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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-16 · Heft 12 (16.3.1886) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 12 (16.3.1886)
Date
1886-03-16
Page
Seite 184 (sequence 8)
Language
German
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184 zog, eine Luftveränderung vorzunehmen, und der Stadt Wien sang- und klanglos den Rücken zu kehren. Wien, 27. Februar (Privatmitth.) Ein Vorfall vor dem Kreisgerichte in Znaim ist für unsre Zustände sehr bezeichnend. Dort hatte ein jüdischer Pferdehändler, Namens Herzog, einen Bauern verklagt, daß dieser ihm bei einem Wortwechsel gelegentlich eines Pferdehandels durch einen Stoß zwei Rippen brach. Der Bauer wurde zu vier Monaten Gefängniß und Ersatz der Kosten verurtheilt. Es gelang ihm jedoch, die nochmalige Aufnahme des Verfahrens durchzusetzen und diesmal wurde der frühere Kläger und ein Belastungszeuge, gleichfalls ein Jude, wegen falschen Zeugnisses und Meineides der eine zu drei, der andere zu vier Jahren Kerker verurtheilt. Dem Bauer wurde eine Entschädigung von mehr als vier tausend Gulden zugesprochen, darunter tausend Gulden für die Angst vor der bevorstehenden Freiheitsstrafe. Alle Aerzte hatten znr kritischen Zeit die Rippenbrüche bei Herzog als frische eonstatirt, nur die medieinische Facultät hatte, ohne Herzog in Augenschein zu nehmen, ihn als einen Simulanten und die Rippenbrüche als alte erklärt. Von besanderem Interesse ist, daß der Herr Präsident bei der Verhandlung mit Vorliebe jüdelte. Unter anderem fragte er Herzog: „Was haben Sie gesagt, als Sie den Stoß erhielten? Nicht wahr Auweih geschrieen." Wenn die Juden dieses Äreisgerichtssprengels gelegentlich eines Rechtsfalles sich der Unparteilichkeit ihres Präsidenten unbewußt wären, wer wollte ihnen einen unbewußten Naturlant verargen?1) Wien, 2. März. Von Ungarn ist der Antisemitismus nach Cisleithanien ausgewandert und hat sich hier vorzugsweise bei den Deutschen einquartirt. Die Polen und die Czechen haben einen modus vivendi mit den Juden getroffen, so weit diese Nationalitäten mit anders seienden sich zu vertragen vermögen. Unter den Deutschen aber glaubt eine ziemlich starke Partei noch nicht Kampfobjecte genug zu haben und fällt noch mit Eifer über die Juden her, um sich auch diese abspenstig zu machen. Im österreichischen Abgeordnetenhause handelt es sich um den Antrag auf Herabsetzung der Grundsteuer. Diese benutzten die (deutschen) Antisemiten gegen die (deutsche) Linke aufzutreten und einen Antrag auf Einführung der Börsensteuer zu begründen, wobei sie gegen die Juden und das Großcapital loszogen. Die Debatte wird am 5. fortgesetzt. Wien, 7. März. (Privatmitth.) Das österreichische Abgeordnetenhaus hat jetzt neben dem ungarischen das Vorrecht, daß in ihm die antisemitische Hetzerei zum ungescheuten Ausdruck kommt, hoffentlich mit demselben Mangel an Erfolg wie dort. Bei dem jetzt stattfindenden Wettlauf der Finanz- *) Der Vorfall hat, wie wir bereits berichteten, viel Aufsehen gemacht, und ist auch bereits im Abgeordnetenhause zur Sprache ge-, kommen. Red. minister nach Steuerobjecten ist es nicht zu verwundern, daß auch die Börsensteuer ein beliebtes Project geworden ist. Kein Unbefangener wird, wenn einmal jedes Gewerbe und jeder Besitz mit Steuern belegt wird, die Berechtigung zur Börsensteuer ableugnen. Jndeß waltet gewöhnlich eine sehr überschwängliche Meinung von den Erträgnissen einer solchen ob, wovon man sich jüngst im deutschen Reich überzeugt hat, wo die neue Börsensteuer weit hinter der Erwartung ein* gebracht hat. Es liegt darin auch ein Beweis, wie übertrieben die Meinung von dem Besitz- und Gewinnstande der Börse ist. Wie dem auch sei, der antisemitische Abg. Türk hat im Abgeordnetenhause eine Börsensteuer beantragt und I benutzte diese Gelegenheit, gegen das Großkapital und die Juden in heftigster Weise loszuziehen, worin ihn dann sein! Genosse Pattai wacker unterstützte. Geantwortet hat man! ihnen wenig, was im Grunde das Beste ist, da sie dann j nicht ihr großes Manl noch einmal anfreißen können. (Dem jift doch nicht so, siehe nächste Nr. Red.) Der Antrag wurde an eine Commission verwiesen.; Brünn, 18. Februar. (Privatmitth.) Eine aus Brünn j datirte Correspondenz in Nr. 3 konnte man als von mir! stammend ansehen. Gestatten Sie mir daher die Bemerkung,! daß dieselbe nicht von mir herrührt, zumal sie eine Thatsache! erzählt, die ich für unrichtig halte. Es wird dort nämlich behauptet, die „Kritik und Reform" sei aus Mangel an Abonnenten eingegangen; wenn dieselbe nun auch schwerlich Ueberfluß an Lesern gehabt haben dürfte, so scheint der wahre Grund ihres Eingehens nicht darin gelegen zu sein, da ja bei dem Umstande, daß der CheffRedakteur zugleich als Administrator und Setzer fungirte und daß das Redaktionsbureau zugleich Empfangssalon und Schlafzimmer des Redakteurs war, das Blatt wenig brauchte, um zu existiren. Des allgemeinen Interesses wegen, um das Publikum über die Nachtseite des jüdischen Zeitungswesens aufzuklären, will ich das Glück und Ende der „Kritik und Reform" schildern. Das Blatt ist von einem Herrn Oskar Waldeck gegründet, der aber nicht, wie der romantische Name anzuzeigen scheint, in einer romantischen Ritterburg, sondern in einem slowakischen Nest zum erstenmale das Licht der Welt verdunkelt hat. Der Mann hat sich lange ohne eigentlichen Beruf in der Welt herumgetrieben und in den siebziger Jahren, als zur Zeit des Lehrermangels in Oesterreich auch solche Candidaten zur Prüfung zugelassen wurden, die kein Seminar besucht hatten, stellte auch Oskar Waldeck, der damals Jacob; Friedländer hieß, sich zur Prüfung, ist aber schmählich durch-! gefallen. So ist er Journalist und Retter des Judenthums geworden. Die „Kritik und Reform" hat im August v. I. den Schreiber dieser Zeilen auf's GröbliHste angegriffen, als er ein literarisches Machwerk W.'s, das mit hochklingendem Titel in die Welt trat, so abfertigte, wie es verdiente. Er sah sich znr gerichtlichen Klage veranlaßt und in Folge dessen

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