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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-09 · Heft 11 (9.3.1886) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 11 (9.3.1886)
Date
1886-03-09
Page
Seite 174 (sequence 14)
Language
German
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174 leihung von Nähmaschinen rc. verwendet. Bei der Auswanderung wurden im vorigen Jahre 351 Personen unterstützt, am meisten Sorgen machen dem Armenamt aber die Einwanderer, zu denen im vorigen Jahre allein aus Deutschland 250 ausgewiesene Familien gekommen sind. 1881 waren!>000 fremde Juden in London, darunter die meisten fast mittellos. (Offenbar ist die Angabe von 17,000 Lst. jährlich viel zu gering beziffert.) — Die „Voss. Ztg." schreibt: Seit dem Sommer v. I. sind in London nicht weniger als 250 arme jüdische Familien angekoinmen, die aus Preußen ausgewiesen worden sind. Diese Masseneinwanderung hat in dem Ostende von London, in welchem von jeher eine feindselige Stimmung gegen arme Ausländer, insbesondere gegen jüdische Flüchtlinge und Deutsche herrschte, ziemlich bittere Gefühle wachgerufen. (Das fehlte noch.) Liverpool, im Februar. Die Zeitungen haben die Eröffnung eines großen Tunnels, der unter der Mersch geht, berichtet. Der desfalsigen Ceremonie präsidirte der Prinz v. Wales. Der Unternehmer dieses unterseeischen Tunnels ist ein Israelit, der Major Jsaac, der trotz seiner 70 Jahre die größte Thätigkeit entwickelt. Er hat diesem großen Werke die Summe von 100000 L. St. (2 Millionen Mark) gewidmet. Südamerika. Buenos-Ayres, im Januar. (Nach dem Besillo.) So lange die südamerikanischen Länder unter spanischer und portugiesischer Herrschaft standen, durfte kein Jude sie betreten. Man erinnert sich noch, wie ein Schiff aus Rotterdam auf der Fahrt nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung, als es im Hafeu von Bahia anlief und unter den Passagieren sich zrvei israelitische Kaufleute von Hartem befanden, die portugiesische Regierung diesen verbot, das Land zu betreten. Diesem Verhalten machte der Sturz der spanischen und portugiesischen Herrschaft ein Ende. Mit der Thronbesteigung Don Pedro's in Brasilien traf auch die Ankunft der Israeliten in Rio de Janeiro zusammen; sie haben daselbst eine beträchtliche Gemeinde begründet, in welcher die amerikanischen, englischen, französischen und deutschen Elemente in Frieden Zusammenleben. Die ersten dieser israelitischen Ansiedler kamen aus Jamaica; seit 1871 ist es vorzüglich eine Anzahl Juden aus Elsaß-Lothringen, die sich hier uiederlassen. In geringer Zahl findet man sie in Valparaiso, Callao, Lima. Mehr von ihnen erschienen in Buenos-Ayres. Es sind ihrer, soweit sie ihr Jndenthum bekannt haben, 45 Personen beiderlei Geschlechts. Am ersten Tag Rosch Haschana versammelten sich in einem Betsaale 46 Personen, von denen 6 weiblichen Geschlechts. Der Raum war nach jüdischem Ritus eingerichtet. Ein gewisser Rabbi Joseph von englischem Ursprünge leitete den Gottesdienst nach deutschem Ritus. Das Schofar wurde am ersten Tage durch einen Deutschen, am zweiten! durch einen jungen Mann aus Nizza geblasen, man sieht, alle Länder trugen zu dieser kleinen Schaar bei. Doch besaß man zwei Thorahrollen und die Spenden beim Aufrufen zur Thorah überstiegen 2000 Frcs., die theils für Arme, theils zum Erwerb eines Grundstückes zu einem Friedhofe bestimmt wurden. Am Jom Kippur waren 45 Männer und 15 Frauen gegenwärtig. Ein Kohen war nicht vorhanden. Die Gedächtnißfeier für die Verstorbenen machte tiefen Eindruck. Auch am Sukkoth war Gottesdienst, jedoch unter geringer Assistenz. Ein alter Arzt aus Modena, der seit vielen Jahren in Buenos-Ayres wohnt, übt die Beschneidung aus. Das italienische Blatt macht hierzu die Bemerkung: Da diese Gläubigen aus so vielen Nationalitäten sich zusammensetzten, wäre wohl diese religiöse Bereinigung möglich gewesen, wenn nicht der Gottesdienst in hebräischer Sprache stattgefunden? Bonn, 28. Februar. (Notizen.): Aus Pest wird uns geschrieben: Am 18. d. M. fand im hiesigen Landes- Rabbiner-Seminar nach drei Tage lang dauernden Prüfungen die feierliche Entlassung und Promotion dreier Hörer statt. In Wien erscheint ein den Interessen der Taubstummen gewidiuetes Monatsblatt „Taubstummen Curier," dessen Redakteur H. Bernhard Brill, Sohn des Rabbiners S. L. Brill in Pest, ist. Derselbe erhielt seine Ausbildung im Wiener isr. Taubstummeii-Jnstitute.— Man schreibt der „Franks. Ztg." Charles Cohn, einer der ältesten deutschen Journalisten Newyorks, ist am 12. Februar nach kurzer Krankheit daselbst einem Nierenleiden erlegen. Der Verstorbene hatte, obgleich so viele Jahre mitten im Gewühl des Zeitungsgetriebes rastlos thätig, das Leben eines Einsiedlers geführt. Bor etwa 60 Jahren in Breslau geboren, besuchte er das Gymnasium seiner Vaterstadt, um sodann als Correktor an der Stein'schen „Oderzeitung" daselbst eine Anstellung zu finden, die den vielseitig gebildeten Mann auf die Dauer aber nicht zu fesseln vermochte. In den fünfziger Jahren wanderte er nach Newyork aus, war hier zunächst an dem englischen Fachblatt „Iran Age“ thätig, trat aber bald in die Redaktion des „Newyorker Demokrat" ein als Lokalredakteur und Redakteur des Sonntagsblattes „Beobachter am Hudson". I» diesen beiden Blättern kam die Kraft seines Urtheils und die Schlagfertigkeit seines zur Satire geneigten Geistes zur Geltung, bis der „Demokrat" zu Grunde ging. Dann ward er als Lokalredakteur an die „ Newyorker Staatszeituug" berufen, welcher er aber kaum 2 Jahre lang angehörte. Seitdem hat der alte Herr, welcher weder an das öffentliche Leben, noch an den geselligen Verkehr dieses Landes sich recht gewöhnen konnte, privatisirt. Hr. Cohn soll ein ansehnliches Vermögen hinterlassen haben: das Resultat einer rigorosen Sparsamkeit und selten anspruchsloser Ledensgewohnheiten.

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