeindemitgliedern gebildet zu dem Zwecke, für jüdische junge Leute als Lehrlinge oder Gehilfen bei Kaufleuten und Handwerkern solche Stellungen zu ermitteln, in welchen dieselben an Sabbat und jüdischen Festtagen von jeder Arbeit frei sein können. Stellungsuchende wollen sich mit ihren Zeugnissen und eigenhändig geschriebenen Meldungen an Herrn Rabbiner Dr. Feilchenfeld, oder einen der Unterzeichneten wenden ff." Viersen, 5. Oärz. (Privatmitth.) Daß auch ein fortgesetztes Bestreben nicht immer zum Ziele führt, erfährt die Petition des Herrn Jakob Horuemann von hier gegen das Statut der hiesigen städtischen Schule, nach welchem das Curatorium aus einer bestimmten Zahl Katholiken und Protestanten bestehen muß, so daß Juden ausgeschlossen sind. In der Sitzung vom 2. März ging das Abgeordnetenhaus auf den Antrag der Petitionscommission debattelos über jene Petition zur Tagesordnung über. Für das Princip der Gleichstellung, wie die Verfassung es ausspricht, hat man gegenwärtig, sobald es sich unu,.weniger grobe Verletzung desselben handelt, kein Gefühl mehr. Bezeichnend ist es, daß vor 6 Jahren Berichterstatter über diese Petition der Kreuzzeitungsredacteur v. Hammerstein, vor 3 Jahren der ultramontane Abg. Jmwalle und diesmal der Abg. Simon v. Zastrow war — damit ist genug gesagt. Oesterreich-Ungarn. Wien, 27. Februar. Abermals ein Antisemit gerichtet, einer der Helden vom Dresdner Antisemiten-Congreß! Man schreibt der „Voss. Ztg." von hier: Der gestrige „Polizei- Anz." brachte die Aufforderung, Karl v. Zerboni, gerichtlich verfolgt wegen Veruntreuung von 100 Gulden, auszuforschen. Zerboni hat den Ruhm, in mehr als einer traurigen Angelegenheit die öffentliche Beachtung auf sich gelenkt zu haben. Zu Beginn der Sechziger Jahre war er Offfcier, wurde jedoch wegen verschiedener schmutziger Dinge zum Austritt aus den Reihen der Armee gezwungen. Als „Civilift" begann er sodann eine Thätigkeit zu entwickeln, die ihn wiederholt mit dem Strafgesetz in Collision brachte; sein Meisterstück war eine Erpressung an einem Eisenbahnunternehmen, wegen deren er zu sechs Monaten schweren Kerkers verurtheilt wurde, welche Strafe er im hiesigen Landesgerichte abbüßte. Dies hinderte nicht, daß er, aus dem Kerker entlassen, sich wieder öffentlich hören und sehen ließ; er machte in Politik, wagte sich in Vereins- und Volksversammlungen auf die Tribüne und hielt Reden, die mit stürmischem Beifall belohnt wurden — Zerboni war Antisemit geworden, und diese Flagge deckte seine Vergangenheit. Zerboni wurde einer der Mitbegründer des Reformvereines und um sein „politisches Programm" nicht nur in Wort, sondern auch in Schrift zu fördern, gründete er den „Volksfreund", ein antisemitisches, wöchentlich erscheinendes Blatt und eine Zeit darauf ein zweites, denselben Tendenzen gewidmetes Journal, nämlich den „Gradaus!", Organ der antisemitischen Partei in Oesterreich. Indessen ging es mit Zerboni und seinem „Gradaus" — geradeaus ins Elend. Es kam zu Mißhelligkeiten; war es seine Schuld, oder die Schuld der Zeit, genug, der Antisemitismus als Geschäft rentirte sich nicht so gut, als wie eres gehofft haben mochte, und er konnte aus den finanziellen Nöthen nicht heraus. In der letzten Zeit endlich wuchsen ihm die Schulden dermaßen über den Kopf, daß er es vor-

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