Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1886)
- Date
- 1886-03-09
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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173 „ zwei" Juden, die bekannten Warschauer Kaufleute: Herr Johann Bloch und Herr Heinrichs Natansohn, als Delegirte seitens der Juden berufen. Diese sog. „Judencommission Nr. 2" hat, sicherem Vernehmen nach, ihre Thätigkeit begonnen, in welcher demnächst die interessantesten aller Angelegenheiten, nämlich die Einführung der „Jgnatiew'schen Maigesetze" die Niederlassungsrechte der Juden in den Dörfern, sowie im Rayon der Grenze und des Hausirhandels u. s. w. in Polen, werden verhandelt werden. — Die jüdischen Einwohner von Kameneß - Podolsk, welche nicht das Glück hatten, in dieser Stadt geboren zu sein, haben zufolge der jüngsten, von mir in der letzten Nummer der „A. Z. d. I." vor. I. mitgetheilteu Verfügung des dortigen Gouverneurs von der Polizei den Befehl erhalten, spätestens bis zum 15. Februar die Stadt zu verlassen. Der Grund dieser Ausweisung ist, daß Kameneß-Podolsk innerhalb der Entfernung von 50 Werst von der galizischen Grenze liegt, woselbst nach einem alten Ukas Juden nicht wohnen dürfen. — In den Dörfern im Kreise Orhiow werden die Juden, die sich nach dem 3. Mai 1882 niedergelassen haben, in aller Eile ausgewiesen. — Das von dem Curator des Wilnaschen Lehrbezirks an die ihm Untergeordneten erlassene Circular, den jüdischen Gymnasiasten zu verbieten,Kindern Andersgläubiger Unterricht zu ertheilen, wurde auf seine Verwendung dem Ministerium der Volksaufklärung zum Votum unterbreitet, mit dem Verlangen, diese Maßregel für sämmtliche Gymnasien u. s. w. Rußlands zu bestimmen. Wie der „Hamelitz" vom 25. Januar aus sicherer Quelle mitzutheilen weiß, soll vor Kurzem diese Frage vor dem 26 Mitglieder zählenden Comite des genannten Ministeriums zur Verhandlung gekommen sein, und dieses sich mit großer Majorität gegen eine solche Maßregel erklärt haben. — Dem „Sarja" zufolge, hat das Ministerium der Volksaufklärung jüdischen Damen von höherer Bildung die Eröffnung von Privatschulen in Petersburg für Kinder ihres Glaubens bewilligt. — Die Stadtvertretung von Warschau hat für die jüdischen Schulen 10,670 Rubel votirt. — Die harten Verfolgungen der Inden von der Polizei in Petersburg haben nach dem „Hamelitz" etwas nachgelassen. Es wurde den jüdischen Soldaten alter Ordnung das Niederlassungsrecht in der Residenz, welches bis vor Kurzem gestattet war, voriges Jahr, wie ich seiner Zeit mittheilte, abgesprochen. Wie das angeführte Blatt schreibt, dürfen diese Soldaten sich wieder niederlassen. — Nach einer denkwürdigen Clausel in den Jgnatiew'schen Vorschriften werden jetzt vom Hauptmannsgericht in Talsen (Kurland) in diesem Jahre den jüdischen Landbewohnern keine Patente zum Betrieb ihres Handels verabreicht. Viele jüdische Familien, die ihre Geschäfte schließen mußten, wurden in das größte Elend gestürzt. — Mit dem Jahre 1886 (alt. St.) trat das in Petersburg erscheinende, gut unterrichtete hebräische Organ „Hamelitz", unter der Redaction des greisen jüdischen Gelehrten und um die neuhebräische Publicistik so hochverdienten Herrn Alexander Zederbaum, in den sechsundzwanzigsten Jahrgang seines Bestehens. Die Re daction der Zeitung ist von Odessa nach Petersburg verlegt worden, und seit 1883 erscheint das Blatt zweimal wöchentlich. Soeben ist der bekannte Hebraist Herr I. Gordon als zweiter Redaeteur bei dem „Hamelitz" eingetreten. Möge es dem Veteranen der hebräischen Journalistik, Herrn Zederbaum, vergönnt sein, seine segenbringende Thätigkeit innerhalb der russischen Judenheit noch Decennien lang fortzusetzen. Auch dem „Hamelitz" selbst wünschen wir ferneren gedeihlichen Fortgang. Moses Feinkiud. Großbritannien. London, im Febr. Man schreibt von hier: „Unter den orthodoxen Juden Londons hat sich eine Liga gebildet, welche bezweckt, die beabsichtigte Abtragung der alterthümlichen und mit historischen Erinnerungen verknüpften Bevis Marks Synagoge zu verhindern. Diese Synagoge wurde 1701, kurz vor der Wiederzulassung der Juden in England durch Cromwell, unter der Leitung vonManasseh ben Israel, errichtet. (Die letzte Notiz ist unrichtig, denn Manasseh b. Israel ist 1657 gestorben, und war 1656 in England. Red.) London, 18. Februar. Angesichts des großen Nothstandes macht die „Daily News" in einem Artikel auf die vorzüglich organisirte Armen-Unterstützung unter den Londoner Juden aufmerksam, um zur Nachahmung aufzufordern. Von den 60,000 in London lebenden Juden bedürfen 11,000 Personen mehr oder weniger der Unterstützung. Nachdem die drei City-Synagogen sich 1867 vereinigt hatten, wurde die Unterstützung der jüdischen Armen dem 1859 gegründeten Armen-Amte übergeben. Die Gelder (gegen 17,000 Lst. jährlich) werden durch freiwillige Beiträge zusammengebracht und jährlich werden von den Beisteuernden 15 Mitglieder des Armenamtes erwählt, während in demselben 19 als Delegirte der Synagogen sitzen. 109 Herren und 55 Damen besuchen die Armen. Es existirt eine Anleihen-Abtheilung, von welcher Summen im Betrage von 1 bis 10 Lst. zinsfrei ausgeliehen werden, rückzahlbar zu 6 Pence per Woche und per Pfund. Ein Bote holt das Geld ab und bisher sind nur 4 pCt. der ausgeliehenen Summe verloren gegangen. Sodann existirt ein Fonds, um Knaben als Lehrlinge auszubilden; im vorigen Jahre wurden 283 Knaben auf diese Weise angebracht, wobei die Eltern das vorgeschossene Geld durch wöchentliche Zahlungen von dem Lohne des Knaben zurückzahlen, so daß dieser sagen kann, kein Almosen erhalten zu haben. Als eine Art Vormund für den Knaben fungirt ein Comitemitglied. Andere Fonds werden zur Erziehung der Mädchen, Aus-