Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1886)
- Date
- 1886-03-16
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227622--43377-3263734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
179 reinen Vernunft" verlor das philosophische Theorem Mendelssohns seine ganze Fundamentiruug, und nur seine ästhetische und ethische Denkweise behauptete ihren Platzt) So kam es denn, daß Mendelssohn auf dem Standpunkte des Maimonides hinsichtlich der Tradition und der ganzen traditionellen Gesetzgebung verblieb und ebenso wie dieser die am Anfänge der Pirke Aboth angegebene Ueberlieferungskette für eine „geschichtliche Wahrheit" ansah, so die ganze talmudische Entwickelung unmittelbar an Moses und die sinaitische Gesetzgebung anknüpfte, jene ebenso wie diese auf göttliche Eingebung, auf einen „göttlichen Ursprung" zurückführte. Von einer Entwickelung im Judenthume, von den doch so klaren Phasen desselben im Mosaismus, Prophetismus, Talmudismus und Rabbinismus hatte er keine Ahnung. — Man wird schon hier zugeben, daß an eine Zweideutigkeit, an ein Hinken auf zweien Seiten, bald auf der philosophischen, bald auf der rabbinischen Seite, weder bei Maimonides, noch bei Mendelssohn die Rede sein kann. Ihre Ueberzeugung kam ihnen aus dem Mittelpunkte ihrer Denkweise und dieser blieben sie treu in ihrem Leben und in ihren Schriften. Den geistigen Vroeeß, den beide Philosophen hierbei durchmachten, haben sie aber auch ausführlich dargethan. So sehr auch Maimonides in seinem More wie in den Schemone Perakim der aristotelischen Lehre folgt, so weicht er doch sofort von dieser ab, sobald sie den Lehrbegriffen des Judenthums widerstreitet. Als philosophischer Denker konnte er dann allerdings hinsichtlich des jüdischen Gesetzes mit der bloßen formellen Anerkenntniß sich nicht zufrieden geben, und wir sehen ihn deshalb von dem 31. Abschnitt des 3. Theiles des More an! nach den Gründen und Zwecken der Gesetze suchen. Er be- | stritt diejenigen, welche die Untersuchung und Erkenntniß der Gründe und Zwecke der Gesetze als gefährlich oder auch nur als überflüssig ansahen, und indem er zugestand, daß die Beobachtung der Gesetze von dieser Erkenntniß der Grunde und Zwecke (riW ^2) ganz unabhängig sei, legte er doch ein großes Gewicht auf die Ergründung derselben, da nach seinem System auch die sittliche Vollkommenheit des Menschen, die Vervollkommnung und zukünftige Glückseligkeit von dem immer höher steigenden Bewußtsein abhängt, mit welchem die Gesetze geübt werden. Ohne die Erkenntniß ist ihm die Beobachtung des Gesetzes eine zweite, niedrigere Stufe. Dies hier genüge über Maimonides, Mendelssohn hat sein religiös-theologisches System in seinem „Jerusalem", das im Mai 1783 erschien, ausführlich dargestellt und zu diesem wollen wir uns jetzt wenden. (Forts, folgt.) 1) Wer sich hiervon unterrichten will, dem empfehlen wir die in zweiter Auslage erschienene Schrift: „Die Grundlagen der Mantschen Erkenntnistheorie. Eine Einführung in die Kritik der re'neu Vernunft von Dr. Wilh. Münz. (Breslau, Koebner, 18S5.)" Wohlthiitige Werke. UI. Unsere Leser folgen uns willig von Petersburg nach St. Louis in den Vereinigten Staaten. Je selbständiger und unabhängiger der Mensch ist, desto eher fühlt er sich für einen gemeinsamen Zweck, zur Verbindung mit Gleichgesinnten geneigt, weil er eben seine eigenen Kräfte nicht ausreichen sieht. Man überläßt eben in solchen Staaten nicht Alles den Anordnungen der Regierung, sondern vertraut auf die eigene Kraft. Das haben wir bereits mehrere Male bei unseren Glaubensgenossen in Nordamerika zu beobachten Gelegenheit gehabt. Wir brachten auch im vorigen Jahrgang Mittheilungen über den Bund, welchen die jüdischen Unterstützungsvereine (Hebrew Relief Assocrations) mehrerer Städte und Ortschaften gebildet haben, und der in St. Louis seinen Vorstand hat. Der Zweck desselben ist zuerst die Aufmunterung, Ortsunterstützungs-Bereine zu bilden; zweitens die angemessene Fürsorge für hilfsbedürftige Durchreisende, dagegen drittens die allmähliche Unterdrückung des Wanderbettels. Zu letzterem Zwecke brachten wir einen Auszug aus den Statuten, die uns jedoch zu komplieirt und mit zu vielen Schreibereien verbunden erschienen. 28 der bedeutendsten Unterstützungsvereine sind dem Verbände beigetreten. Vor Kurzen veröffentlichte nun der Vereinsvorstand in St. Louis, Mo. eine Statistik aller jüdischen Unterstütznngsvereine in den Bereinigten Staaten. Obschon demselben aus mehreren Orten auf seine Fragen keine Antwort geworden, sind diese statistischen Angaben wohl ziemlich vollständig. Wir haben uns die Mühe gegeben, aus den Tabellen die Gesammtzahlen zu ziehen und hiernach bestehen, außer wo die Gemeinden die Armenpflege selbst verwalten, und außer den Logen, 173 organisirte selbständige Armenunterstützungs-Vereine. Was uns jedoch hierbei eine besondere Befriedigung verschaffte, war, daß in diese Zahl 79 Frauenvereine einbegriffen sind. Die jüdischen Frauen Amerikas scheinen also einen edlen Eifer für wohlthätiges Wirken zu besitzen, besteht doch selbst in der Mormonenstadt am Salzsee ein solcher jüdischer Frauenverein. Eine besonders reiche Zahl von Vereinen befindet sich in den: Staate Texas, während der organisirten Gemeinden daselbst noch wenige sind. Endlich bemerken wir noch, daß in den größeren Städten, wo sich sehr zahlreiche jüdische Gemeinden neben einander gebildet haben, die Unterstütznngsvereine sich zu einem einzigen zu vereinigen beginnen, so in New-^jork, in Philadelphia, in Pittsburg. Wir versetzen uns nun wieder nach Deutschland, wo uns eine Fülle von Einzelberichten erwartet. In Frankfurt a. M. fand dieser Tage die Generalversammlung des Vereins zur Bekleidung israelitischer Knaben statt. Der Verein zählt gegenwärtig 450 Mitglieder mit 3180 Mk. jährlichen 12*