Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1886)
- Date
- 1886-03-16
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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178 sammen, daß es im Judenthume keinen „Glauben" gebe, und das Wort fE&n und h;idn in der h. Schrift niemals „Glauben" bedeute. Uns will es jedoch bedünken, daß dies nur eine Consequenzmacherei war. „Ich erkenne für wahr und gewiß" heißt doch hier nichts Anderes als „ich anerkenne, ich halte für wahr und gewiß", ohne Hinweis auf die Quellen dieser Ueberzeugung. Wie dem auch fei, Mendelssohn konnte mit dieser Phrase nicht aussagen wollen, daß er diese Ueberzeugung durch vernunftgemäße Erkenntniß erlangt habe; dagegen spricht schon der Inhalt einiger dieser Grundlehren. Wir führen als Beispiel den dreizehnten an, weil dieser zugleich recht deutlich die Art bezeichnet, wie Mendelssohn den Ausspruch seines Vorgängers bearbeitet. Dieser sagt: „Ich halte für wahr und gewiß, daß die Wiederbelebung oer Todten stattfinden wird zu der Zeit, wo der Wille hierzu vom Allerheiligsten, gelobt sei Er, ausgeht." Wie aber überarbeitet dies Mendelssohn? „Ich erkenne für wahr und gewiß, daß Gott nach dieser Zeit die Tugendhaften, welche sich seiner höchsten Gnade würdig gemacht, vom Tode erwecken und auferstehen lassen wird, damit sie theilnehmen an der Glückseligkeit ihrer Kinder und Nachkommen." Obschon Beide in ihren Ausdrücken an Stellen im Talmud sich lehnen, blickt man hier doch hinein, auf welche Weise Mendelssohn sich den Inhalt dieses Artikels zurechtlegte, um ihn wenigstens etwas begreiflich zu machen. Man kann nun zugeben, daß diese Lehre von der Auferstehung der Todten von glaubensstarken Seelen geglaubt werden kann, aber eine vernunftgemäße Erkenntniß, wie sie Mendelssohn für die religiösen Wahrheiten fordert, ist für denselben nicht möglich, noch dazu, da er auf die Erklärung der Kabbalisten verzichtet, daß, was von Gott geschaffen ist, durchaus nicht untergehen könne, da jede Gestaltung ein Gedanke Gottes sei. Doch dies ist für unsere gegenwärtige Untersuchung nicht die Hauptsache. Wir finden dieselbe vielmehr im achten Artikel. Dieser lautet bei Maimonides: nny msD.-, rrrm Jot? roiDöo tdnd NYi ',^7. Mendelssohn überträgt ihn folgendermaßen: „Ich erkenne für wahr und gewiß, daß das Gesetzbuch, welches uns Mosche hinterlassen, ihm auf eine übernatürliche Weise eingegeben worden und keinen einzigen Bers oder Spruch enthalte, den Mosche von selbst, ohne göttliche Eingebung, niedergeschrieben haben sollte, und daß ferner die uns überlieferte Erklärung und Auslegung dieser von Mosche niedergeschriebenen Gesetze gleichfalls göttlichen Ursprungs sei." Wenn Maimonides' Abfassung höchst einfach ist und voraussetzen läßt, daß er unter der Thora sowohl die schriftliche wie die mündliche, den Pentateuch wie die Tradition versteht, läßt Mendelssohn nichts an Deutlichkeit fehlen und umfaßt in seinem Artikel Alles, was zum Gegenstände gehört. Was folgt hieraus? Daß Beide fest i uicht allein auf dem Boden der Gottgläubigkeit stehen, son-! bern auch auf dem der Offenbarungsgläubigkeit, und zwar * auch hinsichtlich des göttlichen Ursprungs der „Erklärung und Auslegung", welche das Gesetz Mosis im Talmud erhalten hat. Hinsichtlich des letzteren Momentes, welches für die Stellung Mendelssohns im Judenthume so überaus wichtig ist, weil es zugleich das Verhältniß Mendelssohns zu der modernen Entwickelung des Judenthums feststellt, drängt sich uns die Frage auf, wie es bei einem philosophisch geschulten und selbst schöpferischen Geiste zu erklären ist? Die Ursache lag, wie es uns bedünkt, in dem vollständigen Mangel an historischem und geschichtlich-kritischem Sinne, der Mendelssohn eigen war. Wir meinen nicht, daß es Mendelssohn an kritischem Geiste gefehlt habe. Eine solche Behauptung wäre dem Scharfblicke, der Definitionsgabe, dem Unterscheidungsvermögen gegenüber, welche Mendelssohn in seinen philosophischen Schriften auf jeder Seite bewährt, ganz unhaltbar. Aber es war eben nur eine kritische Befähigung auf dem Boden der allgemeinen und speciellen philosophischen Fragen, namentlich auf dem Gebiete der Ethik, Aesthetik und populären Metaphysik. Aber er selbst bezeugt, daß er für die Geschichte kein Interesse habe, an historischen Schriften nur dann eine Theilnahme empfinde, wenn ihre Form ihm gefällt. Mendelssohn wollte von der Entwickelung der Menschheit, von der fortschreitenden Entwickelung nichts wissen und huldigte vielmehr der Ansicht, daß wenn bei einem Theile des Menschengeschlechts der Fortschritt der Bildung und Gesittung bemerkbar ist, ein anderer Theil dafür desto tiefer sinkt und die Waage wieder gleich hält. Er trat hierin, wie er ausdrücklich bemerkt, den „Ansichten seines Freundes Lessing", die dieser in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts" entwickelt hatte, scharf entgegen. Wir werden hierauf noch einmal zurückkommen. Folglich erblickte er in der Geschichte nichts als eine Erzählung der Ereignisse und eine Schilderung der in ihr anftretenden Persönlichkeiten. Eine Untersuchung, eine kritische Prüfung auf dem Gebiete der Geschichte gab es für ihn nicht. Er nahm die geschichtlichen Dinge so an, wie sie eben überliefert worden. Die letzteren benannte er deshalb „geschichtliche Wahrheiten", die er von den „ewigen Wahrheiten", welche der Verstand hervorbrachte und begriff, unterschied. Diese Anschauung wiederum wird uns erklärlich, theils durch den Entwickelungs gang, welchen Mendelssohn in seiner wissenschaftlichen Ausbildung genommen, und in welchem die Autodidaktie und hiermit die sprungweise Erreichung der wissenschaftlichen Stufen, vorwaltete, theils dadurch, daß Mendelssohn vor Kant seine philosophische Bildung und seine philosophirende Thätigkeit hatte. Dieser Genius erst untersuchte die menschliche Erkenntniß, setzte deren Grenzen fest und zeigte, wo sie unzulänglich und wo sie ihres Weges sicher sei. Mit der „Kritik der